WÜRZBURG

Verstorbene Obdachlose sollen nicht vergessen werden

Der "Wurzelsepp", wie er von vielen Würzburgern genannt wurde, ging oft in den Bahnhof, um sich aufzuwärmen. Aufgenommen wurde dieses Foto knapp ein Jahr vor seinem Tod 1998. Foto: Theresa Ruppert (Archiv)

Als Fritz Werner Marschner verstarb, trauerten zahlreiche Würzburger um ihn. Marschner, den viele nur als „Wurzelsepp“ kannten, hat im kollektiven Gedächtnis der Stadt seinen festen Platz. Und das soll auch so bleiben. Dafür sorgen seine Freunde von Sant‘Egidio jährlich mit einem Gedenkgottesdienst.

So auch am Montag. In die Franziskanerkirche waren etliche Besucher gekommen. Unter ihnen auch Roswitha Gerhard, die „Wurzelsepp“ persönlich kannte. Mit ihm hatte sie sich köstlich unterhalten, wenn sie auf dem Marktplatz eingekauft hatte. Und worüber? „Ach, über alles, Gott und die Welt.“ Der „Wurzelsepp“ sei ein freundlicher Mensch gewesen. Seiner wolle sie heute gern gedenken, so die 78-Jährige. Von dem Gedenkgottesdienst habe sie durch den Zeitungsbericht erfahren.

Im Gegensatz zu Roswitha Gerhard kannte Hugo Waldsachs keinen der Verstorbenen persönlich. Gleichwohl findet er es wichtig, dass keiner vergessen wird. „Jeder Mensch ist wichtig, auch wenn er auf der Straße landet.“ Den Menschen, derer man gedenke, hätte er ein besseres Los in der Gesellschaft gewünscht.

Vor dem Gottesdienst versammelten sich über 100 Menschen im Kreuzgang des Franziskanerklosters. Unter Hinweis auf die Heilige Pforte sagte Pfarrer Matthias Leineweber, Jesus sei die „Tür der Barmherzigkeit.“ Nur wer Barmherzigkeit empfange, könne sie auch weiter schenken, so der geistliche Begleiter von Sant‘Egidio. Viele Menschen, derer man in diesem Gottesdienst gedenke, hätten Unbarmherzigkeit erlebt, seien oft einsam gewesen und verlassen auf der Straße gestorben. Deshalb sei es wichtig, dass sich Barmherzigkeit auf der Welt verbreite.

Für jeden verstorbenen Obdachlosen und einsamen Menschen wurde beim Gedenkgottesdienst eine Kerze angezündet. Foto: Gideon Zoriyku
In einer Prozession zogen die Gottesdienststeilnehmer durch die Heilige Pforte in die Kirche. Dem gut besuchten ökumenischen Gedenkgottesdienst standen Domkapitular Jürgen Vorndran und Pfarrerin Angelika Wagner vor. Gottes bedingungslose Liebe zu den Menschen zeige sich in der Menschwerdung Christi, betonte Vorndran. „Gott sagt ja zu mir, Gott sagt ja zu dir, niemand ist von seiner Barmherzigkeit ausgeschlossen.“

Vor dem Altar der Franziskanerkirche wurden drei Kerzenständer aufgebaut – dahinter ein großes eingerahmtes Bild von Fritz Werner Marschner. Während über 200 Namen verlesen wurden, gingen die Gottesdienstbesucher aus ihren Bänken nach vorne, zündeten Kerzen an – eine für jeden Verstorbenen. 20 von ihnen starben in den letzten zwölf Monaten. Es sei wichtig, dass ihre Namen genannt werden, wenn die Menschen doch so einsam gestorben und klanglos beerdigt worden seien, sagt ein Besucher.

Auch 18 Jahre nach seinem Tod bleibt „Wurzelsepp“ in der Domstadt unvergessen. „Wir wollen dem Gebet einen öffentlichen Charakter geben, um zu verdeutlichen, dass unsere Stadt eine menschliche Stadt sein will“, sagte Elisabeth Dirk von Sant‘Egidio. Man tue das auch, um ein Zeichen der Hoffnung gegen das Klima der Angst zu setzen.

Der stadtbekannte „Wurzelsepp“ starb allein am Morgen des 6. Januar 1998 am Würzburger Busbahnhof an einer schweren Bronchitis. Gemeinsam mit der Bahnhofsmission hatte damals Sant'Egidio eine Grabstätte auf dem Hauptfriedhof für ihn und andere Obdachlose erworben. Die Beerdigung fand unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt.

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