WÜRZBURG

Unternehmensidee war wohl ein Tick zu innovativ

Joscha Riemann, hauptamtlicher Mitarbeiter von integrAIDE, und Jobcoach Eberhard Grötsch Foto: Pat Christ

Gutes tun und damit Geld verdienen: Das klingt zunächst fast ein bisschen anrüchig. Sollte man nicht aus purer Mitmenschlichkeit helfen? Tatsächlich ist die Sozialwirtschaft jedoch ein wachsender Wirtschaftssektor. Ein innovatives Sozialunternehmen an den Start zu bringen, bleibt allerdings schwierig. Wie schwierig, erlebten die Macher des vor drei Jahren gestarteten Würzburger Start-Ups IntegrAIDE. Das soll ab September mangels Finanzierungsmöglichkeiten an Wohlfahrtsverbände abgegeben werden.

Erwartungen waren zu optimistisch

Die Idee hinter IntegrAIDE ist einfach: Menschen, die sich ehrenamtlich für Geflüchtete einsetzen, sollen über eine Schulung das Knowhow erhalten, wie man Flüchtlinge in Jobs, Praktika oder eine Ausbildung vermitteln kann. Der Bedarf nach einer solchen Dienstleistung erschien im Gründungsjahr 2015 riesig. Entsprechend ehrgeizig waren die Zielvorstellungen: 20 000 Menschen mit Fluchthintergrund wollten die Macher von IntegrAIDE deutschlandweit vermitteln. „Heute wissen wir, dass dieses Ziel ziemlich naiv war“, räumt Business Manager Joscha Riemann, eine der drei Gründer von IntegrAIDE, unumwunden ein.

An sieben Standorten in Deutschland, darunter im unterfränkischen Alzenau und in Würzburg, wurden bisher 110 Flüchtlinge erfolgreich vermittelt. Weitere 257 Geflüchtete wurden von den ehrenamtlichen Jobcoaches beraten. „Dabei ging es zum Beispiel darum, wie man einen Lebenslauf schreibt“, so Riemann. Auch die Frage, wie man Zeugnisse und Qualifikationen anerkennen lassen kann, ist immer wieder Gegenstand der Beratungsgespräche.

Teilweise sind die Flüchtlinge nach einer kurzen Begleitung durch die Jobcoaches imstande, selbst auf Jobsuche zu gehen. Doch dann tauchen sie in der Statistik der erfolgreich Vermittelten nicht auf. Aber natürlich klappt auch nicht jeder Jobvermittlungsversuch, so Riemann: „Denn die Sache ist noch komplexer, als wir anfangs gedacht haben.“

Schulungsgebühren runtergeschraubt

Anders als erwartet, entwickelte sich auch das Herzstück von IntegrAIDE, nämlich die Ausbildung der Jobcoaches. Das Team des Sozialprojekts hatte ein ausgefeiltes Schulungskonzept erarbeitet. Wie sich herausstellte, war es den Gemeinden jedoch viel zu teuer. Um die 6 000 Euro hatte die ursprüngliche Version gekostet. Inzwischen werden die Schulungen in einer abgespeckten Variante für 3 000 Euro angeboten. Was sich die Kommunen offensichtlich einfacher leisten können. So hat der Landkreis Main-Spessart Interesse, Jobcoaches ausbilden zu lassen. Im Juni werden IntegrAIDE-Trainer Ehrenamtliche aus Würzburgs Nachbarkommune Wissenswertes aus dem Asyl- und Arbeitsrecht vermitteln.

Allerdings: Nicht jeder Ehrenamtliche, der sich zum Jobcoach schulen lässt, wird danach aktiv. Auch das ist etwas, was Joscha Riemann und seine Mitstreiter anfangs nicht bedacht hatten. So wurden in Würzburg inzwischen mehr als 60 Jobcoaches ausgebildet. 15 sind tatsächlich in der Vermittlung von Flüchtlingen in Arbeit, Ausbildung und Praktika engagiert.

Verbände kommen leichter an Fördergeld

An den deutschlandweit sieben Standorten von IntegrAIDE sollen bis Ende August lokale Partner gefunden werden, die das Projekt übernehmen. Das könnten beispielsweise die Caritas, die Malteser oder die Diakonie sein. Teilweise wird schon jetzt vor Ort mit Wohlfahrtsverbänden kooperiert, so dass man sich kennt. „Für die Verbände ist es leichter als für uns, an Fördergeld zu kommen“, sagt Joscha Riemann.

Weil die Idee von IntegrAIDE so neu ist, ist das Sozialunternehmen nicht mit etablierten Förderrichtlinien konform. „Wir hätten uns dazu nur auf ein Aufgabenfeld konzentrieren müssen“, so Riemann. Also entweder auf die Schulung von Ehrenamtlichen. Oder auf die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen. Beides zusammen ist, zumindest in bundesweiter Ausrichtung, von den Förderrichtlinien nicht vorgesehen. Doch IntegrAIDE macht nach Ansicht seiner Erfinder nur in Kombination Sinn.

„Ich finde das sehr schade“, sagt Eberhard Grötsch, pensionierter Informatiker und seit einem Jahr Jobcoach in Würzburg. Ihm ist es vor wenigen Monaten gelungen, einen Geflüchteten aus Syrien zu einer Stelle zu verhelfen. Das war eine langwierige Geschichte gewesen. Und zwar trotz guter Qualifikation des Flüchtlings.

In seinem Heimatland, erzählt Grötsch, war der Mann in leitender Funktion als Ingenieur tätig gewesen. Wie der Jobcoach herausfand, hatte er dort sogar mit einer Technik gearbeitet, die auch bei einem Würzburger Unternehmen zum Einsatz kommt. Grötsch, der durch sein berufliches und politisches Engagement viele Verbindungen hat, stellte Kontakt zum Betrieb her.

Komplizierte Vermittlungen

Die Vermittlung war kompliziert, weil es kein Hochschulzeugnis gibt, das schwarz auf weiß bestätigen könnte, dass der Syrer ausgebildeter Ingenieur ist. Lückenlose Arbeitszeugnisse existieren ebenso wenig. Nach langem Hin und Her war es am Ende nicht einmal möglich, dass der Mann aus Syrien ein Praktikum in dem Betrieb ableisten konnte, das hätte bestätigen können: Er kennt sich mit der Technik wirklich aus. „Nach drei Monaten war der Geflüchtete so resigniert wegen der vergeblichen Jobsuche, dass er einfach alles angenommen hätte“, sagt Grötsch.

Es ergab sich schließlich doch eine Alternative. Der Syrer macht nun Ingenieursarbeiten in einem anderen Betrieb. Er verdient vergleichsweise gut, wobei er drei Kinder durchbringen muss. Problematisch ist für den Geflüchteten, dass er trotz seines Wissens und trotz seines konkreten Tuns im Betrieb nicht als Ingenieur eingestellt ist. Grötsch und er wollen nun erst einmal die Probezeit abwarten. Um danach eventuell einen Wechsel zu planen.

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