WÜRZBURG

Vision: Ein Pate für jeden Flüchtling

Patenschaftsausweis
Der Landkreis Würzburg beteiligt sich an der Patenschaftsaktion der Stadt Würzburg. Jeder Pate bekommt nach einer entsprechenden Schulung einen Patenschaftsausweis. Der sieht aus wie dieses Plakat. Pate Daniel Diethei (links) und Noorullah Nazari halten es in die Kamera. Foto: Thomas Obermeier

Ob Stadt oder Landkreis Würzburg – jeder hat seine Methoden entwickelt, um Flüchtlingen zu helfen. Künftig wollen beide intensiver zusammenarbeiten. Der Landkreis hat sein Augenmerk insbesondere auf das kommunale Patenschaftsprojekt gelegt, das vor einem Jahr gemeinsam mit den Wohlfahrtsverbänden in der Stadt eingeführt wurde.

Oberbürgermeister Christian Schuchardts Vision ist es, dass „jeder Geflüchtete einen deutschen Paten oder Patin hat.“ Diese sollen Lebensbegleiter sein. Sollen helfen, Geflüchtete durch den Papier-Dschungel der Bürokratie zu schleusen, betonten Schuchardt und Landrat Eberhard Nuß bei einer gemeinsamen Pressekonferenz im Reuterhaus in Würzburg. Vertreter der Wohlfahrtsverbände und aus den zuständigen Fachbereichen von Stadtverwaltung und Landratsamt hatten sich dazu gesellt.

Pate kann jeder Flüchtlingshelfer werden. Wer das will, erhält Unterstützung von Fachleuten. Voraussetzung ist: Man muss sich qualifizieren. Die Paten durchlaufen einige Qualifizierungsmodule, in denen Themen wie interkulturelle Kompetenz, Asylverfahren, Zeitmanagement oder Datenschutz, bis hin zur Traumatologie, besprochen werden. Angeboten werden Kurse, die vor Augen führen, in welcher Situation sich Flüchtlinge befinden und welche Reaktionen das auslösen kann.

Legitimation als Helfer

Nach der Unterzeichnung einer Vereinbarung und der Vorlage des Führungszeugnisses erhalten die Paten einen Ausweis, der sie auch gegenüber Behörden als Pate des Geflüchteten legitimiert. Den Inhabern werden auch Vergünstigungen ähnlich denen der Ehrenamtskarte gewährt, mit Preisnachlässen zum Beispiel für Kino, Kulturspeicher und Theater.

Eines der „Patenkinder“ ist Noorullah Nazari. Er flüchtete aus Afghanistan. Unterwegs wurde er von seinen Eltern getrennt. Nur er selbst habe es bis nach Deutschland geschafft, berichtet er. Vor kurzem wurde das Asylgesuch des jungen Mannes abgelehnt. Doch Nazari werde vor dem Verwaltungsgericht Widerspruch einlegen, erklärt sein Pate Daniel Diethei. Er verweist auf Berichte des UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees), wonach die Lage in Afghanistan zurzeit äußerst schwierig und gefährlich sei. Deshalb hat der Pate die Hoffnung, dass der Afghane doch noch in Deutschland bleiben darf.

Er nimmt ihn mit zum Fußballspielen und zur Laufgemeinschaft, beantwortet Briefe von Behörden und wenn es sein muss wartet er stundenlang mit seinem Schützling vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), wie jüngst in Schweinfurt.

Nazari antwortet auf Nachfragen. Er versucht, zu allem, was Diethei sagt, zu lächeln. Aber seine Verzweiflung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Motivieren – auch das ist ein Thema bei der Schulung der Menschen, die den Flüchtlingen helfen und sich zu Paten ausbilden lassen.

Fachkompetenz als Unterstützung

Längst haben sich viele Helferrunden gebildet, und manchmal sind es auch Einzelpersonen, die sich um Geflüchtete kümmern. Und alle die sich entschließen, Pate zu werden, haben bei Bedarf viel Fachkompetenz im Rücken.

„Die filigranen deutschen Gesetze sind für diese Situation nicht gemacht“, meinte Landrat Nuß in Anspielung darauf, dass es keine Vorbereitungszeit gegeben habe, als die erste große Flüchtlingswelle eintraf. „Wir sind nahezu überrollt worden von Aufgaben, die wir früher nicht kannten.

“ Voller Anerkennung gegenüber Freiwilligen und Mitarbeitern, die sich von Anfang an um Flüchtlinge gekümmert haben, bemerkt er: „Wir lernen nur durch Menschen wie Sie.“

Konkret meint er damit zum Beispiel Beate Gerhard, die mit einem „ihrer“ Syrer zur Pressekonferenz dazu gestoßen war. Schon bei der Ankunft der ersten Flüchtlinge im Raum Würzburg hatte sie die Not erkannt – und geholfen. Inzwischen kann sie auf ihrem Weg, den sie mit Mohammed Najeb (20) und seinem Bruder Ahmad (16) geht, auf Unterstützung bei Behörden und Ämtern zählen.

1130 geflüchtete Menschen leben laut Nuß im Landkreis Würzburg noch in dezentralen Unterkünften. Darunter sind 300 so genannte Fehlbeleger, die die Erlaubnis hätten, in einer eigenen Wohnung zu leben – aber keine finden.

Für den Stadtbereich nennt OB Schuchardt 1100 Geflüchtete. Davon leben laut OB 900 Menschen in Gemeinschaftsunterkünften. 200 seien bereist ausgezogen. Inzwischen ziehen auch immer wieder Geflüchtete vom Landkreis in die Stadt – und umgekehrt. Allein deshalb sei die engere Zusammenarbeit der beteiligten Stellen hier wie dort sinnvoll, sagen Schuchardt und Nuß.

Informationspunkt

Ein Informationspunkt im Reuterhaus steht allen Ehrenamtlichen offen, stellte die städtische Sozialreferentin Hülya Düber klar. Am „i-punkt“ werden Kontakte zu Verbänden und Fachbereichen geknüpft, hier wird weitervermittelt und auf Veranstaltungen hingewiesen wie etwa ein Helfer-Café im Rudolf-Alexander-Schröder-Haus, dessen Team Austausch und Vernetzung fördert. Und auch die Paten finden hier natürlich eine Anlaufstelle.

Ansprechpartner zum Thema: Aktivbüro der Stadt, Tel. (0931) 37-3936, www.aktiv-in-wuerzburg.de

Caritas Stadt/Land: Ehrenamtskoordination Flüchtlingshelferkreise, Tel. (0931) 386 59-118

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