Würzburg

Themenabend "Entwicklungszusammenarbeit und Migration" 

Der ehemalige Krisenmanager Kilian Kleinschmidt hat in Ländern wie Pakistan, Uganda und Ruanda viel Schlimmes erlebt. Darüber sprach er in der Kellerperle.
Kilian Kleinschmidt war Leiter des weltweit zweitgrößten Flüchtlingslagers. Darüber berichtete er in der Kellerperle. Foto: Thomas Obermeier

Wenn der "Löwe von Zaatari" öffentlich auftritt, um seine Forderungen nach mehr Humanität in der Welt und einer liberaleren Flüchtlingspolitik zu erklären, dann sind die Säle voll - das war auch bei dem von der AWO und der Georg-von-Vollmar-Akademie veranstalteten Themenabend "Entwicklungszusammenarbeit und Migration" in der Kellerperle nicht anders: Rund 150 meist junge Menschen waren gekommen, um Kilian Kleinschmidt zuzuhören und mit ihm zu diskutieren.

Der heute 56-Jährige war als Krisenhelfer und -manager im Auftrag der Vereinten Nationen und ihrer Hilfswerke ein Vierteljahrhundert lang in vielen Regionen der Welt im Einsatz und hat in Ländern wie Pakistan, Sri Lanka, Uganda, Kongo und Ruanda viel Schlimmes erlebt - von psychischer Folter über Attentatsversuche bis hin zu den Folgen von Anschlägen mit Splitterbomben. Von 2013 bis 2014 war Kleinschmidt Leiter des Flüchtlingslagers Zaatari in Jordanien, mit 150.000 Menschen damals eines der größten der Welt. Seit 2015 ist er Berater der österreichischen Regierung und arbeitet mit seiner Agentur daran, die Interessen von Wirtschaftsunternehmen mit Entwicklungshilfe zu verbinden.

Flüchtlinge sind seine Helden

Die etwa zwei Millionen Menschen, die 2015 und 2016 als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, "sind meine Helden", sagte Kleinschmidt. Helden deswegen, weil die sogenannte Flüchtlingskrise gezeigt hat, dass hierzulande wichtige Errungenschaften des Sozialstaats in den vergangenen Jahren radikal abgebaut wurden. "Und sie haben uns gezeigt, dass karitative Almosenhilfe nicht mehr funktioniert. Auch diese Menschen wollen Chancen und Perspektiven für ihr Leben", erläuterte der 56-Jährige.

Dazu kommt, dass Hilfsorganisationen weltweit pro Jahr nur etwa 25 Milliarden Euro an Spenden zur Verfügung haben und die von den Staaten weltweit ausgegebene Summe für öffentliche Entwicklungshilfe nur 130 Milliarden Euro beträgt. "Das sind Peanuts und reicht nicht aus, um Millionen von Menschen aus der Armut zu holen", so Kleinschmidt. Und genau das wäre für ihn der richtige Ansatz. Menschen verlassen ihre Heimat nicht nur, um Krieg und Verfolgung zu entgehen, Armut ist ebenfalls eine häufige Fluchtursache - durch Globalisierung und weltweite Vernetzung bekommen auch die Bewohner der entlegensten Gebiete der Welt mit, welche Chancen und Lebensbedingungen es anderswo auf der Welt gibt.

Weltweit 70 Millionen Menschen auf der Flucht

"Armut ist für mich in einer Welt, die eigentlich alles hat, eine gravierende Menschenrechtsverletzung. Die Ressourcen sind da", betonte Kleinschmidt. Dazu kommt der Klimawandel, dessen Folgen künftig noch mehr Menschen dazu zwingen werden, ihre Heimat zu verlassen - dabei sind derzeit weltweit bereits rund 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Für Kleinschmidt ist das historisch betrachtet auch nicht ungewöhnlich: "Migration ist schon immer Teil der menschlichen Evolution und war der Ursprung vieler Zivilisationen", so der 56-Jährige: "Wir alle sind aus Flucht entstanden. Ohne Migration würden wir noch in Höhlen in Afrika leben."

Als Leiter des Flüchtlingslagers in Jordanien hat er gelernt, worauf es ankommt, wenn man Menschen auf der Flucht wirklich helfen will: "Unser Reflex ist es zu denken, dass arme Menschen mit einem Brunnen, Essen und ein paar Ziegen zufrieden sind. Dabei wollen sie arbeiten, studieren, leben und in ihrem Leben weiterkommen." Deshalb sei es auch falsch zu glauben, dass ein Großteil der aufgenommen Flüchtlinge irgendwann wieder in ihre Heimat zurückkehren werde.

Als Kleinschmidt nach Jordanien kam, probten die Geflüchteten im Lager Zaatari einen gewalttätigen Aufstand, obwohl sie ein Dach über dem Kopf hatten und täglich mit Nahrungsmitteln und Wasser versorgt wurden: "Sie haben gegen die Entmenschlichung rebelliert und dagegen, für die nächsten Jahrzehnte in einem Lager abgestellt zu werden."

Inzwischen ist aus Zataari eine funktionierende Stadt entstanden - unter anderem deshalb, weil Kleinschmidt es durchgesetzt hat, dass die Bewohner ihre eigenen Geschäfte betreiben und ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen können: "Die Menschen brauchen Business, sie wollen sich einen Lebensraum schaffen", lautet sein Credo. Auch der Reflex, Flüchtende sofort mit Lagern zu assoziieren, müsse abgeschaltet werden: Mehr als die Hälfte aller Menschen auf der Flucht sind nicht in Lagern untergebracht, "sondern von anderen armen Menschen aufgenommen worden. Das ist die eigentliche Kraft, mit der diese Krise bewältigt wird."

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