Würzburg

Verstößt die Zwangsverrentung gegen die Menschenrechte?

Die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum redet Klartext: Der erzwungene Ruhestand ist diskriminierend und eines der größten moralischen Übel unserer Zeit.
Martha Nussbaum   Foto: Alberto Morante

Die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum steht in der Tradition politischer Denker von Aristoteles über John Stuart Mill bis John Rawls. Sie alle suchten nach einer gerechten Gesellschaft. Vor allem zu den Themen Behinderung und Inklusion hat Nussbaum sehr beachtete Theoriemodelle geliefert. So trägt die UN-Menschenrechtskonvention zur Inklusion ihre Handschrift. In ihren Schriften zeigt sie, wie sich die Gerechtigkeit einer Gesellschaft am Umgang mit den Schwächsten messen lässt. Können sie ihre Fähigkeiten entwickeln, können sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen?

Mit wegsehen und verdrängen beginnt Diskriminierung

Dabei bleibt Martha Nussbaum nicht bei der Benachteiligung von Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen stehen. Stigmatisierung, Ausgrenzung und Benachteiligung seien mit einer gerechten Gesellschaft in keinem Fall vereinbar. Aktuell beschäftigt sie sich mit der Ausgrenzung alter Menschen: „Alternde Menschen haben unter gesellschaftlicher Diskriminierung und Stigmatisierung gelitten, seit genug von ihnen leben, um als Gruppe wahrgenommen zu werden.“ So eröffnete sie einen Vortrag an der Universität Würzburg, der mittlerweile auch als Buch vorliegt.

Nussbaum sieht Parallelen, wenn sie nach den Gründen für Diskriminierung bei alten und behinderten Menschen forscht: Es sei die Angst, selbst so zu sein oder so zu werden. „Indem sie vor Menschen mit Behinderung zurückschrecken, bringen Menschen ihre eigenen körperlichen Schwächen zum Ausdruck und verbergen sie zugleich.“ Bei alten Menschen sei das Stigma mit der empfundenen Unvermeidlichkeit verbunden, dass man selbst zur stigmatisierten Gruppe gehören wird, wenn man nur lange genug lebt. Ein Grund mehr, wegzusehen, zu verdrängen.

Wir müssen die Fähigkeiten älterer Menschen individuell einschätzen
Martha Nussbaum, Philosophin

Aber sind alternde Menschen wirklich weniger produktiv? Martha Nussbaum geht weit in die Geschichte zurück und findet schon bei Cicero Abhandlungen zum Alter. So würden ältere Menschen als Gruppe insgesamt für weniger kompetent gehalten, ohne dass ihre Fähigkeiten individuell eingeschätzt werden, erkannte schon Cicero. Dabei fänden sich schon bei den alten Römern Belege, dass dies eben gar nicht stimme. So wurden in den römischen Senat nur alte Männer benannt, weil sie über die Tugenden des reiflichen Überlegens und der Weisheit verfügen würden. Auch heute noch werde alten Menschen - vor allem Männern, wie Nussbaum kritisch anmerkte - Weisheit zugeschrieben, nicht aber analytische Fähigkeit oder Kompetenz. Viele Denker und Schriftsteller würden gerade im hohen Alter noch vorzügliche Werke verfassen, so Nussbaum. Sobald sie aber einmal schlechte Arbeit ablieferten, würde das sofort dem Alter zugerechnet.

Jeder einzelne müsse etwas dafür tun, um im Alter sowohl körperlich als auch geistig fit zu bleiben. Gerade da sei es wichtig, mit Jüngeren zusammenzuarbeiten. „Alternde Menschen, deren einziger Freundschaftskontext die Familie ist, sind anfällig für eine Einengung ihrer wahrgenommenen sozialen Rolle. Ein wesentlicher Grund, sich dem erzwungenen Ausscheiden aus dem Arbeitsleben zu widersetzen, ist die Tatsache, dass es aktive Menschen im Alter der fortgesetzten Freundschaften mit Menschen verschiedenster Altersstufen beraubt und sie auf das stigmatisierte Gleis des Ruhestands abschiebt." Schon das Wort Ruhestand beschreibt, es gehe um Rasten. Doch wer rastet, der rostet.

Rente muss unterscheiden zwischen Zwang und Recht

Nussbaums zentrale politische Forderung lautet, „dass der erzwungene Eintritt in den Ruhestand von uns allen als eine Form von ungerechter Diskriminierung abgelehnt werden sollte, als genauso ungerecht wie rassistische Diskriminierung bei der Stellenbesetzung oder der Ausschluss von Frauen vom Arbeitsplatz oder die Aussonderung von Kindern mit Behinderung in ‚besondere‘ Klassenzimmer“.

Martha Nussbaum forscht nicht nur über Diskriminierung und die Rechte von Behinderten, sie hat auch selbst keinerlei Berührungsängste.  Foto: Folker Quack

Wichtig sei dabei zu unterscheiden, in welchem Alter der Renteneintritt erlaubt sei und in welchem Alter er erfolgen muss. In den USA würde diese Unterscheidung getroffen, es gebe kein Gesetz für den  erzwungenen Eintritt in den Ruhestand. Dabei weiß Nussbaum zu schätzen, dass alte Menschen durch die Sozialsysteme in Europa viel besser geschützt seien als in den USA, wo viele lange arbeiten müssten, um ihren Lebensunterhalt zu erarbeiten. Dies sei auch ein Erfolg der Gewerkschaftsbewegung. Nachteil aber sei, dass die Gewerkschaften ein möglichst niedriges Rentenalter anstreben und eben nicht zwischen dem Recht auf Ruhestand und einem erzwungenen Ruhestand unterscheiden würden.

Von den Grenzen der Gerechtigkeit

Nussbaum glaubt zudem nicht, dass es mehr kosten würde, wenn man Menschen, die dies wollen, weiter produktiv sein lässt, statt sie den sozialen Sicherungssystemen zu übergeben. Und selbst wenn, könnten Kostenargumente nicht in die Waagschale geworfen werden. Als Kostengründe dagegen vorgebracht worden seien, Kinder mit Behinderung in öffentliche Schulen zu integrieren, urteilten die Gerichte, dass das Kostenargument nicht stärker zu Lasten einer bereits benachteiligten Gruppe gehen dürfe, als zu Lasten der Mehrheit.

Und so endet Nussbaum mit dem Satz: Der obligatorische Ruhestand, die dominante Form der Altersdiskriminierung, ist eines der großen moralischen Übel unserer Zeit. Die nächste ‚Grenze der Gerechtigkeit‘ mit der sich jede Theorie der menschlichen Fähigkeiten befassen muss.

Martha Nussbaum
Die 71-jährige amerikanische Philosophin Martha Nussbaum hinterfragt die klassischen Gesellschaftstheorien, fordert mehr Emotionen in der Politik und beschäftigt sich mit Gerechtigkeit und dem guten Leben. Martha Nussbaums Thesen werden an Universitäten auf der ganzen Welt gelesen und diskutiert. 2017 nahm sie in Würzburg an einer internationalen Tagung teil. Die Würzburger Professoren Jörn Müller und Reinhard Lelgemann veröffentlichten aus diesem Dialog das Buch: "Menschliche Fähigkeiten und komplexe Behinderungen" (Darmstadt 2018), in dem auch der Aufsatz von Martha Nussbaum über das Alter enthalten ist. Nussbaum ist in New York geboren und lehrt an der Universität von Chicago.     

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