WÜRZBURG

Verkehrsexperte: „Straßenbahn ausbauen oder abschaffen“

Ein moderner Straßenbahnwagen. Foto: Montage MP

Absolute Priorität für den Bau der geplanten Straßenbahnlinie vom Hauptbahnhof zum neuen Stadtteil Hubland hat Verkehrsexperte Thomas Naumann vom Agenda 21-Arbeitskreis Mobilität bei einer Podiumsdiskussion der Würzburger FDP zum Thema „Auf Schienen in die Zukunft“ gefordert. „Es wird viel teurer, die Linie 6 nicht zu bauen, als wenn sie zügig realisiert wird“, sagte Naumann.

„Würzburgs Straßenbahn fährt als einzige in Deutschland nicht dorthin, wo der größte Bedarf besteht“
Thomas Naumann, Agenda 21, Arbeitskreis Mobilität

Es war kein leichter Abend für Thomas Schäfer: Vor gut 30 Zuhörern in den Greisinghäusern wurde der Geschäftsführer der Würzburger Versorgungs- und Verkehrsbetriebe (WVV) erst einmal fast zwei Stunden lang mit zahlreichen Zahlen, Fakten und – von Seiten Naumanns – auch handfesten Vorwürfen bombardiert, auf die er dann schnelle Antworten geben sollte.

Naumann wiederholte unter anderem seine Aussage aus dem „Stadtgespräch“ der Main-Post vor zwei Wochen, die Fahrgastzahlen in Würzburg seien in den letzten Jahrzehnten entgegen einem positiven bundesweiten Trend stetig zurückgegangen. Eine konkrete Antwort darauf blieb Schäfer schuldig: „Ihre Zahlen kann ich nicht nachvollziehen. Wir alle haben das Bestreben, möglichst viele Menschen in Busse und Bahnen zu bekommen“, sagte er.

Eine ganze Flotte an Dieselbussen zum Hubland

Grund für die sinkende Nachfrage ist laut Naumann die Tatsache, dass die Würzburger Straßenbahn „als einzige in Deutschland nicht dorthin fährt, wo der größte Bedarf besteht“. 28 000 Menschen werden zum Beispiel jeden Tag mit einer ganzen Flotte von Dieselbussen zum Hubland gefahren. Die ÖPNV-Befürworter der Agenda 21 sind der Ansicht, „dass wir die Straßenbahn so schnell wie möglich auf einen zukunftsfähigen Stand bringen müssen – oder wir schaffen sie eben ab“, so Naumann. Durch ein besseres ÖPNV-Angebot entstehe eine größere Nachfrage, vor allem durch die Schiene: Straßenbahnen werden nachweisbar von doppelt so vielen Menschen genutzt wie Busse.

Und das ist laut Naumann noch vor der umweltfreundlichen Antriebstechnik der größte positive Umwelt-Effekt: Viele Pkw-Eigentümer lassen ihr Auto freiwillig stehen, wenn ihnen eine Straßenbahn mit eingebauter Vorfahrt zur Verfügung steht. Anders bei Linienbussen: „Ich stehe lieber im eigenen Auto im Stau als in einem Bus“, sagte Naumann.

Warum es insgesamt teurer ist, die Linie 6 nicht zu bauen, begründete der Verkehrsexperte wie folgt: Durch den Einsatz von Straßenbahnen erhöht sich nicht nur die Nachfrage und damit die Einnahmen, gleichzeitig sinken im Vergleich zum Busverkehr auch die Betriebskosten – vor allem, weil weniger Fahrer gebraucht werden. Und Folgekosten wie die Sanierung von Straßenbelägen, die unter dem Busverkehr besonders stark leiden, werden auch vermieden.

„Die Linie 6 muss absolute Priorität haben.“

„Der Bau der Linie 6 muss in der Reihung der Zukunftsaktivitäten der WSB absolute Priorität haben“, forderte Naumann im Namen der Agenda 21. Durch die Anbindung des Hubland-Campus der Universität sei auch eine hohe Förderung durch den Freistaat von 90 Prozent oder mehr möglich.

Auch der von Seiten der Stadt bisher mit rund 100 Millionen Euro bezifferte Eigenanteil an der Finanzierung der neuen Linie stellt die Agenda 21 in Frage – Naumann bezifferte ihn nach eigenen Berechnungen lediglich auf 40 Millionen Euro. Finanzieren ließe sich das nach Meinung der ÖPNV-Befürworter zum Beispiel nach Krefelder Vorbild: Dort konnten die Bürger Sparbriefe zeichnen, mit denen sie eine leicht höhere Rendite bekommen als bei den Kreditinstituten.

„Es ist im Moment kein Problem, Geld zu bekommen oder Zinsen dafür zu bezahlen“, entgegnete Thomas Schäfer: „Das Problem ist, dass man die Darlehen irgendwann zurückzahlen muss.“ Die WSB konzentriere sich derzeit auf die Verlängerung der Straßenbahn-Linien nach Grombühl: „Und dann brauchen wir einen breiten Konsens für die Linie 6.“

Der WVV-Geschäftsführer ist sich sicher, dass es in den kommenden zehn Jahren „signifikante Veränderungen beim Verkehr in unserer Innenstadt geben wird“. Und auch geben muss: „Die Innenstadt bleibt nur lebenswert, wenn auch Platz für die Menschen da ist und nicht nur für Autos“, so Schäfer.

Dank Investitionen Geld gespart

Was ein Ausbau der Straßenbahn im Idealfall bewirken kann, berichtete zu Beginn der Veranstaltung Udo Sparmann vom Büro „Transport Technologie Konsult“ aus Karlsruhe: Er erläuterte die Effekte des Programms „MVG 2000“, in dessen Rahmen in Mannheim in den 1990er Jahren zwei neue Straßenbahnlinien gebaut, das bestehende Netz optimiert und zahlreiche neue Fahrzeuge angeschafft wurden. Dadurch seien die Fahrgastzahlen um 20 Millionen pro Jahr gesteigert worden. Als Folge wurde in Mannheim aus einem prognostizierten ÖPNV-Defizit von über 150 Millionen Euro eines von „nur“ knapp 100 Millionen Euro pro Jahr: „Damit finanziert sich der Eigenanteil an den Investitionen von selbst, das konnten wir der Politik nahe bringen“, so Sparmann.

Seine Empfehlung auch für Würzburg: „Lieber investieren statt subventionieren. Und keine Angst davor haben, den Autoverkehr einzuschränken.“

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