Würzburg

Über Sexualität reden: Wie sage ich es meinem Kind?

Spielerisch erkunden Kinder ihre Welt. Ihr Körper besteht nicht nur aus Händen, sondern aus Nase, Bauch und Po. Deshalb ist es wichtig, mit Kindern auch angemessen über Sexualität zu sprechen, sagt Sexualpädagogin Beate Schlett-Mewis. Foto: Carsten Rehder, dpa

Kinder sind neugierig. Sie stellen Fragen. Wenn sie sich um alltägliche Dinge drehen, fehlen Eltern kaum die Worte. Geht es um das Thema Sexualität, werden die meisten Erwachsenen dagegen zögerlich oder sogar stumm, ist die Erfahrung von Beate Schlett-Mewis, Sexualpädagogin bei der Würzburger Beratungsstelle "pro familia". Deshalb würde bei vielen Elternabenden in Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen das Motto lauten: "Wie sage ich es meinem Kind?"

Momentan erreichten "pro familia" mehr Anfragen von pädagogischen Einrichtungen, ob das Team des Vereins dort zu Informationsabenden kommen könnte, "vor allem von Kindertagesstätten und Kindergärten", so Schlett-Mewis. Der aktuelle Fall von Kindesmissbrauch und Kinmderpornografie hat Eltern wie pädagogische Fachkräfte stark verunsichert. Wie können wir präventiv tätig werden? Wie spreche ich mit Kindern über ihren Körper, über Sexualität, über gute und ungute Gefühle? Die Sexualpädagogin gibt Antworten. Nicht nur für Eltern.

Wie starten Sie Ihre Sexualerziehung?

Beate Schlett-Mewis: Als Einleitung sage ich oft: Der Mensch ist von Anfang an ein sexuelles Wesen - und bleibt es sein ganzes Leben lang. Er kommt mit einer Körperlichkeit auf die Welt. Und deswegen hat der Mensch in jeder Lebensphase eigene Bedürfnisse und Fragen dazu. Die frühesten Bedürfnisse bei Neugeborenen sind zum Beispiel Hautkontakt, Nähe, Geborgenheit. Kindergartenkinder, Pubertierende, erwachsene Lebenspartner sowie Menschen im Alters- und Pflegeheim haben wieder andere Fragen und Bedürfnisse.

Kinder haben ein Recht, über ihren Körper zu bestimmen

Bleiben wir bei Klein- und Kindergartenkindern. Was sind zentrale Aspekte für pädagogische Einrichtungen?

Schlett-Mewis: Wichtig ist, dass jede Einrichtung, die Kinder betreut, ein sexualpädagogisches Konzept hat, mit dem Kindern eine körperbejahende Haltung vermittelt werden kann, ebenso, dass Kinder ein Recht haben, über ihren Körper zu bestimmen. Die Frage, die im Zentrum steht, ist: Wie schaffen wir es, dass die Kinder, die uns anvertraut sind, selbstbewusst in den Bereichen Körperlichkeit und Sexualität Erfahrungen machen können? Es muss dabei eine klare Unterscheidung zwischen kindlicher und Erwachsenensexualität geben.

Beate Schlett-Mewis, Sexualpädagogin bei der Würzburger Beratungsstelle des Vereins "pro familia" Foto: Thomas Mewis

Was zeichnet kindliche Sexualität aus?

Schlett-Mewis: Bei kindlicher Sexualität geht es um ein lustvolles Erleben der Umwelt und des eigenen Körpers mit allen Sinnen. Es geht nie um Geschlechtsverkehr. Das hat etwas mit Erwachsenensexualität zu tun. Mit  Kindern muss man nicht über Sex und Erotik reden. Erwachsenensexualität ist zielgerichtet, auf Handlungen ausgerichtet. Das ist bei Kindern nicht der Fall. Kindliche Sexualität zeichnet sich durch Spontanität, Neugierde und spielerische Unbefangenheit aus.

Zum Beispiel durch Doktorspiele?

Schlett-Mewis: Nicht nur Doktorspiele, sondern auch Vater-Mutter-Spiele. Wenn diesbezüglich Kinder unterstützt und Rahmenbedingen geschaffen werden, in denen sie diese Spiele ausleben dürfen, dann entwickeln sie ein gutes Gefühl für ihren Körper. Sie spüren, ich fühle mich wohl in meinem Körper, ich bin ein Mädchen oder ein Junge und ich habe das und das an mir. Das ist Sexualerziehung hinsichtlich kindlicher Sexualität.

Wenn Kinder Fragen zu ihrem Körper stellen ...

Schlett-Mewis: ... dann sind Eltern und andere Bezugpersonen oft verschreckt und reagieren falsch. Sie denken an Erwachsenensexualität, die jedoch, wie gesagt, mit kindlicher Sexualität nichts zu tun hat. Pädagogen und Eltern haben die Aufgabe, diese Fragen angemessen zu beantworten. Entscheidend ist das Wie. Eltern reagieren oft zögerlich und sagen, dass sie ihr Kind nicht überfordern möchten. Oder dass sie behutsam vorgehen möchten. Ich habe auch schon von Müttern auf Elternabenden gehört, dass ihr Kind nie etwas fragt. Und dass sie eigentlich froh sind, dass es nichts fragt.

Was sagen Sie dann den Eltern?

Schlett-Mewis: Ich erkläre, dass Kinder spüren, wenn Eltern über bestimmte Dinge nicht reden möchten. Dass es sogar fatal ist, wenn Eltern Fragen zunächst nicht beantworten und abwarten, ob Kinder irgendwann erneut fragen. Das machen wir doch in keinem anderen Bereich. Wenn wir spazieren gehen und eine seltene Blume sehen, dann halten Erwachsene oft einen  Vortrag, weil ihr Kind ja nicht unwissend durch die Welt laufen soll. Etwa: Das ist eine Sumpfdotterblume, die wächst nur da und da und braucht viel Feuchtigkeit. Oder wenn ein spezielles Auto vorbeifährt, dann überlegen manche Erwachsene keine Sekunde, und legen los und erklären, wie die Marke heißt, wie schnell es fährt. Oder Eltern erklären von sich aus, warum man nicht bei Rot über die Ampel gehen darf - und warten nicht darauf, dass ihre Kinder diese Frage stellen. Gezögert wird eigentlich nur im Bereich Sexualität.

Wie sollten Erwachsene mit Kindern über Sexualität reden?

Schlett-Mewis: Eltern sollten sollten Situationen spontan aufgreifen. Ein Beispiel: Die Familie sitzt mit ihrem Nachwuchs in der Eisdiele und es kommt eine Schwangere hinein. Dann könnte man ein kleines Gespräch starten: Oh, diese Frau hat aber viel Eis gegessen. Dann lachen Kinder. Und dann könnte man sagen: Ach nein, die Frau ist ja schwanger, da ist ein Baby im Bauch. Durch diese Lockerheit und Unbefangenheit spürt das Kind. Es gibt kein Zögern, die Eltern kennen sich aus, reden darüber, und ich kann Fragen stellen, wenn ich welche habe.

Und wenn zwei sich küssen, etwa in einem Film, wie können Eltern diese Situation "meistern"?

Schlett-Mewis: Diese Szene wäre doch eine gute Möglichkeit zu sagen: Och, schau, die küssen sich, die sind verliebt. Dann kann man noch was dazu sagen. Und dann schaut man weiter. Das heißt nicht, dass man über alles reden muss. Wenn Erwachsene aber den Fernseher ab- oder das Programm umschalten, dann heißt das für das Kind: Küssten ist kein Thema. Das schaut man nicht an. Und darüber redet man auch nicht. Situationen, über die man reden kann, ergeben sich immer wieder, man muss sie nur wahrnehmen, altersgemäß darüber sprechen, sich aktiv einbringen und nicht warten, bis das Kind fragt. 

Bestimmte Situationen aufgreifen ist das eine, aber welche Worte sollten Eltern haben, wenn es um den Körper geht?

Schlett-Mewis: Vielen fällt es schwer. Selbst bei Babys werden Eltern stumm, wenn sie zum Beispiel den Genitalbereich waschen. Sie sprechen mit ihrem Kind, wenn sie Gesicht und Oberkörper pflegen. Dann schweigen sie meist und fangen erst wieder an, mit ihrem Kind zu kommunizieren, wenn sie bei den Beinen angelangt sind. Es fängt also sehr früh an, diese Zögerlichkeit,  - weil Worte wie Hoden, Penis, Scheide, Schamlippen ihnen kaum über die Lippen kommen. 

Das drückt sich doch schon über unsere Sprache aus. Es ist der "Schambereich".

Schlett-Mewis: Sicher, aber es kommt darauf an, wie unbefangen Worte gewählt werden. Ich selber rede von Schamlippen. Neuer Bestrebungen gehen hin zum Begriff Vulvina - zusammengesetzt aus Vulva und Vagina. Jungs und Männer haben schon lange schönere Namen für ihre Geschlechtsorgane: Penis oder Pimmel oder umgangssprachlich: mein bester Freund, mein bestes Stück. Deshalb ist es bei Mädchen noch wichtiger, auch ihre Geschlechtsorgane zu benennen.

So können Eltern Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen

Kann ein unbefangener Umgang der Eltern mit kindlicher Sexualität vor sexuellem Missbrauch schützen?

Schlett-Mewis: All das, was ich in unserem Gespräch erläutert habe, ist auch eine präventive Sexualerziehung. Ich möchte es anhand der Doktorspiele erläutern: Sie sollten Rahmenbedingungen haben: Gleichaltrigkeit, gleicher Entwicklungsstand und gleiches Interesse am Spiel. Sonst können Abhängigkeitsverhältnisse und Machtsituationen entstehen. Voraussetzung sind auch Regeln, die eingehalten werden müssen; zum Beispiel, dass nichts in Körperöffnungen gesteckt wird, und zwar in alle Öffnungen wie Mund, Ohren, Nase, Scheide oder Po. Und man darf sich nicht weh tun. Sehr wichtig ist die Freiwilligkeit. Jeder kann sagen: Ich möchte mitspielen. Oder: Stopp, ich will jetzt aufhören. Diese Freiwilligkeit ist eine wichtige Botschaft - auch gegen Missbrauch. Diese Freiwilligkeit muss immer wieder vor jedem Spiel betont werden: Dass jedes Kind selbst entscheidet, ob es mitspielen will und wie lange es mitspielen will. Wenn Kinder gelernt haben zu sagen: Nein, ich gehe da raus wann ich will, dann können sie auch in anderen Situationen sagen: Nein, ich will das nicht.

Und dieses "Nein" können Eltern durch einen unbefangenen Umgang mit kindlicher Sexualität beeinflussen?

Schlett-Mewis: Wenn Kinder spüren, sie können über ihren Körper und ihre Gefühle reden, wenn sie merken, dass sie ihre Eltern dazu befragen können und dass darüber unbefangen geredet wird, dann können sie unterscheiden: Diese Situation ist gut für mich, diese nicht. Sie können Nein sagen. Sie können ihren Eltern mitteilen, wenn ein Erwachsener Dinge mit ihnen tut oder tun wollte, bei denen sie ein ungutes Gefühl haben oder hatten. Missbrauchstäter suchen sich meist Opfer aus, die unsicher sind und nicht Nein sagen können.

Informationen
Nase, Bauch und Po: So heißt der eintägige Workshop, den die Würzburger Beratungstelle "pro familia" für pädagogisches Personal anbietet. Der unbelastete Umgang der Kinder mit Sexualität ist als Teil der Gesundheitserziehung im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan verankert. Sexualerziehung ist integraler Bestandteil der pädagogischen Arbeit, erläutert "pro familia".
Die Mitarbeiter des Vereins "pro familia" informieren auch Eltern bei Elternabenden in Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen. Mehr Informationen, auch über die Beratung bei allen Fragen und Problemen zu Partnerschaft, Sexualität, Familienplanung und Schwangerschaft, gibt es telefonisch unter (0931) 46 06 50 oder im Internet: www.profamilia.de/bundeslaender/bayern/beratungsstelle-wuerzburg.html
Hilfe und Informationen gibt es auch bei "Wildwasser Würzburg", Verein gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen. Telefonischer Kontakt: (0931) 13 287; per E-mail: info@wildwasserwuerzburg.de
In Würzburg findet am 23./24. Mai die Tagung "Geschützt ... und dann?" in Kooperation mit "Wildwasser" statt anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und sexualisierter Gewalt. Info: www.wildwasserwuerzburg.de/news-anzeigen/geschuetzt-und-dann.html
Über präventive Erziehung gegen sexuellen Missbrauch informieren zudem die Internetseiten des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig unter: https://beauftragter-missbrauch.de/praevention/praeventive-erziehung/
Das Hilfetelefon sexueller Missbrauch ist kostenfrei und anonym erreichbar unter 0800 - 22 55 530. Anfragen können auch per E-Mail gestellt werde: beratung @hilfetelefon-missbrauch.de Das Online-Angebot für Jugendliche ist www.save-me-online.de

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