WÜRZBURG

Vertauschte Rollen zwischen Gut und Böse

«Bandidos»-Rocker
Verwirrung: Wer war wirklich der Bandido? Foto: Marius Becker (dpa)

Wer ist im V-Mann-Prozess der Böse, wer sind die Guten? Je länger das Verfahren am Landgericht Würzburg dauert, um so mehr scheinen die Grenzen zu verschwimmen.

Dabei gibt es keinen Zweifel mehr: Mario W. hat mit Drogen gehandelt, während er als Spitzel für das Landeskriminalamt (LKA) kriminelle Rocker bespitzelte. Im Mittelpunkt steht aber längst die Frage: Beging er Straftaten als Tarnung, um von den „Bandidos“ akzeptiert zu werden? Oder handelte er auf eigene Rechnung – und will LKA-Beamte mit hinein ziehen, um sich dafür zu rächen, dass sie ihn fallen ließen wie eine heiße Kartoffel?

Beschlagnahmte E-Mails zeigen: Der Kriminelle sah im LKA-Beamten Norbert K. eine Art Beschützer: „Norbert, ich muss Montag mit Dir reden, bitte“, schrieb er. „Ich brauche medizinische Hilfe und jemanden, dem ich mich anvertrauen kann.“ Aber seit November 2011 tobt in ihm tiefer Groll: Da beendete das LKA die Zusammenarbeit schlagartig. W. war mit zehn Gramm Crystal erwischt worden. Ob das LKA von der Beschaffungsfahrt wusste? Die Aussagen gehen auseinander. Ermittlungen nährten auch den (dann bestätigten) Verdacht, W.'s Tochter in Kitzingen verdiene Geld mit Drogen, die ihr Vater besorgte.

Das LKA nahm ihm die zur Tarnung gekaufte Harley Davidson, den Mercedes und die Tankkarte ab. Direkt danach verhafteten ihn Drogenfahnder, ohne auf das LKA Rücksicht zu nehmen. Der von W. gehegte Glaube, er genieße eine Art Immunität für Straftaten, war geplatzt. Das Landgericht verurteilte ihn 2013 zu mehr als sechs Jahren Haft.

Im Gegenzug erzählte W., das LKA habe beim Diebstahl dreier Bagger in Dänemark tatenlos zugesehen, nicht eingegriffen, als ihm ein Rocker aus der rechtsextremen Szene Pistolen anbot oder er geklaute antike Münzen aus Tunesien besorgen wollte.

Das klang abenteuerlich. Aber das LKA sorgte selbst dafür, dass Mario W. immer glaubwürdiger wirkte. Der unvollständige LKA-Bericht für den Landtag, der geheimnisvolle Auftritt von LKA-Beamten vor Gericht sowie interpretierbare Aussagen dort von V-Mann-Führer K. nährten den Verdacht, da werde etwas vertuscht.

Bizarr muss gerade K. die Entwicklung vorkommen. Dem Hauptkommissar attestieren Kollegen anderer Dienststellen, er sei ein Gesetzeshüter reinsten Wassers, mit 30 Jahren Erfahrung. Doch Drogenschmuggler W. nährt den Eindruck, nicht er sei der Buhmann, sondern Aufpasser Norbert K., der ihn im Glauben ließ, er habe freie Hand.

Dass die Arbeit mit kriminellen Spitzeln ein Balanceakt ist, bestätigen zwei langjährige Ermittler, die in dem Bereich tätig waren. Einerseits sei man ohne großen Spielraum an Recht und Gesetz gebunden: Ein V-Mann, der straffällig werde, müsse „abgeschaltet“ werden. Andererseits fordere der Dienstherr Ergebnisse. K. sollte mit dem Spitzel Infos in einem schwierigen Milieu besorgen, der abgeschotteten Welt krimineller Rocker, von der ein führender LKA-Beamter sagt: „,Wir sehen dort sehr hohes Gefahrenpotenzial.“ Ob für Erfolge ein Auge zugedrückt wurde?

Die Nürnberger Kripo führt jetzt interne Ermittlungen gegen sechs LKA-Beamte wegen Strafvereitelung. Zwei Fahnder machten vor kurzem auffallend entlastende Aussagen vor Gericht für den LKA-Kollegen. Das erhöhte die Zahl der Beamten, gegen die ermittelt wird, auf acht. Der Nürnberger Ermittlungsführer sprach jetzt im Zeugenstand von LKA-Akten, die im Nachhinein auffallend verändert wurden. „Die angesehenste Ermittlungsbehörde Bayerns steht vor einem Scherbenhaufen,“ zürnt ein hoher Polizeiführer. Geänderte Akten, E-Mails und Abrechnungen sollen bei entsprechender Erklärung auch eine andere Deutung zulassen, wollen Insider wissen. Doch offiziell schweigt das LKA.

Also treiben W.'s Verteidiger die V-Mann-Führer vor sich her, mit Papieren, die zu belegen scheinen, dass die bei Straftaten wegsahen, dazu ermunterten und Akten frisierten, um das zu vertuschen.

Längst droht die Opposition im Landtag mit einem Untersuchungsausschuss. Im LKA wurde der Kontakt mit Spitzeln neu geregelt. Innenminister Joachim Herrmann ließ V-Mann-Führer K. suspendieren, wegen des Verdachts von Falschaussagen in Würzburg – was ein wenig wie ein Bauernopfer zur Beruhigung der Kritiker aussieht.

Denn im Prozess 2013 hat keiner genau protokolliert, was LKA-Mann K. genau im Zeugenstand gesagt hatte. Notizen, die sich Verteidiger und Staatsanwalt machten, weichen offenbar stark voneinander ab. Reporter waren an dem Tag vom Prozess ausgeschlossen.

Das erhöht die Spannung: Norbert K. muss am 10. März erneut in Würzburg in den Zeugenstand. Er hat das Recht, die Aussage völlig zu verweigern – oder für Klarheit zu sorgen.

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