WÜRZBURG

Vernissage: Klaus Zaschka protestiert

Klaus Zaschka vor seinem Werk „Müßiggang“. Foto: Pat Christ
Klaus Zaschka vor seinem Werk „Müßiggang“. Foto: Pat Christ

Die Frauen aus der Wäscherei staunten. Ausgerechnet über ihre Tür hängte Klaus Zaschka ein pechschwarzes Bild. „Was soll das?“ Der Künstler war wegen dieser Frage nicht pikiert. Er freute sich darüber, führte sie doch mitten hinein in das Thema seiner neuen Ausstellung, die am Freitag im Exerzitienhaus Himmelspforten eröffnet wurde. „Begegnungen“ heißt sie. Kurz vor der Vernissage bescherte das schwarze Bild Zaschka eine inspirierende Begegnung mit Wäschereibediensteten.

Schaut man sich das Gemälde genau an, ist es eigentlich gar nicht ganz schwarz. „Da sind ja zwei helle Punkte“, stellte eine Wäscherin fest. Genau. Wobei sogar noch viel mehr zu sehen wäre, könnte das menschliche Auge das Schwarz durchdringen. „Ich habe ein anderes Bild übermalt“, verrät Zaschka. Dass da etwas auf dem ersten Blick leicht zu erfassen und abzuhaken ist – aha, ein schwarzes Gemälde! –, das ist für ihn symbolisch. Genau das passiert bei flüchtigen Begegnungen. Aha, ein Penner! Abgehakt. Aha, ein Flüchtling... Viel zu selten wird die Oberfläche durchdrungen. Mangels Zeit. Mangels Interesse.

Vor allem am Wochenende fertigt er Gemälde an

Zaschka gehört nicht zu jenen Künstlern, die den ganzen Tag in ihrem Atelier stehen. Im Bau- und Kunstreferat der Diözese hat der 59-Jährige einen Brotjob. Nach Feierabend und vor allem am Wochenende fertigt er Gemälde, Collagen, Zeichnungen und Installationen an. Was aktuell in Himmelspforten zu sehen ist, entstand in den vergangenen beiden Jahren.

Noch zu einer zweiten Gruppe von Künstlern gehört Zaschka nicht: Er ist niemand, der malt oder zeichnet, damit etwas „Schönes“ entsteht. Der Fan von Orwells „Animal Farm“ widmet sich deshalb der Kunst, weil sie eine Möglichkeit bietet, gesellschaftliche Phänomene zu reflektieren, auf das, was schief läuft, aufmerksam zu machen, und, zumindest auf versteckte Weise, zu protestieren. Grund zum Protest gibt es für Zaschka reichlich. Viele Trends, die sich aktuell abzeichnen, flößen ihm Unbehagen ein: „Manchmal frage ich mich, wofür wir eigentlich in den frühen 70er Jahren gekämpft haben.“

„Aber sehen Sie, dort am Fußende leuchten Farben.“

Offener, freier, reifer sind die Menschen in seinen Augen seitdem jedenfalls nicht geworden. Im Gegenteil. Zaschka konstatiert einen Rückzug in neobiedermeierliche Privatheit, die sich vor zu viel Kontakt, vor zu tiefen Begegnung mit der „Welt da draußen“ abschottet. Stellvertretend für diese Beobachtung steht ein Gemälde, in dessen Mittelpunkt sich ein Kokon befindet. Offenbar scheut es das eingeschnürte Wesen, sich zu entpuppen. Draußen ist ja auch alles flammend Rot. Sprich: Aggressiv. Kriegerisch: „Aber sehen Sie, dort am Fußende leuchten Farben.“

Farben, Leuchten, Lebendigkeit – das zieht Klaus Zaschka an. Die Welt ist für ihn ein aufregend bunter Ort: „Voll mit tausend Geschichten.“ Nichts faszinierender als eine abblätternde Wand, irgendwo in einer düsteren Gasse, auf der sich Dutzende Menschen verewigt haben. Dort flattern Fetzen eines abgerissenen Plakats. Da prangt eine Telefonnummer. Hier hat jemand etwas hingekritzelt. Da scheint eine Fratze auf. „Auch das ist Begegnung“, sagt Zaschka. Was viele nicht verstehen würden. Wie unordentlich. Welcher Schandfleck! So was muss weg. Oft schaffen „sie“ es ja auch, das Schmutzig-Lebendige zu beseitigen. Zaschka: „Die Welt wird immer steriler.“

Das Leben wird von oben reguliert und kanalisiert

In seiner neuen Ausstellung bezieht Zaschka auch politisch Stellung. Sein Werk „Erlöser“ ruft sofort die Assoziation „Trump“ hervor. Wie wichtig plötzlich wieder mächtige Männer geworden sind. Offenbar sind wir immer noch nicht imstande, unsere Angelegenheiten selbst zu regeln. Je nach dem, was das Leben in seiner Lebendigkeit uns gerade abverlangt. Aber nein. Wie gefährlich! Das Leben wird von oben reguliert und kanalisiert, zementiert und eingebuchtet. Unten regt sich deshalb kaum Widerstand.

Schon bei seiner ersten Ausstellung in Himmelspforten 2014 wies Klaus Zaschka auf Verkrustungen hin. Damals hatte er vor allem die zur Verkrustung neigende Organisiertheit der Kirche im Blick. Das hat sich nach seiner Wahrnehmung seitdem keinen Deut verändert. Doch in der säkularen Welt geht es eben auch nicht besser zu.

Die Ideologien verfestigen sich

Das Leben wird enger. Je weiter die Welt wird. Die Ideologien verfestigen sich. Statt Abenteuerlust herrscht Abwehr vor - und das Bedürfnis, sich abzugrenzen. Der Fremde macht nicht neugierig. Sondern jagt Angst ein. Ein Unwort wie „Überfremdung“ kursiert. Als wäre nicht alles Leben Eins. Als hieße Leben nicht Veränderung. Aufbruch. Immer wieder neu werden.

Die Werkschau ist noch bis zum 26. Oktober im Exerzitienhaus Himmelspforten zu sehen.

Klaus Zaschka vor seinem Werk „Der Erlöser“ Foto: Pat Christ
Klaus Zaschka vor seinem Werk „Der Erlöser“ Foto: Pat Christ
„Suche dich nicht außerhalb deiner selbst“ heißt dieses Werk von Klaus Zaschka. Foto: Pat Christ
„Suche dich nicht außerhalb deiner selbst“ heißt dieses Werk von Klaus Zaschka. Foto: Pat Christ
Klaus Zaschka vor seinem Werk „Der Erlöser“ Foto: Pat Christ
Klaus Zaschka vor seinem Werk „Der Erlöser“ Foto: Pat Christ
„Hoffnung“ nennt sich diese Installation von Klaus Zaschka. Foto: Pat Christ
„Hoffnung“ nennt sich diese Installation von Klaus Zaschka. Foto: Pat Christ
Klaus Zaschkas Werk „Spurensuche“. Foto: Pat Christ
Klaus Zaschkas Werk „Spurensuche“. Foto: Pat Christ

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