MARKTBREIT

Traumabewältigung in Marktbreit

Drama und Trauma: Immer wieder landen völlig überladene Flüchtlingsboote an der italienischen Küste an. Minderjährigen Flüchtlingen, die in Deutschland um Asyl bitten, soll jetzt in Marktbreit geholfen werden. Foto: dpa

Sie haben einen langen Weg hinter sich. Und traumatische Erfahrungen im Gepäck. In Marktbreit soll ihnen geholfen werden. Die Bevölkerung kann mithelfen.

Am 1. Oktober werden die ersten fünf jungen Flüchtlinge in der AWO-Akademie in der Ochsenfurter Straße eintreffen. „Wir betreten damit Neuland“, sagt der stellvertretende Bezirksvorsitzende Gerald Möhrlein. Vom Kindergarten bis zur Altenpflege reicht das Portfolio des Wohlfahrtsverbandes. In der Jugendarbeit hat sich die AWO seit etlichen Jahren nicht mehr engagiert.

„Zunächst einmal müssen die jungen Menschen die deutsche Sprache lernen.“
Martin Ulses, AWO-Bezirksgeschäftsführer

Das Jugendamt in Kitzingen ist auf Bezirksgeschäftsführer Martin Ulses und Möhrlein zugegangen. Schnell war klar, dass die AWO helfen will. „Der Bedarf ist groß“, sagt Ulses. Und er wächst stetig. Die Zahlen der Regierung von Unterfranken untermauern diese Aussage. 1500 Plätze für minderjährige Flüchtlinge, im Fachjargon UMF, sollten bayernweit bis Ende des Jahres geschaffen werden. „Wir waren auf einem guten Weg“, sagt der Sprecher der Regierung von Unterfranken, Johannes Hardenacke.

Nach dem Verteilungsschlüssel sollten rund 150 Plätze in Unterfranken und rund zehn Plätze im Landkreis Kitzingen geschaffen werden. „Die aktuellen Schätzungen gehen allerdings von einer Verdoppelung aus“, informiert Hardenacke. Mit anderen Worten: In Unterfranken müssen bis Jahresende mehr als 300 Plätze für diese jungen Menschen geschaffen werden, die entweder ohne Eltern auf die lange Reise nach Europa geschickt wurden oder ihre Eltern während des Weges verloren haben. Projektleiterin Anna Rüthlein macht sich deshalb nichts vor: „Das wird eine große Herausforderung für unsere Mitarbeiter.“

Drei Sozialarbeiter, ein Heilpädagoge und ein Deutschlehrer werden sich um die Jugendlichen kümmern. „Zunächst einmal müssen die jungen Menschen die deutsche Sprache lernen“, sagt Ulses. Nur so kann das langfristige Ziel auch tatsächlich erreicht werden. „Wir wollen die Jugendlichen hier nicht verwahren, sondern in unsere Gesellschaft integrieren.“

Die äußeren Rahmenbedingungen sind vorhanden. Im ehemaligen Internat, das vor rund 20 Jahren zu einer Bildungsstätte umfunktioniert wurde, werden die Jugendlichen in Ein- oder Zweibettzimmern wohnen. Ein großer Gemeinschaftsraum und eine gemeinsame Küche sowie ein Unterrichtsraum stehen ihnen und den Mitarbeitern zur Verfügung. Die werden sich zunächst rund um die Uhr um die Flüchtlinge kümmern. Neben dem Spracherwerb geht es darum, eine Alltagsstruktur zu erlernen – und ein Grundvertrauen aufzubauen.

Keine leichte Aufgabe, nachdem die Jugendlichen in der Regel aus Kriegs- und Krisengebieten stammen und auf ihrer Flucht mitunter tagelang auf überladenen Schiffen oder in Lkw eingeschlossen waren. „Es braucht Geduld und Vertrauen“, sagt Ulses. Und gut geschulte Mitarbeiter.

Die werden in den nächsten Tagen intensiv auf ihre Arbeit vorbereitet. Fortbildungen, beispielsweise in Traumapädagogik, stehen auf dem Programm.

Wie immer in der Jugendarbeit geht es auch beim Marktbreiter Flüchtlingsprojekt um die Verselbstständigung. Mit anderen Worten: Die Jugendlichen sollen lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und ihr Leben selbstständig zu meistern. Ein- bis eineinhalb Jahre sollen sie deshalb in der AWO-Akademie verbringen.

Dann sind offenere Wohnformen möglich. „Wir werden ganz individuelle Lösungen suchen“, kündigt Möhrlein an. Jeder Jugendliche soll nach seinen Möglichkeiten gefördert werden. Ein Schulbesuch ist genau so angedacht wie eine Berufsausbildung. „Wir wollen diese jungen Menschen in unser Sozialsystem eingliedern“, formuliert Möhrlein das langfristige Ziel.

Angesichts des aktuellen Fachkräftemangels sieht er dafür gute Chancen. Voraussetzung ist allerdings eine gelungene Integration ins gesellschaftliche Leben. „Wir werden auf Sportvereine und Musikgruppen zugehen“, kündigt Anna Rüthlein an. Die Projektleiterin wünscht sich von der Marktbreiter Bevölkerung eine offene Grundeinstellung gegenüber den jugendlichen Flüchtlingen. „Letztendlich ist es aber unsere Aufgabe, dass sie am öffentlichen Leben teilnehmen.“

Am 1. Oktober werden zunächst fünf Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren aus Eritrea in Marktbreit eintreffen, in den nächsten Wochen werden fünf weitere erwartet, vermutlich aus Syrien, Afghanistan oder Somalia. Langfristig ist eine Erweiterung der „AWO-Wohngruppe“ auf 20 Plätze bis 2016 geplant. Kostenträger für das Projekt ist das zuständige Jugendamt in Kitzingen.

Freuen sich auf die neue Aufgabe: Bezirksgeschäftsführer Martin Ulses, stellvertretender Bezirksvorsitzender Gerald Möhrlein und Projektleiterin Anna Rüthlein von der AWO. Foto: Ralf Dieter
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