OCHSENFURT

„Und immer wieder bleibt eine gewisse Ratlosigkeit zurück“

Renate Braunbeck leitet das Kolpinghaus in Ochsenfurt. Dort leben bis zu 18 minderjährige Flüchtlinge. Für elf Monate, bis Juli 2016, war hier auch der 17-jährige Attentäter untergebracht, bevor er zu einer Pflegefamilie nach Gaukönigshofen kam. Den 17-jährigen Afghanen hat Renate Braunbeck als jemanden kennengelernt, der sich ein Leben in Deutschland aufbauen wollte.

Frage: Für viele ist der 11. September 2001 ein Tag, an den sie sich genau erinnern. Wenn ich Sie nach dem 18. Juli 2016 – dem Tag des Attentats – frage, was fällt Ihnen als Erstes ein?

Renate Braunbeck: Ich weiß noch alles ganz genau. Ab 21.30 Uhr kann ich jede einzelne Minute wiedergeben. Ich bekam einen Anruf von der diensthabenden Mitarbeiterin, dass es einen Anschlag im Zug gegeben hat. Zehn Minuten später rief mich dann auch eine Kollegin an, die mit im Zug saß, und sie erzählte mir, was einer unserer ehemaligen Bewohner Furchtbares angerichtet hat. Ich bin dann nach Ochsenfurt in das Kolpinghaus gefahren, um die Mitarbeiter zu unterstützen. Wir wussten ja auch nicht, wie schnell es die Jugendlichen erfahren.

Wie sind Sie hausintern mit dem Vorfall umgegangen?

Braunbeck: Wir konnten sowohl den Mitarbeitern als auch den Jugendlichen ein umfangreiches Unterstützungsangebot anbieten und bekamen dabei auch Unterstützung von vielen Seiten. Je nach Wunsch der Jugendlichen haben wir Gesprächskreise angeboten. Wir hatten auch ein Kriseninterventionsteam im Haus. Und für die Mitarbeiter gab es noch in derselben Woche eine Supervision, um herauszufinden, ob sie eine mittel- oder längerfristige Unterstützung brauchen. Meine Kollegen konnten auch frei heraus sagen, ob sie sich überhaupt noch arbeitsfähig fühlen. Kolping hat da sehr schnell reagiert und alternative Tätigkeiten angeboten.

Was hat sich am Betreuungskonzept verändert?

Braunbeck: Wir haben die Gesprächs-, Betreuungs- und Therapieangebote für die Jugendlichen ausgeweitet. An unserem Gesamtkonzept halten wir jedoch fest. Es ist stimmig. Zu uns kommen Jugendliche, die relativ neu in Deutschland sind. Es dauert eine lange Zeit, bis die Jugendlichen ankommen, bis sie sich öffnen, ihre Gefühle zeigen, bis sie Vertrauen fassen in die Menschen, die ihnen begegnen. Diese Zeit wird durch einen Bezugsbetreuer intensiv begleitet. Das hat sich bewährt.

Warum haben Sie nach dem Attentat ihr Konzept nicht verändert?

Braunbeck: Wir haben uns immer wieder die Frage gestellt, was wir verbessern können. Schließlich haben wir auch konkrete Maßnahmen umgesetzt. Die Mitarbeiter wurden sensibilisiert. Vor allem im Hinblick auf Fragen wie: Was sind die Faktoren für eine Radikalisierung? Welche Auslöser gibt es dafür? Was kann dazu beitragen? Wir hatten Gespräche und Schulungen mit Fachleuten, teilweise finden diese immer noch statt. Niemand hat eine Erklärung, was am Abend des 18. Juli passiert ist. Alle Experten versichern uns immer wieder: Niemand hätte voraussehen können, was der Junge vorhat.

Fühlten Sie sich belastet?

Braunbeck: Belastet durch die Umstände auf jeden Fall. Vor allem in der Woche nach dem Attentat. Die war sehr intensiv – und unheimlich belastend. Anderseits gab es auch eine gewisse Entlastung, da alle Experten sagen, Anzeichen für eine Gewalttat, die wir hätten erkennen können, gab es keine. Zumal der Junge zuletzt ja auch nicht mehr in unserer Einrichtung war. Dennoch: Die Belastung war sehr hoch. Es hat mir jedoch auch Kraft gegeben, weil ich wusste, sowohl die anderen Jugendlichen als auch meine Mitarbeiter brauchen meine Unterstützung jetzt mehr denn je.

Haben Sie persönlich nun Angst, dass sich einer ihrer Jugendlichen wieder heimlich radikalisiert?

Braunbeck: Angst schränkt das Blickfeld ein. Ich haben keine Angst und gehe nach wie vor genauso mit den Jugendlichen um, weil sich das bewährt hat. Offenheit und ein zugewandtes Vertrauensverhältnis ist die Basis für den Umgang mit den Jugendlichen. Ich glaube, dass wir so ein Stück weit erkennen können, ob sich ein Jugendlicher radikalisieren will und dann vorbeugen können.

Beim Attentäter hat das aber nicht funktioniert.

Braunbeck: In den Tagen vor dem Attentat war er ja nicht mehr in unserer Einrichtung. Für die Zeit, die er bei uns war, gilt: Da war nichts, was uns hätte auffallen können. Wir haben das mit unterschiedlichsten Fachstellen besprochen. Bei ihm waren keine Hinweise zu erkennen. Da waren sich alle Experten einig.

Welche Strategien haben Sie entwickelt, um eventuelle Radikalisierungstendenzen bei den Jugendlichen erkennen zu können?

Braunbeck: Es gibt kein Schema. Wir sind nach wie überzeugt, dass Zweibettzimmer gut sind. So können sich die Jungs nicht zurückziehen, um ihr eigenes Ding zu machen. Wir gehen auch offen mit ihnen um und tauschen uns im alltagspraktischen Unterricht mit ihnen aus. Da sprechen wir auch über Religion und Politik. Auch das ist eine wichtige Basis, um zu erfahren, wie jemand denkt.

Und wenn Sie bei einem Jugendlichen den Verdacht haben, er könnte sich radikalisieren?

Braunbeck: Dann haben wir eine Telefonnummer, unter der Tag und Nacht ein Ansprechpartner bei der Polizei zu erreichen ist.

Haben Sie diese Nummer in vergangenem Jahr mal anrufen müssen?

Braunbeck: Nicht akut. Aber es ist ein beruhigendes Gefühl, sie zu haben. Es gibt uns Sicherheit. Denn durch Sprachbarrieren bekommen wir sicher nicht alles mit, aber wir beobachten sehr eng und können uns darüber auch mit der Polizei austauschen.

Werden die Jugendlichen seit dem Attentat nun genauer überprüft, bevor sie zu Ihnen kommen?

Braunbeck: Was im Vorfeld läuft, wissen wir nicht. Wir bekommen die Jugendlichen durch das Jugendamt zugewiesen. Welche Überprüfungen die Polizei vorgenommen hat, erfahren wir nicht.

Der 18. Juli 2016 – er wird in Ihrem Kopf bleiben?

Braunbeck: Der wird sicherlich bleiben. Es gibt immer wieder Kleinigkeiten, die hochkommen. Und jedes Mal, wenn Würzburg in Zusammenhang mit dem internationalen Terror genannt wird, sind alle Bilder im Kopf, jede Minute des Geschehens, wieder da. Und immer wieder bleibt eine gewisse Ratlosigkeit zurück.

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