WÜRZBURG

Und der Chor fleht unschuldig und rein

Beim Lichtergedenken am Dom zum 16. März.THERESA MÜLLER
Beim Lichtergedenken am Dom zum 16. März.THERESA MÜLLER Foto: Foto:

Von Posaunen und Pauken düster gefärbte Klangwolken zogen am Montagabend im Kiliansdom auf. 1944 explizit für eine Aufführung nach Kriegsende komponiert, spricht Frank Martins Oratorium „In terra pax“ eine kirchenmusikalisch inspirierte, vertraute Klangsprache, der man sich bedingungslos hingeben kann.

Aber macht ein solches Werk, das fünf Solisten, zwei Klaviere und Mädchenchor einsetzt und das Beben der Erde mit grollenden Paukenwirbeln nachzeichnet, wirklich fühlbar, was da am 16. März 1945 über Würzburg hereinbrach?

Einstürzende Häuser, brennende Menschen und Tiere, ein Kollektivleid, das doch Individuen traf? Vielleicht war es gerade seine unmittelbare Nähe zum Krieg – beziehungsweise sein gleichzeitiges Sich-Entziehen –, die es Komponist Martin erschwerte, dem Unaussprechlichen eine „geeignete“ Stimme zu verleihen – falls es die überhaupt gibt.

Thomas Scharrs nuancenreicher, ausnehmend schöner Bariton eröffnete das Gedenkkonzert am Jahrestag des 16. März mit einer textverständlichen, dramatischen Schilderung der Apokalypse. Camerata Würzburg und Domchor (als stets präzis artikulierende Stimme der klagenden Menschen) intonierten glasklar und zauberten unter der Leitung des Domkapellmeisters Christian Schmid einen lichten Schussklang in den Raum.

Unschuldig und rein das einstimmige Flehen des Chors („Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“), von der Parallelführung zwischen Chor und Tenor Bernhard Schneider weniger homogen beantwortet. Herrlich rund das Ensemble aller fünf Solisten, in dem Elke Kottmair (Sopran), Julia Rutigliano (Alt) und Patrick Zielke (Bass) hinzutraten. Ruhig und klar sang Rutigliano die ausgedehnte 12-Ton-Passacaglia, der Höhepunkte wie das in weiches Dur gehüllte „Vaterunser“ des Chores sowie dessen aufsteigende „Heilig! Heilig!“-Rufe folgten – mit beeindruckenden Männerstimmen.

Wer den aus der Bibel zusammengestellten Text verfolgte, fand Abwechslung in eindrucksvollen Bildern. Der textlose Hörer sah sich unter Umständen einer gewissen „schwarzen“ Gleichförmigkeit gegenüber, für den die Musiker wohl kaum Verantwortung trugen.

Umso pointierter wirkte das halbstündige „De Angelis“ des Stuttgarter Professors Jürgen Essl. Nicht-traditionelle Überraschungen belebten das ebenfalls flächige, mit archaischen Quinten und Quarten ausgestattete Quasi-Oratorium: „sss“-Zischen in den Frauen-, Sprechgesang in den Männerstimmen, Flöten-Flatterzunge und knochentrockene Trommel- und Claveseffekte. Sensible Soli von Klarinette und erster Violine setzten weitere Akzente. Auch Kottmair bekam hier Gelegenheit ihre Qualitäten auszuspielen – als einfühlsame Solistin eines in Koloratur-Art gestalteten Paul Klee-Zitats: „Einst werde ich liegen im Nirgend bei einem Engel irgend.“

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