KIRCHHEIM

Umbau Kirchheims zum NS-Musterdorf geplant

Teil der Kirchheimer Ausstellung: Entwürfe für Kunstwerke aus Muschelkalk für das Berliner Olympiastadion – umgesetzt wurden sie nicht. Foto: Christian Ammon

Er ist hart, trotzt der Verwitterung und ist dennoch auch für die Bildhauerei gut geeignet: Der Kirchheimer Muschelkalk erfüllte alle Anforderungen, die die Nationalsozialisten an das Baumaterial für ihre monumentalen Gebäude stellten. Ob das Parteitagsgelände in Nürnberg, das Berliner Olympiastadion, die Reichskanzlei des Architekten Albert Speer, viele Autobahnbrücken und eine ganze Reihe von Skulpturen – der Kirchheimer Muschelkalk war in den Jahren 1933 bis 1945 begehrt wie kaum zuvor. Eine Ausstellung des Historischen Vereins im Heblingshof richtete jetzt den Blick auf eine Zeit, als Kirchheim zu einem „NS-Musterdorf“ umgebaut werden sollte.

Diese Meinung vertritt zumindest Edgar Berthold, der Vorsitzende: „Der Ort wurde mit diesem erstaunlichen wirtschaftlichen Aufschwung praktisch gekauft“, erklärte er. Nachdem in der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er Jahre der Steinbruchbetrieb beinahe zum Stillstand gekommen sei, seien schon kurz der Machtergreifung Hitlers wieder etwa 1300 Arbeiter in den Steinbrüchen beschäftigt gewesen. Sie brachen die vor Jahrmillionen inmitten des „Germanisches Urmeers“ entstandenen Muschelkalk-Quader.

Prospekte der Firma Zeidler & Wimmel feiern den Naturstein als „Werkstoff einer neuen Zeit“. Zur Einweihung der Reichskanzlei im Januar 1939 reiste denn auch eine Gruppe von Arbeitern aus Kirchheim an. Ein gemeinsames Foto vor Schloss Sanssouci in Potsdam zeigt stolz in die Kamera blickende Männergesichter.

Viele andere Fotos und Dokumente aus der Sammlung des Vereins illustrieren dies gerne vergessene Kapitel der Ortsgeschichte. Sie zeigen einen Orten, der in einen kollektiven Glückstaumel verfallen ist: Schon 1934 wird unter Bürgermeister Alban Schraut eine Ortschronik begonnen. Zum 1. Mai 1935 feiert die Steinindustrie einen „nationalen Feiertag“ mit einem großen Festzug: Vorne weg die strahlenden Uniformen der Parteikader, gefolgt von festlich geschmückten Fußgruppen und Wägen.

Schon im 1933 waren Andersdenkende ausgeschlossen worden. Der Fußballplatz der „links stehenden Partei“ wurde im April mit sofortiger Wirkung aufgehoben, der Gesangverein aufgelöst, da er „in kommunistische Fahrwasser“ geraten sei. Am 30. Juni 1933 stimmte schließlich der Gemeinderat dafür, die Mitglieder der SPD auszuschließen.

Es sei nicht einfach gewesen, sich dem ganzen Spektakel zu entziehen, gesteht auch Berthold ein: Selbst der eigene Vater Hermann, damals kaum 15 Jahre alt, ist auf einem eigens gestalteten Festwagen des Schmieds und Wagners mit Maßkrug zu sehen. Im gleichen Jahr feierte der Ort sein 1200-jähriges Bestehen. Dabei schreckten die neuen Machthaber auch nicht davor zurück, die Zahlen zu fälschen und die Pfarrkirche als Werk Balthasar Neumanns auszugeben. Auch das Kirchheimer Wappen wurde damals gestaltet: Allerdings war der fränkische Rechen falsch herum angebracht. Statt von oben nach unten zeigten die Zacken die umgekehrte Richtung.

Neue Parteizentrale

Für die Umgestaltung Kirchheims entstanden aufwendige Pläne: Geplant war eine umfassende Neugestaltung des Viertels um die heutige Schule. Hier sollte in einem hofartigen Drei-Flügel-Natursteinbau die neue Parteizentrale mit Veranstaltungshalle und Rathaus unterkommen. Auf dem Gelände des heutigen Freibads, der jüdische Eigentümer verkaufte das Grundstück, wurde ein Schwimmbad geplant, das eine aufwendige, mit Muschelkalk verkleidete Fassade erhalten sollte. Geldgeber war Konsul Hellmut Metzing, Chef von Zeidler & Wimmel. Verwirklicht wurden beide Großprojekte nicht. Der Krieg kam dem zuvor.

Gebaut wurden dagegen Arbeiterwohnungen, wie am Ortseingang aus Richtung Moos oder die kleinen einstöckigen Häuser in der Frühlingsstraße. Ausgestattet mit einem großen Garten und einem angebauten Stall, um dort Kleinvieh zu halten, sollte die Bewohner sich möglichst versorgen können. Außerdem wurde eine neue Leichenhalle errichtet und die Hitlerjugend bekam ein neu gebautes Heim.

Straßen umbenannt

Die 1939 eingeführte elektrische Ortsrufanlage wurde noch bis etwa 2000 verwendet. Die Straßen wurden umbenannt. Adolf Hitler, Reichspräsident Hindenburg, Reichsarbeiterführer Dr. Ley und natürlich der mainfränkische Gauleiter Dr. Hellmuth werden so noch zu Lebzeiten geehrt.

Erst später, als das „Tausendjährige Reich“ längst Vergangenheit war, zeigte sich die wahre Seite des Regimes: Die Gedenktafel der „Gefallenen und Vermissten“ der Jahre 1939 bis 1945 führt insgesamt 60 Namen auf, darunter viele, die bereits in jungen Jahren ihr Leben auf einem der Schlachtfelder ließen.

Muschelkalk als Werkstoff für die neue Zeit: Eine Werbeprospekt von Zeidler & Wimmel aus dem Archiv des Historischen Ver... Foto: Ammon
Ankündigung einer ungewöhnlichen Ausstellung am Eingang des Heblingshofs. Foto: Ammon

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