Würzburg

Virus: Würzburger Tropenmediziner warnt vor Corona-Panik

Das in China aufgetretene Coronavirus greift um sich. Ist der erste Fall in Deutschland nur eine Frage der Zeit? Fragen an den Würzburger Tropenmediziner August Stich.
Prof. August Stich ist Chefarzt der Tropenmedizin am Klinikum Würzburg Mitte, Standort Missio-Klinik, und Beiratsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin
und Globale Gesundheit. Foto: Daniel Peter

Wie umgehen mit dem in China ausgebrochenen Coronavirus? Prof. August Stich, Vorsitzender des Missionsärztlichen Insituts und Chefarzt der Tropenmedizin an der Würzburger Missio-Klinik, hat am Ablaufplan des Robert-Koch-Instituts mitgearbeitet.  Er hilft Ärzten bei einem konkreten Verdachtsfall. Wir sprachen mit dem Tropenmediziner über die drohende Gefahr durch das neuartige Virus.

Frage: Herr Stich, wie gefährlich ist das Coronavirus tatsächlich?

August Stich: Das Problem ist, dass wir noch viel zu wenig über diese neue Erkrankung wissen. Wir lernen täglich dazu und können laufend die vorhandenen Daten auswerten. Und wir können auch aus der Erfahrung mit SARS und ähnlichen Erkrankungen schöpfen.

Ist das Coronavirus vergleichbar mit der SARS-Epidemie 2002/2003?

Stich: Die beiden Viren sind eng verwandt. Was sich aber herauszustellen scheint: Das neue Coronavirus ist weniger gefährlich für den Betroffenen und von Mensch zu Mensch weniger ansteckend als damals der SARS-Erreger. Aber Gewissheit haben wir noch nicht.

Wie kann man sich anstecken?

Stich: Es ist eine Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch, setzt also enge Kontakte voraus, und geht über den Luftweg.

Eine Quarantänebeamtin überprüft die Körpertemperatur eines Passagiers am Internationalen Flughafen Incheon in Südkorea.  Foto: Park Mi-So, dpa
Wie wahrscheinlich ist es, dass wir bald Fälle auch in Deutschland haben?

Stich: Wir werden ganz sicher Menschen haben, die besorgt sind, dass sie sich mit dem neuen Coronavirus angesteckt haben. Oder von ihrer Umgebung aufgefordert werden, sich untersuchen zu lassen. Wir haben auch viele chinesische Reisegruppen, die sich Rothenburg und die Residenz anschauen. Da werden immer Einzelne dabei sein, die Fieber entwickeln – sei es durch eine Grippe oder eine andere Erkrankung. Und nur weil sie Chinesen sind oder jemand in China war, entsteht die Angst. Was folgt, sind dann häufig emotionale oder irrationale Reaktionen.

Gibt’s schon erste Nachfragen bei Ihnen am Tropeninstitut?

Stich: Jede Menge. Sowohl von Leuten, die sich auf eine Ostasienreise vorbereiten oder von Menschen, die dort waren, und jetzt zu uns kommen. Da müssen wir als erstes prüfen, ob ein Verdacht überhaupt begründet ist. Dafür gibt es Kriterien aus dem Robert-Koch-Institut.

Einen konkreten Verdachtsfall haben Sie noch nicht?

Stich: Nein. In ganz Deutschland haben wir noch keinen Fall, der den großen Alarm ausgelöst hätte.

Fahrgäste tragen Atemschutzmasken in der Abfahrtshalle eines Bahnhofs für Hochgeschwindigkeitszüge in Hongkong. Foto: Kin Cheung, dpa
Sind Reisen nach China ein Risiko?

Stich: Ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit, sich selbst auf einer Reise mit dem neuen Erreger anzustecken, sehr, sehr gering ist. Was aber passieren kann, sind spürbare Veränderungen im öffentlichen Leben im Reiseland und lokale Reisebeschränkungen, zum Beispiel Temperaturkontrollen von Passagieren an Flughäfen. Es gibt ja viele Gründe, Fieber zu entwickeln. Touristen könnten also auch leicht in schwierige Situationen geraten, die mit der Angst vor dem Virus und den Sicherheitsvorkehrungen zu tun haben.

Also Fieber heißt nicht gleich Coronavirus…

Stich: Wir sind mitten in der Influenza-Saison. Und ein guter Ort, sich mit Grippe anzustecken, ist das Ein- und Auschecken aus dem Flugzeug. Sie holen sich zum Beispiel die Influenza noch in Frankfurt, entwickeln die Symptome in China auf Ihrer Geschäftsreise – und wenn Sie dann in die Temperaturkontrolle am chinesischen Flughafen kommen, werden Sie möglicherweise rausgezogen und erstmal unter Quarantäne gesetzt.

Haben Sie das Gefühl, dass Medien auch Panikmache betreiben?

Stich: Viele Medien sind getrieben, wollen schnell berichten und irgendwelche Sensationsmeldungen liefern, die sich besser verkaufen als die differenzierende, abwägende Sicht eines Wissenschaftlers. Da gibt es immer Medien, die grob übertreiben, und nicht die Intention haben, solide und ausgewogen zu informieren.

Reisende aus dem chinesischen Wuhan und anderen Städten durchlaufen auf dem internationalen Flughafen Narita bei Tokio Körpertemperatur-Scanner. Die chinesische Regierung hat die besonders schwer von der durch den Coronavirus ausgelösten neuen Lungenkrankheit betroffene Millionenmetropole Wuhan praktisch abgeriegelt.  Foto: Eugene Hoshiko, dpa
Fällt es den Experten schwer, das Nichtwissen zuzugeben?

Stich: Nein, das ist in einem solchen Fall ganz normal. Wir müssen das neue Virus noch genauer studieren, wissen nicht, was noch auf uns zukommt. In einer Welt der Globalisierung werden wir es immer mit neuen Infektionserregern zu tun haben. Das ist in einer zusammenwachsenden Welt etwas ganz Natürliches. Verrückt spielen dürfen wir deshalb nicht, sondern wir müssen akzeptieren, dass sich mit der zunehmenden Mobilität von Menschen, Tieren und Waren auch Krankheiten global verbreiten können.

Sind wir in Deutschland gut auf eine mögliche Ausbreitung des Coronavirus vorbereitet?

Stich: Ja, und zwar viel besser als noch zu SARS-Zeiten vor 17 Jahren. Wir haben daraus viel gelernt. Es hat damals viele Wochen gedauert, bis man den Erreger kannte. Hier beim neuen Coronavirus waren es wenige Tage. Wir haben auch in Würzburg, in der Virologie der Uni, die Möglichkeit, mit Tests das Virus direkt nachzuweisen. Und die Netzwerke aus öffentlicher Gesundheitsversorgung und Infektiologie sind inzwischen so ausgefeilt, dass wir gut vorbereitet sind.

Wie schnell könnte man bei einem Verdachtsfall die Diagnose sichern?

Stich: Binnen weniger Stunden.

Tropenmediziner August Stich im Gespräch mit Main-Post-Redakteur Andreas Jungbauer.  Foto: Daniel Peter
Bei welchen Symptomen sollte eine Abklärung erfolgen?

Stich: Die Inkubationszeit beträgt maximal 14 Tage. Wenn ich vor drei Wochen von einer Reise zurückgekommen bin und jetzt krank werde, kann es dieses neue Coronavirus nicht sein. Zu beachten sind Hinweise auf eine Lungenentzündung und Fieber – bei entsprechender Exposition. Das heißt, bei einem Aufenthalt in den chinesischen Ausbruchsgebieten oder bei direktem Kontakt mit einem nachgewiesenen Fall.

Gibt es Schutzvorkehrungen, die Sie empfehlen würden?

Stich: Man sollte sich generell schützen, auch vor anderen Erkrankungen – das ist auch ein Credo für die Influenza-Impfung. Was wir in der Grippezeit empfehlen, gilt auch für das Coronavirus: Händedesinfektion, Oberflächen sauber und Abstand zu Personen halten. Noch gibt es bei uns aber keinen Grund, sich Atemschutzmasken aufzuziehen oder überall Temperaturmessstellen einzurichten. Das wäre völlig übertrieben. Wir brauchen den Einkaufsbummel in der Würzburger Innenstadt nicht mit einem Mundschutz zu machen.

Wie könnte sich unser Gesundheitssystem noch besser auf eine wachsende Bedrohung durch globale Erreger einstellen?

Stich: Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Kompetenzen im Umgang mit Infektionskrankheiten nicht aufgeben zu Gunsten von mehr Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Wer auf Gewinnmaximierung in Krankenhäusern zielt, macht gerne um alle Infektionsprobleme einen Bogen. Die Beherrschung von Infektionskrankheiten ist mit einem großen Aufwand verbunden, der sich durch das aktuelle System der Gesundheitsfinanzierung nicht refinanzieren lässt. Für eine umfassende Versorgung der Bevölkerung müssen Vorkehrungen für infektiologische Lagen getroffen werden, die über das hinausgehen, was ein Krankenhaus für sich allein leisten kann. Dafür bräuchten wir mehr Reservekapazitäten, um adäquat reagieren zu können. Wir müssen im Gesundheitswesen weg von einer rein betriebswirtschaftlichen Denke hin zur Anerkennung der Notwendigkeit von Prävention, umfassenden Infektionsmanagement und globalen Antwortstrategien.

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