Ochsenfurt

Timothy darf bleiben: "Ich kann wieder ruhig schlafen"

Vorsichtig optimistischer Blick in die Zukunft: Timothy Oko-Oboh hat nach langem Ringen eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen und kann nun seine Ausbildung zum Altenpfleger beginnen. Foto: Catharina Hettiger

Seit die Geschichte von Timothy Oko-Oboh im Sommer 2017 öffentlich gemacht wurde, haben viele Menschen mit dem 20-Jährigen mitgefiebert. Der Nigerianer ist als knapp Zwölfjähriger aus seiner Heimat geflohen und lebt seit 2015 in Deutschland. Obwohl er gut Deutsch spricht, einen qualifizierten Job in der Altenpflege hat und für sich selbst sorgen kann, wurde sein Asylantrag im Februar 2018 abgelehnt; drei Monate später folgte die Abschiebeanweisung.

Wie der 20-Jährige im Gespräch schildert, war die Zeit danach geprägt von großer Unsicherheit, Angst und schlaflosen Nächten. „Abgeschobene Asylbewerber werden meist in einer Nacht- und Nebelaktion von der Polizei abgeholt und zum Flughafen gebracht“, erklärt Sven Stabenow aus Ochsenfurt, in dessen Familie der 20-Jährige lebt. „Timi wusste meist, wann ein Flugzeug nach Nigeria geht, das spricht sich unter den Geflüchteten herum.“

"Man wollte kein Negativ-Exempel an Timi statuieren"

Die Vorstellung, zurück nach Nigeria zu müssen, wo er sein Leben bedroht sieht, machte Oko-Oboh derart Angst, dass er mit dem Gedanken spielte, unterzutauchen. Doch seine Pflegeeltern Claire und Sven Stabenow bestärkten ihn, zu bleiben: „Verhalte Dich ruhig, hab' Vertrauen zu Gott und arbeite weiter.“ Dem Ochsenfurter Ehepaar war klar: Nur wenn sich ihr Schützling korrekt verhält, hat er eine Chance, zu bleiben. „Wir waren immer zuversichtlich gestimmt –haben uns aber zusammen mit Timi auch intensiv auf den Fall der Abschiebung vorbereitet, um ihn gegebenenfalls auch in Nigeria unterstützen zu können."

Dass die monatelange Hängepartie nun ein gutes Ende gefunden hat, scheint Oko-Oboh noch immer zu überraschen. Im März dieses Jahres erhielt er eine Aufenthaltsgenehmigung, mit der er bis Januar 2021 in Deutschland bleiben und im Herbst eine Ausbildung als Altenpfleger beginnen darf. Die Erleichterung ist ihm klar anzusehen: "Jetzt habe ich ein bisschen Freiheit, jetzt kann ich wieder ruhig schlafen."

Was letztlich ausschlaggebend für diese Entscheidung war, kann Oko-Oboh nicht genau benennen. Auch Sven Stabenow hat keine klare Antwort auf die Frage. „Es ist eine Mischung aus verschiedenen Faktoren“, ist er überzeugt. „Timi ist durch die Medien bekannt, und viele haben an seiner Geschichte Anteil genommen.“ Unter anderem deshalb habe man sicherlich kein Negativ-Exempel an ihm statuieren wollen.

"Timothy kann wunderbar mit älteren Menschen umgehen - für sie ist er einfach 'ihr Bu'."
Detlev Münz, Betriebsratsvorsitzender der Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg

Auch das Ende 2018 beschlossene Fachkräftezuwanderungsgesetz könnte bei der Entscheidung für Timothys Aufenthaltstitel eine Rolle gespielt haben, vermutet Stabenow. Das Einwanderungsgesetz soll unter anderem dafür sorgen, dass abgelehnte, aber geduldete und gut integrierte Ausländer für 30 Monate eine Beschäftigungserlaubnis bekommen. „Timi erfüllt alle Kriterien: Er ist mittlerweile seit vier Jahren in Deutschland, hat sich stets tadellos benommen und als Pflegehelfer einen Job, der gebraucht wird.“ In einem solchen Fall könne ein Aufenthaltstitel vergeben werden, erklärt Stabenow.

Und: „Zahlreiche Leute an höherer Stelle, darunter auch viele Politiker, haben sich sicherlich für Timi eingesetzt“, sagt Stabenow. Eine besondere Rolle habe außerdem Timothys Arbeitgeber gespielt: das Kommunalunternehmen des Landkreises Würzburg, zu dem das Ochsenfurter Seniorenheim „Haus Franziskus“ gehört, wo Oko-Oboh arbeitet. Immer wieder hatten Betriebsrat, Geschäftsführung und Personalabteilung insistiert, den 20-Jährigen als Mitarbeiter halten zu wollen – durch Schreiben an übergeordnete Stellen und persönliche Termine bei Politikern.

Klinkenputzen im Team

„Timothy kann wunderbar mit älteren Menschen umgehen, er hat Fingerspitzengefühl und die nötigen Nerven; die Senioren haben ihn ins Herz geschlossen und lächeln, sobald sie ihn sehen – er ist einfach ‚ihr Bu‘“, begründet Detlev Münz sein Engagement für Oko-Oboh. Der Betriebsratsvorsitzende der Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg ist einer derjenigen, die den 20-Jährigen immer wieder unterstützt hat. Mit drei weiteren Kollegen – „sowas geht nur im Team“ – und in Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung bewies er langen Atem: „Wir haben mit unserem Anliegen immer wieder genervt und Klinken geputzt.“

Ob lokale Politiker, Gesundheitsministerin Melanie Huml, Innenminister Joachim Herrmann oder Ministerpräsident Markus Söder: Sie alle haben Münz und seine Kollegen persönlich aufgesucht, um sie auf Timothys Fall aufmerksam zu machen. „Wir haben einen Pflegenotstand – und dann soll jemand wie Timothy abgeschoben werden?“ Die Politiker hätten  Verständnis für die Situation erklärt, sagt Münz, gleichzeitig aber auf die bestehenden Gesetze hingewiesen. Dass Oko-Oboh nun doch bleiben und seine Altenpfleger-Ausbildung beginnen kann, freut den Betriebsratsvorsitzenden.

"Ich bekomme auf der Arbeit täglich Emotionen und tausend 'Danke', das reicht mir eigentlich."
Timothy Oko-Oboh über seine Arbeit im Seniorenheim "Haus Franziskus"

Für Timothy Oko-Oboh ist die Ausbildung ein weiterer Schritt in die Selbstständigkeit; ab August wird er außerdem erstmals eine eigene Wohnung beziehen. Was seinen Beruf angeht, glaubt er, genau das Richtige gefunden zu haben. „Ich habe ein offenes Herz, und ich will Menschen helfen“, sagt er. In Würzburg hatte er die Ausbildung zum Pflegehelfer mit Bestnote absolviert, seitdem arbeitet er im Haus Franziskus. „Die Leute sind lieb, ich bekomme auf der Arbeit täglich Emotionen und tausend ‚Danke‘, das reicht mir eigentlich“, sagt er und lacht.

Seiner Ausbildung zum Altenpfleger sieht Oko-Oboh gelassen und gleichzeitig mit viel Respekt entgegen. Im Berufsalltag fühlt er sich fit, doch in der Berufsschule wird er sich mit viel Theorie auseinandersetzen müssen: Rechtskunde und medizinische Grundlagen erfordern nicht nur gute Deutsch- sondern zum Teil auch Lateinkenntnisse.

Was nach der Ausbildung kommt? Darüber versucht der 20-Jährige, sich noch nicht allzu viele Gedanken zu machen. „Ich hab‘ ja noch Zeit“, sagt er und lächelt vorsichtig.

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