HUBLAND

Topographisch und ökologisch auf hohem Niveau

Das neue Hubland: Im Sprachgebrauch der Würzburger sind es immer noch die Leighton Barracks oder die „Ami-Siedlung“. Der Name Hubland setzt sich erst langsam durch, doch die Planungen für den neuen Stadtteil laufen auf Hochtouren.
Glücklich am neuen Hubland: Sie waren die ersten, die ihr Studium im Campus Nord aufnahmen. Foto: Fotos:Thomas Obermeier(1), Theresa Müller (8), Karl-Georg Rötter

Sonntagvormittag auf den Leighton Barracks. Ach nein, das ist ja jetzt der Campus Nord der Universität bzw. ein Teil des neuen Stadtteils Hubland. Es ist ruhig hier, nur ein paar Vögel zwitschern, sie scheinen die einzigen Bewohner hier zu sein. An einem ehemaligen Sportfeld lässt eine Frau ihren Hund auslaufen. Platz ist hier ohne Ende. Ansonsten verlassene Straßen und schlafende Häuser, die hier wie soeben gelandete Ufos herumstehen. Die Atmosphäre ist gespenstisch. Kein Mensch weit und breit. Ein wuchtiges Eisentor ist mehrfach mit schweren Ketten umwickelt. Kein Entkommen. Man fühlt sich fast wie ein Eindringling, ein Fremder, der hier nichts verloren hat, der nicht erwünscht ist.

Viele Jahre war das hier auch so gewollt. Deshalb die hohe Mauer um das Gelände und die Masten mit den Überwachungskameras. Deshalb überall Zäune und vereinzelte noch übrig gebliebene Wachhäuschen. Schon bevor die Amerikaner 1945 nach Ende des Zweiten Weltkriegs hier einzogen und eine eigene kleine Stadt am Rande der Stadt erichteten, war hier militärisches Gebiet. Vor ihnen versuchten die Nationalsozialisten von hier aus ihr Tausendjähriges Reich zu errichten. Daraus wurde nichts, doch von jener Zeit künden noch ein paar Häuser inmitten eines zauberhaften Wäldchens, die ihre Herkunft allerdings architektonisch nicht preisgeben. Ein paar Jahre noch, dann werden auch sie renoviert und ein exklusiver Wohnort über der Stadt entstanden sein.

Überhaupt gibt es zahllose Grünzüge, Alleen, Wiesen und Sportplätze zwischen den ehemaligen Kasernengebäuden der Leighton Barracks, aus denen die Soldaten der US-Armee in Kriege ausrückten. Es muss zynisch gewesen sein für die jungen Männer – aus der grünen Idylle auf die grauenhaften Schlachtfelder Vietnams oder des Irak.

Jetzt wohnen und arbeiten hier wieder junge Menschen, allerdings mit ganz anderen Motivationen. Seit einem Jahr hat sich die Würzburger Universität über die Straße Am Galgenberg hinüber erweitert und begonnen, hier ihren Campus Nord einzurichten. Nach dem Abzug der US-Streitkräfte, die 2008 hier zum letzten Mal ihre Fahne einholten, war dies möglich geworden.

39 der rund 134 Hektar großen Gesamtfläche hat der Freisstaat Bayern von der Bundesanstalt für Immobilienangelegenheiten (BIMA) für die Erweiterung der Universität gekauft. Mehrere Gebäude werden bereits seit einem Jahr genutzt. Eine Verbindungsbrücke zwischen Campus Süd und Nord soll Ende 2013 fertig sein, in Arbeit ist der erste Bauabschnitt eines Kindergartens in der ehemaligen Day Nursery, in Planung ist eine Mensateria, die die Mensa auf dem Campus Süd ersetzen soll, wenn diese renoviert wird. Interessantes Detail am Rande: Aktuell gehört die im Sprachgebrauch sogenannte Hubland-Uni zum Stadtteil Frauenland, während der Campus Nord dem neuen Stadtteil Hubland zugeordnet ist.

Auch im Rathaus wird mit Hochdruck an der Entwicklung des neuen Stadtteils gearbeitet – und zwar mehrgleisig. Das gilt zum einen für die Planung und den Bau der neuen Straßenbahnlinie 6 zum Hubland. Noch ist eine Förderung durch den Bund, als zwingende Voraussetzung für den Bau, nicht in trockenen Tüchern. Immerhin: Es wird fest davon ausgegangen, dass die Straßenbahn ab 2018 von der Innenstadt zum Hubland fährt.

Zweites Großprojekt im neuen Hubland ist die Bayerische Landesgartenschau 2018. 28 Planungsbüros aus ganz Deutschland haben bei einem Architektenwettbewerb ihre Entwürfe eingereicht. Am 2. und 3. August wird der Wettbewerbssieger von einer Fachjury ermittelt. Dieses Gremium zu besetzen, war gar nicht so leicht, erklärt Claudia Kaspar vom städtischen Baureferat, weil sehr viele Büros ihre Wettbewerbsteilnahme signalisierten. Und wer mitmacht, darf nicht ins Preisgericht.

Und natürlich gibt es auch schon konkrete Überlegungen für den neuen Stadtteil am Hubland. Erst einmal muss hierfür das Gelände von der BIMA erworben werden. Das soll noch in diesem Jahr geschehen. Momentan wird vor allem noch über die Altlasten auf dem ehemaligen Militärgelände verhandelt. Die Stadt will jedenfalls das Gesamtareal mit einer Fläche von rund kanpp 100 Hektar kaufen, sagt Heribert Düthmann vom Baureferat. Über ein Grundstücksmanagement (Stadtbau) sollen anschließend die Flächen für die einzelnen Wohnquartiere vermarktet werden. Schon jetzt haben sich viele Interessenten bei der Stadt gemeldet, die gerne im neuen Stadtteil wohnen möchten.

Während im Unibereich Leben einkehrt, herrscht im abgeriegelten nicht zugänglichen Restgelände noch Grabesstille. Das soll sich ändern. Denn das erste – ans Frauenland angrenzende – neue Wohnquartier soll bis 2018 fertig sein. Dann wird das Areal sukzessive weiter entwickelt. Bis 2024 soll der letzte Bauabschnitt beendet sein.

Der neue Stadtteil wird stark ökologisch geprägt sein. Das gilt für die Wohnhäuser, bei denen effiziente Wärme- und Stromversorgung eine wichtige Rolle spielen werden. „Wir wollen einen möglichst CO2-neutralen Stadtteil“ formuliert Claudia Kaspar. In dieser Hinsicht soll der neue Stadtteil eine Vorreiter-Funktion für die ganze Stadt übernehmen. Es wird auch Carsharing-Stationen und Lademöglichkeiten für Elektromobile geben. Und weitgehend autofreie Wohnquartiere sind auch keine reine Utopie für den neuen Stadtteil, der nicht nur topographisch, sondern auch ökologisch auf hohem Niveau sein wird. Doch zuerst muss noch zusammenwachsen, was zusammengehört.

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