Würzburg

Ullmann: "Wir müssen uns besser auf Pandemien vorbereiten"

Der Infektiologe und FDP-Gesundheitspolitiker Andrew Ullmann aus Würzburg über angemessene Maßnahmen zu Eindämmung des Coronavirus und die aktuelle Sterblichkeitsrate
Andrew Ullmann ist Obmann der FDP im Gesundheitsausschuss und Professor für Infektiologie an der Uni Würzburg. 
Andrew Ullmann ist Obmann der FDP im Gesundheitsausschuss und Professor für Infektiologie an der Uni Würzburg.  Foto: Silvia Gralla

Andrew Ullmann ist Facharzt für Innere Medizin und Professor für Infektiologie an der Uniklinik Würzburg, er hat im In- und Ausland geforscht. Seit 2017 sitzt der 57-Jährige für die FDP im Deutschen Bundestag und ist dort Obmann im Gesundheitsausschuss. In Sachen Coronavirus ist er derzeit ein gefragter Gesprächspartner.

Frage: Herr Ullmann, sie sind Professor für Infektiologie und Gesundheitspolitiker. Können Sie in Sachen Coronavirus etwas beruhigen?

Andrew Ullmann: Wir haben eine steigende Infektionsrate in Deutschland, aber eine sehr niedrige Sterblichkeitsrate im Vergleich zu anderen Ländern. Das zeigt, dass wir mit diesem Virus gut umgehen können.

Es kursieren aber sehr unterschiedliche Zahlen zur Sterblichkeit auch innerhalb Italiens und Chinas. Kann man wirklich schon sagen, sie ist generell gering oder Deutschland eben gut gerüstet?

Ullmann: Die Schwankungen sind sehr groß, wir lernen noch von dieser Pandemie. Der Virus befällt viele Menschen. Am Anfang fallen dann die schweren Fälle besonders auf. In der ersten Welle einer neuen Erkrankung ist die Todesrate rein rechnerisch immer besonders hoch. In Deutschland kam die Corona-Infektion später an. Unsere Sterblichkeitsrate liegt aktuell im Bereich von ein bis zwei Promille.

Was ist Ihrer Meinung nach gefährlicher: das Virus oder die Angst davor?

Ullmann: Wir müssen dieses Virus ernst nehmen, es ist ähnlich gefährlich wie ein Grippevirus. Aber in digitalen Medien wird aufgrund von Nichtwissen und Halbwahrheiten Angst geschürt. Hier müssen wir besser aufklären.

Klären Sie auf!

Ullmann: In 80 Prozent verläuft eine Infektion relativ mild. In weiteren 15 Prozent verläuft sie schwer und in fünf Prozent werden die Menschen intensivpflichtig. Das sind meistens ältere Menschen und solche mit chronischen Erkrankungen. Ganz ähnlich wie bei der Grippe.

Das Virus breitet sich aber sehr schnell aus. In Deutschland hat sich die Zahl der Infektionen binnen einer Woche vervielfacht. Muss die Politik jetzt nicht auch unbequeme Maßnahmen ergreifen, um die Infektionskette zu unterbrechen?

Ullmann: Was ist angemessen, was nicht? Da werden sich die Gelehrten immer streiten.  Wenn jetzt der Bundesgesundheitsminister empfiehlt, alle Bundesligaspiele abzusagen, klingt das sehr verantwortungsvoll. Warum soll ich aber Fußballspiele in Bundesländern absagen, in denen es kaum Infektionen gibt?

Konkret, was halten Sie davon, Veranstaltungen ab 1000 Teilnehmer abzusagen?

Ullmann: Das ist meiner Meinung nach durch den Druck anderer europäischer Länder entstanden. Ich würde das regional entscheiden, je nachdem wie weit die Epidemie verbreitet ist. Bei einer regional hohen Infektionsrate können schon 50 Menschen auf engem Raum zu viel sein. Wir müssen uns generell besser auf Pandemien vorbereiten. Wir sind immer gut auf die vergangene Pandemie vorbereitet, aber nicht auf zukünftige Herausforderungen. Solche Zahlen und Maßnahmen, Fragen der Diagnostik müssen wir im Vorfeld besser klären.

Wie können wir uns denn besser auf die nächste Pandemie vorbereiten?

Ullmann: Ich würde das Robert-Koch-Institut in seiner Unabhängigkeit stärken. Dass ist ja ein dem Gesundheitsministerium zugeordnetes Bundesinstitut. Sein Präsident sollte als Chief Medical Officer der Bunderegierung in die relevanten Entscheidungsgremien einbezogen werden, auch in einen reformierten Bundessicherheitsrat. Damit soll sichergestellt werden, dass in den jeweiligen Gremien medizinischer Sachverstand vertreten ist. So können wir uns besser gegen Pandemien wappnen. Außerdem sind wir eines der wenigen Länder auf der Welt, die keinen Facharzt für Infektiologie haben. Das müssen wir ändern. 

Italien schränkt die Bewegungsfreiheit im ganzen Land ein. Startet aktuell die Pandemie bei uns nicht genau so, wie zuvor in Italien?

Ullmann: Ich bin mir nicht sicher, ob das so vergleichbar ist. Die mir vorliegenden Zahlen zeigen, dass bei uns mehr jüngere Menschen infiziert sind. Deswegen haben wir auch eine dramatisch niedrigere Sterblichkeitsrate. Wir hatten das Glück, dass gleich die ersten Fälle in Starnberg identifiziert wurden und dass wir einen von der Charité in Berlin entwickelten Test zur Verfügung hatten. So dass wir von Anfang an gute Testungen durchgeführt haben und schon die ersten Patienten identifizierten.

Man hört da von Engpässen. Haben wir genügend Kapazitäten, die Tests im erforderlichen Umfang weiter durchzuführen?

Ullmann: Der Test steht ausreichend zur Verfügung. Wenn, gibt es Engpässe beim Personal. Denn in den Kliniken und Labors läuft der normale Betrieb, läuft die tägliche Diagnostik ja weiter.

Könnten bei einer schweren Epidemie gleichzeitig mit der Grippewelle unsere Krankenhäuser, ja unser Gesundheitssystem irgendwann ans Limit kommen?

Ullmann: Wenn sich die Epidemie ausbreitet und die Grippewelle nicht abflacht, wird es für unser Gesundheitssystem eng werden. Aber die Zahlen sprechen im Moment dagegen. Wir haben  nachweislich über 100 000 mit Grippe Infizierte mit 200 Todesfällen. Zehn bis 17 Prozent der Infizierten müssen intensiv betreut werden. Deutschland ist mit 28 000 Intensivbetten überdurchschnittlich versorgt. Und die Grippewelle flaut ab Mitte März ab. Deshalb müssen wir uns in diesem Sommer gut auf den nächsten Winter vorbereiten. Denn das Coronavirus wird wiederkommen.

Könnte sich das Coronavirus im nächsten Winter sogar noch heftiger ausbreiten?

Ullmann: Ich habe keine Kristallkugel, aber es gibt Berechnungen, dass sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren werden. Die Frage ist nur, in welchem Zeitraum.

Stimmt es, dass Kinder kaum betroffen sein werden?

Ullmann: Ja, das stimmt. Der Virus fällt beim ersten Aufschlag nicht so dramatisch aus. Mit Coronaviren haben wir ja schon immer zu tun. Bei einer Zweitinfektion fällt die Immunreaktion des Körpers sehr viel heftiger aus, was dann zu einer Lungenentzündung führen kann. Je älter ein Mensch, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er irgendwann in seinem Leben schon einmal eine Corona-Infektion hatte. Nicht diese spezifische, trotzdem fällt die dann härter aus. Das kann übrigens auch die Impfstoffforschung erschweren.

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