Hettstadt/Würzburg

Unfall in Hettstadt: Angeklagter verstrickt sich in Widersprüche

Am zweiten Prozesstag um den tödlichen Unfall auf dem Gehägsweg in Hettstadt (Lkr. Würzburg) kam am Montag ein Gutachter zu Wort. Er erklärte, warum die Fußgängerin "keine Chance" hatte.
Rund 400 Meter von der Staatsstraße 2298 bei Hettstadt entfernt liegt der Unfallort im Gehägsweg, wo Blumen und Kerzen an den Tod der 26-jährigen Spaziergängerin erinnerten. Nach dem Unfall legten immer wieder Spaziergänger zum Gedenken an die junge Frau Blumen am Unfallort nieder.
Rund 400 Meter von der Staatsstraße 2298 bei Hettstadt entfernt liegt der Unfallort im Gehägsweg, wo Blumen und Kerzen an den Tod der 26-jährigen Spaziergängerin erinnerten. Nach dem Unfall legten immer wieder Spaziergänger zum Gedenken an die junge Frau Blumen am Unfallort nieder. Foto: Patty Varasano

Während eines epileptischen Anfalls soll ein 32-jähriger Autofahrer in Hettstadt (Lkr. Würzburg) am Dreikönigstag 2018 eine 26-jährige Spaziergängerin totgefahren haben. Zum Prozessauftakt vor dem Amtsgericht Würzburg hatte der gelernte Schlosser angegeben: Er habe gefühlt, dass sich einer der Anfälle anbahne, bei denen er regelmäßig das Bewusstsein und die Steuerungsfähigkeit verliert. Deshalb habe er das Auto aus dem Ort über die viel befahrene Staatsstraße in den Gehägsweg lenken wollen, um dort das Ende des Anfalls abzuwarten. Dort sei er jedoch viel zu schnell unterwegs gewesen, wie Verkehrsgutachter Christian Bötsch am zweiten Prozesstag erklärte.

Gutachter: Unfall wäre vermeidbar gewesen

Mit weit über 100 Stundenkilometern bei erlaubten 30 sei der Wagen des Unfallverursachers demnach über den unbefestigten Gehägsweg gerast. Die Reifenspuren hätten gezeigt, dass er in einer Rechtskurve in den Grünstreifen geraten war und dann auf gerader Strecke die Fußgängerin und ihren Hund getötete habe. Bei erlaubter Geschwindigkeit "wäre der Unfall vermeidbar gewesen", so Bötsch.

Ob die Fußgängerin die Gefahr erkennen konnte, als der Wagen um die Kurve kam, fragte Staatsanwältin Martina Pfister-Luz. "Ihr verblieb weniger als eine Sekunde", antwortete der Gutachter.

Arzt des Angeklagten im Zeugenstand

Seit 2009 weiß der Angeklagte, dass er wegen wiederholter Anfälle nicht mehr ans Steuer eines Wagens soll. Sein behandelnder Neurologe erklärte, ihn immer wieder darauf hingewiesen zu haben. Doch bei epilepsieartigen Anfällen sei eine Entscheidung nicht einfach. Dem Gericht erklärte der Arzt am Montag: "Ich bin froh, dass ich den Fall nicht beurteilen muss." Denn wenn ein Epileptiker ein Jahr frei von Anfällen sei, wäre die Fahreignung gegeben.

Der Vater der Getöteten (links) konfrontiert den Angeklagten (Zweiter von rechts) im Prozess immer wieder mit unbequemen Fragen.
Der Vater der Getöteten (links) konfrontiert den Angeklagten (Zweiter von rechts) im Prozess immer wieder mit unbequemen Fragen. Foto: Manfred Schweidler

Zeitweise hatte der Angeklagte aber ein bis zwei Anfälle pro Woche und verlor dabei Bewusstsein und Kontrolle – trotz der Tabletten. Die hatte er am Unfalltag überdies nicht genommen, wie er am ersten Verhandlungstag zugeben musste. Jetzt bekam seine Glaubwürdigkeit weitere Kratzer: Der Vater der getöteten Sabrina hatte ihn am ersten Verhandlungstag gefragt, ob seine Eltern und Geschwister ihn wegen der Anfälle nicht am Autofahren hinderten, das Auto der Familie zu benutzen. Niemand habe davon gewusst, behauptete der 32-Jährige da.

Staatsanwältin beendet Mythos von der ahnungslosen Familie

Nun stellte sich aber heraus, dass ihn seine Mutter bereits 2009 zu den Ärzten begleitet hatte, bei denen er auf Epilepsie untersucht wurde. Und Staatsanwältin Pfister-Luz hielt ihm am Montag einen Brief vor, den sein Bruder ihm zwei Tage nach dem Unfall geschrieben hatte. Darin heißt es: Die Familie der Getöteten wolle ihn wohl im Knast sehen; und: "Kopf hoch", er wisse, dass es an den "Black-outs liegt". Kleinlaut räumte der Angeklagte auf Nachfrage ein, dass er seinem Bruder wohl doch von seinem Problem erzählt hatte.

Der Wagen des Unfallfahrers überschlug sich und blieb auf dem Dach im Graben liegen.
Der Wagen des Unfallfahrers überschlug sich und blieb auf dem Dach im Graben liegen. Foto: Berthold Diem

Getäuscht hatte er auch, als der Unfallfahrer 2017 seinen Führerschein unbedingt zurückbekommen wollte. Dieser war ihm entzogen worden, weil er 2011 bei einer Alkoholfahrt mit acht weiteren Insassen einen schweren Verkehrsunfall verursacht hatte – fast in Sichtweite des Unfallortes am Gehägsweg. Sowohl bei der MPU als auch in seinem Antrag auf Wiedererteilung der Fahrerlaubnis beim Landratsamt verschwieg er die – freiwilligen – Angaben zu seinem Gesundheitszustand. 

Urteil in zwei Wochen

Der Prozess wird am kommenden Montag fortgesetzt. Dann kommt der medizinische Sachverständige zu Wort. Auch da geht es um die Frage: War der Unfall für den Angeklagten vorhersehbar – und damit vermeidbar? Ein Urteil wird in zwei Wochen erwartet.

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