WÜRZBURG

Trotz schlechter Aussichten: Barbara Stamm kämpft weiter

Barbara Stamm im Gespräch mit Bewohnern des Caritas-Altenheims St. Martin in Lohr. Foto: Michael Czygan

Mittwochnachmittag in Lohr (Lkr. Main-Spessart). Barbara Stamm besucht die Caritas-Sozialstation St. Rochus. Mitarbeiterinnen berichten über „beschissene Arbeitszeiten“, „unnötige Bürokratie“, schlechte Bezahlung und vor allem mangelnde Wertschätzung durch die Bevölkerung und die Politik. „Viele sehen uns als moderne Leibeigene“, klagt eine Frau. Ihren Kindern könne sie den Job jedenfalls nicht empfehlen.

Gut möglich, dass sich Thorsten Schwab, der örtliche CSU-Landtagsabgeordnete, und die anderen Kandidaten in der Runde, einen etwas freundlicheren Empfang für die Landtagspräsidentin gewünscht hätten, zumal der Reporter mit dabei ist. Der eigens aufgetischte Kuchen bleibt jedenfalls unberührt. Eine Wohlfühlrunde ist dieses Treffen nicht. 

„Aber das will ich auch gar nicht“, sagt Barbara Stamm später. „Ich komme, um einfach mal zuzuhören.“ Trotz Wahlkampf macht sie keine Versprechungen. Lobt zwar ihre CSU-Staatsregierung, „weil sie mit dem neuen Pflegegeld den Betroffenen wirklich mal etwas Gutes tut“, berichtet aber auch von harten Auseinandersetzungen in den Berliner Koalitionsrunden oder von Konflikten mit den Krankenkassen, wenn es um die Refinanzierung von Lohnerhöhungen geht oder um die Rolle des Medizinischen Dienstes.

So viele Stimmen wie kein anderer

Wer Barbara Stamm erlebt, kann sich nicht so recht vorstellen, dass in diesen Tagen eine politische Karriere zu Ende geht. Höchstwahrscheinlich zumindest. Es ist schon ein bisschen grotesk: Vermutlich bekommt die CSU-Politikerin bei der Landtagswahl am 14. Oktober so viele Stimmen wie kein anderer Kandidat im Freistaat.

Für ein Mandat im Maximilianeum, dem Barbara Stamm seit 1976 angehört, wird es gleichwohl nicht reichen – wenn nicht ein Wunder geschieht. Stamm führt auch heuer wieder die Unterfranken-Liste der CSU an, tritt aber in keinem Stimmkreis als Direktkandidatin an. Angesichts der prognostizierten Werte für die Partei wird es diesmal kein Bewerber über die Liste ins Parlament schaffen. Die CSU wird zwar, wenn nicht gar alle, wenigstens neun der zehn zu vergebenen Direktmandate in Unterfranken holen. Mehr aber nicht.

Als Barbara Stamm sich um Ostern herum endgültig entschieden hatte, dem Werben der Parteispitze nachzukommen und mit 73 Jahren noch einmal zu kandidieren, waren die Aussichten für fünf weitere Jahre im Maximilianeum besser. Markus Söder war gerade als neuer Ministerpräsident, CSU-Chef Horst Seehofer als Bundesinnenminister vereidigt worden. Es ging aufwärts für die CSU, die absolute Mehrheit schien wieder in Reichweite. Doch dann verhedderten sich die CSU-Granden gewaltig beim Versuch, mit markigen Worten gegen Flüchtlinge der AfD das Wasser abzugraben. Dass Seehofer dann auch noch in Berlin die GroKo zu sprengen drohte, tat ein Übriges. Seitdem sind die CSU-Umfragewerte im Keller – und die Wahlaussichten für die Landtagspräsidentin schlecht.

„Sie macht Wahlkampf wie immer“

Barbara Stamm weiß das alles, aber sie lässt es sich nicht anmerken. „Sie macht Wahlkampf wie immer, sie kann gar nicht anders“, sagt ein Parteifreund, der sie tagtäglich erlebt. Und ergänzt voller Respekt: „Das ist bewundernswert.“ Die 73-Jährige komme nach einem Arbeitstag im Landtag, einer Schirmherrschaft in Schwaben abends spät noch zu einer Wahlveranstaltung nach Unterfranken, rede ein Grußwort und gehe – weit nach Mitternacht – mit den Letzten.

„Je schwieriger die Situation ist, desto motivierter bin ich“, versucht Stamm ihr Engagement zu erklären. Nein, aufgegeben hat sie den politischen Kampf noch nicht. Es würde sie schon jucken, nach fünf Jahren als Vize und zehn Jahren als Landtagspräsidentin weiter an vorderer Stelle dabei zu sein, wenn der Parlamentarismus – nach dem wahrscheinlichen Einzug der AfD in den Landtag – auch im Freistaat auf die Probe gestellt wird. Zum Abschluss der Legislaturperiode im Landtag appellierte sie in der vergangenen Woche einmal mehr an die „Gemeinsamkeit der Demokraten“. Wenn man möchte, dass das Verbindende in der Gesellschaft wieder stärker zum Ausdruck kommt, „dann“, so die Präsidentin, „sollten wir als Parlament mit gutem Beispiel vorangehen“.

Beliebteste Politikerin in Bayern

Als das viel beschriebene „soziale Gewissen“ der CSU, als moralische Instanz auch über Parteigrenzen hinweg hat es Barbara Stamm – ausgewiesen durch Umfragen – zur beliebtesten Politikerin in ganz Bayern gebracht. Nah am Menschen zu sein, ist für sie keine Floskel. Vor allem den Schwachen in der Gesellschaft gibt sie eine Stimme – auf der offenen politischen Bühne zum einen, aber auch hinter den Kulissen, wenn sie sich mit ihrem Namen – häufig fernab medialer Wahrnehmung – um Einzelschicksale kümmert: um die Mutter eines behinderten Kindes, die mit der Bürokratie hadert, oder den Flüchtling, dem die Behörden die Familienzusammenführung verweigern. Wohltuend in einer Partei, die oft vor allem mit lauten Tönen wahrgenommen wird.

Und so wird Barbara Stamm auch ohne Mandat nicht wirklich kürzertreten können. Da sind schon ihre Ehrenämter als Vorsitzende der Lebenshilfe, bei der „Hilfe im Kampf gegen Krebs“ oder bei Caritas davor. Täglich gehen in ihrem Büro zudem Anfragen aus ganz Bayern ein, ob sie nicht beim Neujahrsempfang 2019 der Frauen-Union, beim Kreisbauerntag oder dem Ehrenamtsempfang nächstes Jahr die Schirmherrschaft übernehmen könne. Vom Hinweis, man solle doch bitte erst einmal abwarten, ob sie überhaupt wiedergewählt werde, lasse sich kaum einer abschütteln, wundern sich die Mitarbeiter. Da heiße es dann: „Wir laden nicht die Landtagspräsidentin ein, wir wollen Barbara Stamm.“

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