Würzburg

Vesperkirche in Grombühl: Der Knast kocht wieder

Nach einem Jahr Pause wird die Thomaskirche in Grombühl 2020 wieder zum Gasthaus. Zum Mittagessen ist jeder eingeladen – die Begegnung steht im Vordergrund.
Kirchengestühl wird Kirchentisch: Vesper in der Thomaskirche Foto: Wolfgang Kümper

Pfarrer Reinhard Fischer von der Würzburger Thomaskirche muss herzlich lachen, als er gefragt wird, ob er die Vesperkirche wohl „geerbt“ habe. Vor knapp zwei Jahren lud das evangelische Gotteshaus im Stadtteil Grombühl zum ersten Mal zwei Wochen lang jedermann täglich zum Mittagsschmaus ein. Vor einem Jahr trat Fischer sein Amt in der Thomaskirche an, da gab es keine Kirchenvesper. Der frühere Organisator Wolfgang Kümper erklärt: „In der Zeit der Vakanz wussten wir nicht, ob dem zukünftigen Amtsinhaber so eine Veranstaltung wie die Vesperkirche gefällt.“ Die Gemeinde wollte ihrem neuen Pfarrer nicht vorgreifen.

Dabei fand Reinhard Fischer die Vesperkirche „damals schon toll und spannend“. Nahe miterlebt hat er die Strahlkraft einer Kirche als Gasthaus während seiner kurzen Amtszeit in Schwebheim bei Schweinfurt. In der Kreisstadt hat die Vesperkirche ja schon Tradition.

Helfer treffen sich am 15. Januar

Sobald sich Fischer etwas in seinem neuen Pfarrhaus eingelebt hatte, war klar: „Einmal ist keinmal.“ Er nahm die Vesperkirche 2020 in die Planung auf. Vom 8. bis zum 22. März wird wieder ein Dreigang-Menü plus Kaffee und Kuchen gegen einen Euro Unkostenbeitrag aufgetischt. Am 15. Januar und 10. Februar findet um 19 Uhr ein Informationstreffen statt für alle Leute, die mithelfen wollen.

Dass die Thomaskirche weitermacht, ist für Kümper ebenso logisch wie für Friedl Seeger. Die Hauswirtschaftsmeisterin und Religionspädagogin ist für den Küchenbetrieb zuständig und erinnert daran: „Von der Premiere 2018 ist ja alles noch da, das Geschirr und Besteck, die Möbel…“ Und den Lieferanten von damals konnten sie auch wieder überzeugen: die Kantine der Justizvollzugsanstalt.

Rund 100 Helfer waren 2018 dabei

160 Gäste täglich erwartet das Gotteshaus. Wobei Seeger die Erfahrung gemacht hat: „Wenn Braten auf der Speisekarte steht, kommen mehr als bei Milchreis.“ Abbestellen kann das Thomas-Team aber nur bis spätestens zwei Tage vor der Lieferung. Die JVA muss ihre Mengen schließlich auch kalkulieren und bestellen. Für übrig gebliebene Mahlzeiten hat man 2018 Abnehmer gefunden: Food-Sharing-Leute, die Bahnhofsmission, die Freiraumpioniere. Solche Verbindungen kann man 2020 neu nutzen.

Überhaupt haben die Veranstalter manche Lektion gelernt, die Erfahrungen systematisch ausgewertet. Und 2019 bereits angewandt. So sprach Wolfgang Kümper schon im Sommer mit Schulen über Kooperationen: „Bevor das Schuljahr zuende ist! Wenn alle in Ferien sind, kommt man mit solchen Ideen zu spät.“ Vor allem Schülergruppen hatten nämlich bei der ersten Vesperkirche regelmäßig für genügend Mitarbeiter gesorgt. Das Helferfest zum Abschluss der Vesperkirche feierten dann über 60 Kräfte mit. „Insgesamt haben 100 Leute mitgemacht“, sagt Kümper.

Vesperkirche schafft Raum für Begegnung

Vor allem sieht er: „Die Vesperkirche passt zu unserer Gemeinde. Die wird in Würzburg oft als eine diakonische Gemeinde angesehen. Und die Vesperkirche ist ja definitiv diakonisches Handeln.“

Dabei kommt es nicht nur auf preiswerte Speisung an. Die Vesperkirche wendet sich nicht gezielt nur an Arme. Es begegnen sich Handwerker von den Baustellen der Umgebung, Geschäftsinhaber, Studierende, aber eben auch Wohnungslose. Diese soziale Komponente ging bisher gut auf und stieß auf breites Interesse. Aus Baden-Württemberg, wo Vesperkirchen schon bekannter sind als in Bayern, kamen Beobachter; eine katholische Gruppe reiste aus Passau an, ein Paar aus Bamberg. Und viele Besuchern aus der Region fanden: „Wenn ich schon mal hier bin, kann ich auch mit anpacken und morgen als Mitarbeiter wiederkommen“, erinnert sich Friedl Seeger an manchen spontanen Helferzuwachs.

Die Thomaskirche richtet zum zweiten Mal eine Vesperkirche aus. Foto: Joachim Fildhaut

Diakonisch ist die Vesperkirche auch, weil das Diakonische Werk hier über seine Hilfsstellen informiert. Die Johanniter Unfall-Hilfe misst den Gästen den Blutdruck und zwei Friseurinnen lassen ihre Scheren klappern – ein Service, der 2018 besonders gut angenommen wurde, wie Kümper weiß. Sonntags setzt dieses Rahmenprogramm jedoch aus – da erklingt stattdessen Musik.

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