WÜRZBURG

Terror: Mehr Schutz für die Ersthelfer

Terrorabwehr-Übung der Polizei in Kiel
Jahrzehntelang wurden Rettungskräfte zur schnellen Hilfe für Patienten angetrieben: "Tempo rettet Leben", hieß es immer. In Zeiten der Terrorgefahr gelten andere Regeln. Foto: Carsten Rehder (dpa)

Tausende ehrenamtlicher Helfer bei den Rettungsdiensten wie dem BRK bilden – etwa bei Sport- oder Weinfesten in Unterfranken – die Speerspitze der Notfallversorgung. Jahrzehntelang wurden sie zur schnellen Hilfe für Patienten angetrieben: „Tempo rettet Leben“, war das Credo des „Vaters der Notärzte“ Professor Peter Sefrin in Würzburg.

Doch die Terror-Gefahr zwingt den BRK-Landesarzt Sefrin jetzt, ein neues Konzept zu vermitteln, das ihm selbst nicht leicht von den Lippen geht: „Wir bleiben erst mal weg vom Patienten, solange die Polizei die Lage nicht für sicher hält.“

Zeitweise war auch beim Axt-Attentat vor einem Jahr in Würzburg die Lage für die ersten Helfer gefährlich: Zunächst wusste niemand, ob mehr als ein Terrorist auf der Flucht war und ob er sich noch in der Nähe der Verletzten aufhielt.

Erstversorgung durch Polizisten

Künftig sollen in solchen Situationen speziell geschulte Polizisten die erste Versorgung der Patienten leisten und Verletzte danach schnell an sicheren Punkten dem Rettungsdienst übergeben. Die Helfer bekommen neue Ausrüstung und die Ausbildung, um Verletzte schnell aus der Gefahrenzone schaffen zu können – statt sie (wie bisher) zunächst vor Ort so gut wie möglich zu stabilisieren. Sefrin lernte auch von Erfahrungen französischer Kollegen bei Terroranschlägen – manchmal auch profane Details: „Wir hatten zu wenig Material, um Blutungen zu stillen“, erzählten sie. Konsequenz für die unterfränkischen Helfer: Verbandsmaterial auch aus Militärbeständen, das auf solche Fälle zugeschnitten ist, Notfall-Sets, die Blutungen stillen und die Atmung stabilisieren – das kann Leben retten, wenn die Helfer gelernt haben, damit in Notlagen an schreienden, blutenden Opfern eines Anschlages zu arbeiten.

In Würzburg wurden jetzt Ausbilder des Roten Kreuzes mit dem Konzept vertraut gemacht. Sie sollen ihr Wissen dann in den BRK-Verbänden in Unterfranken an die ehrenamtlichen Helfer weitervermitteln, wie Bezirksbereitschaftsführer Harald Erhard aus Kitzingen und Sebastian Schlereth von der Wasserwacht Unterfranken beispielhaft erläuterten. Das Ziel ist, in Unterfranken (nach den Notärzten und Rettungsassistenten) rund 7000 ehrenamtliche Helfer mit dem Konzept vertraut zu machen. Das BRK setzt unter Federführung seines Landesarztes damit nach den Anschlägen von Würzburg, München und Ansbach die „Handlungsempfehlungen für Rettungsdiensteinsätze bei besonderen Einsatzlagen (Rebel)“ um.

Eng verzahnte Kommunikation

Kern des Konzeptes ist nicht nur die Ausrüstung des Rettungsdienstes, sondern eine engere Kommunikation mit den Einsatzstäben der Polizei. Hinter dem Begriff „besondere Einsatzlagen“ verbergen sich die Szenarien Terror, Terrorverdacht und „unklare Lagen mit vermutlich anhaltender Bedrohungslage“, wie der Amoklauf 2016 in München.

„Wir haben künftig eine Standleitung zwischen Rettungsleitstelle und Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums und damit eine noch engere Verzahnung, die uns hilft, unsere Arbeit zu koordinieren“, macht Sefrin deutlich. Dazu kommen abgestimmte Einsatzkonzepte von Führungskräften, die sich in Unterfranken aus vielen gemeinsamen heiklen Einsätzen kennen. Sie legen Prioritäten für Polizei, Rettungsdienste und Feuerwehr fest und koordinieren die Ausbildung: „Ohne das Engagement von Johannes Hemm wären wir lange nicht so weit“, betont Sefrin die Mitwirkung des langjährigen Einsatzleiters der Polizei, der diese Verbesserung als letzte Aufgabe vor der Pension mit auf den Weg gebracht hat. „Hemm ist die Seele dieses Miteinanders“, sagen auch andere Führungskräfte über den Leitenden Polizeidirektor aus Gaukönigshofen (Lkr. Würzburg). „Seine immense Erfahrung, seine Besonnenheit und Entschlusskraft werden uns fehlen.“

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