ZELLINGEN

Verunreinigtes Trinkwasser: Magenschmerzen und Wut

Pouring Fresh Tap Water Into a Glass       -  Akute Gefahr aus dem Wasserhahn: Die Ursache für die Fäkalienkeime im Trinkwasser in Landkreis-Gemeinden von Würzburg und des Main-Spessart-Kreises ist noch nicht gefunden. Mt Chlor will man nun die Bakterien abtöten.
Akute Gefahr aus dem Wasserhahn: Die Ursache für die Fäkalienkeime im Trinkwasser in Landkreis-Gemeinden von Würzburg und des Main-Spessart-Kreises ist noch nicht gefunden. Mt Chlor will man nun die Bakterien abtöten. Foto: Getty Images

Edith Franz aus Leinach ist sauer. Sie gehört zu den knapp 50 000 Betroffenen im westlichen Landkreis Würzburg sowie im Landkreis Main-Spessart, die ihr Leitungswasser seit einigen Tagen abkochen müssen, weil es mit Fäkalkeimen verunreinigt ist. Die wiederum können Übelkeit und Durchfall auslösen. Franz wirft der Kommune vor, ihre Bürger nicht sofort und ausreichend über die akute Gefahr informiert zu haben. Die Ursache ist noch immer nicht gefunden worden, aktuell versuchen Experten mit entsprechenden Mengen Chlor die Bakterien in den Griff zu bekommen. In der Gemeinde Zell (Lkr. Würzburg) ist das gelungen, dort wurde das Abkochgebot am Dienstagabend aufgehoben.

Magenschmerzen und Durchfall

Die Warnung war am Freitag um 14 Uhr an die örtliche Presse gegeben worden. Weil Edith Franz aus Leinach zu dieser Zeit weder Radio hört, noch im Internet surft, erfuhr sie erst am Samstag durch einen zufälligen Anruf ihrer Kinder aus München von der Gefahr aus ihrem eigenen Wasserhahn. Ihre Familie habe derzeit Durchfall, ebenso die Nachbarn. Ob es mit dem Wasser zu tun hat, ist unklar. Sie solle sich an ihren Hausarzt wenden, habe ihr der Ansprechpartner der Hotline des Gesundheitsamtes gesagt, als sie nach unzähligen Versuchen endlich jemanden an die Strippe bekam.

Edith Franz ist mit ihrem Ärger nicht allein. Auch Bewohner anderer Gemeinden sind sauer. Viel zu spät und ungenügend, so klagen Leser jetzt gegenüber dieser Redaktion, seien sie über die Gefahr informiert worden. Weder habe es am Freitag Lautsprecherdurchsagen oder Warnungen per Handzettel gegeben, heißt es auch in Höchberg. Dort sind bislang mehr als 60 Beschwerden bei der Gemeinde eingegangen. Bürgermeister Peter Stichler bestätigt auf Anfrage, dass er und seine Mitarbeiter teils massiven Vorwürfen ausgesetzt seien.

Stichler hatte bereits Freitagnachmittag über eine Mail des Betreibers Kenntnis von dem verunreinigten Wasser, hat sich aber, wie er nun gegenüber dieser Redaktion erklärt, gegen eine Lautsprecherdurchsage mittels Feuerwehrwagen entschieden. „Ich hatte doch keine weitergehenden Informationen oder klare Anweisungen von der Fernwasserversorgung oder dem Landratsamt, was zu tun ist“, so der Bürgermeister. „Da verbreiten wir doch Hysterie, wenn wir durch die Gemeinde fahren und sagen, dass das Wasser verunreinigt ist.“

Zudem sei er lediglich von der zuständigen Fernwasserversorgung Mittelmain und auch nur per Email informiert worden. „Wenn ich nicht auch am Wochenende arbeiten würde, hätte ich gar nichts gewusst.“ Heute, so sagt er, sei ihm klar, dass die Anordnung einer Lautsprecherfahrt eine gute Möglichkeit gewesen wäre, auch jene Bürger schnell zu erreichen, die nicht Radio hören oder in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Er könne verstehen, dass die Bürger empört seien.

Bürgermeister will einen Masterplan

Stichler fordert von den zuständigen Behörden Gespräche ein. Die Erstellung eines Masterplans sei dringend notwendig. „Ich möchte wissen, wie wir künftig in solchen Fällen agieren sollen. Dazu braucht man schnelle und klare Anweisungen von den zuständigen Behörden.“ Das Gesundheitsamt hatte erst am Montagmittag den Feuerwehren der betroffenen Gemeinden eine entsprechende Datei für Lautsprecheransagen zur Verfügung gestellt. Reiner Reichert, Geschäftsleiter der Gemeinde Leinach, betont, dass man am Freitag vom örtlichen Feuerwehrkommandanten und der Feuerwehrführung im westlichen Landkreis noch die Auskunft bekommen habe, dass keine zusätzliche Benachrichtigung der Bevölkerung angeordnet werde.

„Verunreinigtes Trinkwasser ist alles andere als harmlos! Nur weil Freitag ist und die Behörden mittags Schluss machen, kann das ja wohl nicht bedeuten, dass Gefahrenlagen danach einfach nicht kommunziert werden“, äußerte sich eine Leserin gegenüber dieser Redaktion. Tatsächlich war die Hotline laut Gesundheitsamt am Freitag nur von 18 bis 20 Uhr und am Samstag von 10 bis 12 Uhr besetzt. Seit Montag ist sie durchgängig erreichbar.

Die Verunreinigung des Wassers war am Freitagvormittag im Trinkwasserlabor der Fernwasserversorgung Franken (FWF) entdeckt worden, die für den Zweckverband Fernwasserversorgung Mittelmain (FWM) die technische Betriebsführung übernommen hat.

Meldepflicht bei Fäkalkeimen

Da bei Enterokokken eine Meldepflicht besteht, wurden die Gesundheitsämter im Landkreis Würzburg und Main-Spessart informiert. „Alle Verantwortlichen haben sich sofort an einen Tisch gesetzt“, sagt Eva von Vietinghoff-Scheel, die stellvertretende Werkleiterin des Zweckverbands. „Noch während der Besprechung mit den Gesundheitsämtern und der technischen Betriebsführung der FWF ging die erste Pressemitteilung an die lokale Presse, ans Radio und an die betroffenen Gemeinden.“

Um die Bevölkerung in den nächsten Tagen besser zu informieren, verwendet das Landratsamt Würzburg nun die Warn-App „Katwarn“. Die versteht sich eigentlich als ergänzendes Warninstrument des Katastrophenschutzes, kann aber auch zur Informationsstreuung genutzt werden.

Rückblick

  1. Nach Störfall in Zellingen: Wie lange ist noch Chlor im Trinkwasser?
  2. Nitrat im Grundwasser: Wie gut ist Unterfrankens Messnetz?
  3. Warum fränkische Bauern die Milliardenhilfe kritisieren
  4. Kommentar: Landwirte, lasst euch nicht für dumm verkaufen!
  5. Nitrat im Grundwasser: Alles nur gelogen?
  6. Legionellen-Alarm im Berufsförderungswerk in Veitshöchheim
  7. Streit ums Chlor im Trinkwasser: Welche Orte sind betroffen?
  8. Trinkwasser: In fünf Jahren 70 Störfälle in Unterfranken
  9. Ständig Störfälle: Was ist los mit Unterfrankens Trinkwasser?
  10. Nitrat im Wasser: "Das Krebsrisiko steigt"
  11. Durst? Mineralwasser kontra Leitungswasser
  12. Lange Leitung für mehr Versorgungssicherheit
  13. Wasser in Oberaltertheim muss nicht mehr abgekocht werden
  14. Bald weniger Chlor im Trinkwasser - und ein Abkochgebot
  15. Legionellen-Befall: Auch Missioklinik betroffen
  16. Würzburg: Legionellen-Alarm im Trinkwasser
  17. Noch mehr Störfälle und Chlor im Trinkwasser
  18. Leitungswasser oder Mineralwasser - was ist gesünder?
  19. Achtung Kontrolle: Wie sicher ist unser Trinkwasser?
  20. Vielerorts Chlor in Unterfrankens Trinkwasser
  21. Wasser im Landkreis Schweinfurt wird nicht mehr gechlort
  22. Bürgerversammlung zum Zellinger „Wasser-Störfall“
  23. Trinkwasser: Sind alte Rohre Schuld an Verunreinigungen?
  24. Trinkwasser-Baustelle: Wird jetzt die Ursache der Keime gefunden?
  25. Külsheimer müssen ihr Trinkwasser nicht mehr abkochen
  26. Kunden hätten über Chlorung informiert werden müssen
  27. Trinkwasser: Es ist skandalös, wie Bürger informiert werden
  28. Tragen Stechmücken Enterokokken ein?
  29. Trinkwasser: Nur Transparenz schafft Vertrauen
  30. Trinkwasser wird nicht mehr gechlort
  31. Retzbacher müssen Wasser nicht mehr abkochen
  32. Fäkalkeime im Wasser: Wie lange muss noch abgekocht werden?
  33. Aufhebung des Abkochgebots für das Trinkwasser für Holzkirchhausen
  34. Chlor im Trinkwasser: Fragen und Antworten
  35. Weiter Chlor im Trinkwasser vieler Landkreisgemeinden
  36. Verunreinigtes Wasser: WVV springt ein
  37. Verunreinigtes Trinkwasser: Wer wusste wann was?
  38. Vereinsfest bis Taufe: Auf der Suche nach sauberem Wasser
  39. Keime im Trinkwasser: Ist ein Rohrbruch die Ursache?
  40. Wasser-Verunreinigung: Auch Untersuchung auf Bakterien
  41. Verunreinigtes Wasser: Landrat gesteht Defizit ein
  42. Standpunkt: Eine Aufführung der Hilflosigkeit
  43. Wasser-Warnung: Bürgermeister fühlen sich allein gelassen
  44. Fäkalkeime im Wasser: Keine Entwarnung
  45. Verunreinigtes Trinkwasser: Magenschmerzen und Wut
  46. Wasser westlich von Würzburg muss weiter abgekocht werden
  47. Weiter Keime im Wasser westlich von Würzburg

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Zellingen
  • Angelika Kleinhenz
  • Melanie Jäger
  • Ernst Lauterbach
  • Diarrhö
  • Magenschmerzen
  • Peter Stichler
  • Trinkwasser
  • Wut
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
7 7
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!