REGION WÜRZBURG

Viele Kunstbegeisterte bei „Tagen des offenen Ateliers“

„Ich bin verliebt in Wasser“: Eine Besucherin betrachtet in Würzburg bei den „Tagen des offenen Ateliers“ ein Werk von D...

Nur selten gewähren Künstler einen Blick in ihr Allerheiligstes. Den stummen Zeugen ihres Zwiegesprächs mit dem – realen oder imaginären – Modell. Am vergangenen Wochenende, zu den „Tagen des offenen Ateliers“, taten sie es dennoch. Über 100 Künstler in Stadt und Landkreis Würzburg öffneten ihr Atelier für kunstinteressierte Besucher.

Was Hermann Heinickel antreibt, vermag er nicht zu sagen. Was treibt einen Süchtigen? Es ist nicht die Sehnsucht nach dem nächsten Schuss, nicht bei Heinickel, kein unkontrollierter Rausch soll es sein. „Meine Sucht“, sagt er, und er verwendet das Wort oft, „ist die Faszination der Unberechenbarkeit“.

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Tag des offenen Ateliers

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Holz und Stein interessieren Heinickel nicht mehr, das hat er hinter sich gelassen, vor vielen Jahren schon. Seine Leidenschaft ist Glas. Mit den glühenden Augen eines begeisterten Kindes sitzt er über dem Brenner und dreht Perlen. „Es ist ein wundervolles Material“, schwärmt er, „so unberechenbar, niemals kann ich wissen, was am Ende herauskommt“.

Für ihn ist das Atelier, das er mit Frau Marga teilt, ein intimer Ort. Er hat es im Keller seines Hauses eingerichtet, hier saß er schon mitten in der Nacht im Schlafanzug und jagte spontanen Eingebungen nach. Von der Straße ist seine Werkstatt nicht zu sehen und selbst heute, wo Heinickel extra ein Plakat an den Zaun getackert hat, könnte man sie leicht übersehen.

Beinahe als Eindringling kommt sich vor, wer doch das quietschende Gartentor zur Seite drückt und in den fremden Garten tritt, wo nichts mehr auf das Atelier im Keller hinweist. Johannes Engels, Leiter des Fachbereichs Kultur der Stadt Würzburg, weiß um das Problem, doch schmunzelt er darüber, als sei gerade das die Essenz der Veranstaltung: „Es geht darum, Schwellenängste zu überwinden“.

Diese Ängste, so sagt er, gibt es überall. Im Atelier wie im Privathaus. Muss ich etwas kaufen, rein aus Anstand? Was soll ich sagen? Ganz tilgen wird man diese Ängste nicht, bei der 1. Estenfelder Kunstmeile versucht man sie aber in eine andere Richtung zu lenken. Initiatorin Heidi Hotel, selbst freischaffende Künstlerin, hat sich dafür einen ungewöhnlichen Ort ausgesucht: Die Musterhaussiedlung in der Heisenberg und Otto-Hahn Straße.

Estenfelder Kunstmeile geglückt

„Viele Künstler haben kein Atelier, oder es ist zu klein für eine Ausstellung“, sagt Hotel, „hier haben sie trotzdem die Möglichkeit sich und ihre Kunstwerke vorzustellen“. Weit über 100 Gäste hat Hotel allein am Samstag gezählt und bereits jetzt denkt sie laut über weitere Ausstellungen nach – das Pilot-Projekt ist geglückt.

Die „Tag des offenen Ateliers“ sollen nicht nur eine große Ausstellung sein, es ist ebenso eine Möglichkeit mit Künstlern in direkten Kontakt zu treten. Oft wird die Frage nach der Inspiration gestellt. Die Antwort ist immer eine andere. Für Dorle Wolf, Mitglied der Künstlergruppe „Weibsbilder“, sind Gedichte ein unermüdlicher Quell neuer Ideen.

So fängt sie plötzlich an Peter Huchel zu zitieren. Vor einem Bild, das sie einfach „Die Sternenreuse 2“ nannte – nach einem Gedicht des Lyrikers. Immer wieder taucht in ihren Werken Wasser auf, sie sei verliebt in dieses Elemt, sagt sie. „Es ist wunderschön, aber auch gefährlich“, findet sie, „es stellt die ganze Welt auf den Kopf“.

„Was am Ende herauskommt, kann ich nie sagen“: Hermann Heinickel aus Estenfeld liebt die Unberechenbarkeit von Glas. Foto: FOTOS Jochen Feldle

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