WÜRZBURG

Vom Hotelturm nach ganz unten

Halb fertig dämmert der Hotelturm in Würzburg seit Jahren vor sich hin. Halb fertig sind auch Ermittlungen gegen die Pleite-Firma „Euro-Gruppe“, die das Blendwerk in Beton baute und ganz oben im 17. Stock residieren wollte. Ganz unten ist Geschäftsführer Jürgen S., der für die Geschäfte des Konzerns nun vor Gericht den Kopf hinhalten muss.
Der Hoteltum in der Schweinfurter Straße dümpelt vor sich hin. Jetzt steht ein Vertreter des einstigen Bauherrn vor Gericht. Foto MÜLLER
Der Hoteltum in der Schweinfurter Straße dümpelt vor sich hin. Jetzt steht ein Vertreter des einstigen Bauherrn vor Gericht. Foto MÜLLER

Rund 27 000 Anleger hatten 2005 entsetzt von der Pleite der in Würzburg residierenden Euro-Gruppe um die Haupt-Firma Ibeka AG gehört.

Sie waren – trotz vielfacher Warnungen – bereit gewesen, 800 Millionen Euro in riskante Projekte der Gruppe zu investieren.

Als das Unternehmen dann zahlungsunfähig war, fragte sich alle Welt: Wo sind die 117 Millionen Euro hingekommen, die von Investoren bereits eingezahlt waren?

Der Großteil war nicht – wie versprochen – investiert, sondern nach Gutsherrenart auf jene Werber verstreut, die das Unternehmenskonzept bei Kunden erfolgreich angepriesen hatten.

Insolvenzverwalter Bruno Fraas fand auf dem Ibeka-Konto noch ganze 3,73 Euro vor, einen Hochhaus-Rohbau in jämmerlichem Zustand – und Tausende von Kunden, die in letzter Minute das sinkende Schiff verlassen und ihr eingezahltes Geld retten wollten.

Zum Zeitpunkt der Insolvenz war die Gruppe nach Informationen der Redaktion in 1382 Rechtsstreitigkeiten verwickelt.

Drei Jahre nach dem Zusammenbruch des Netzwerks miteinander verschachtelter Vertriebs- und Finanzierungsfirmen hat die Pleite jetzt in Würzburg ein Nachspiel vor Gericht.

Angeklagt ist aber nicht der Mann, der bei dem Unternehmen aus dem Hintergrund die Fäden zog.

Er hat laut Staatsanwaltschaft „aus früheren Fehlern gelernt“ und muss sich nicht davor fürchten, im Knast zu enden.

Hingegen muss der seit 1995 eingesetzte Geschäftsführer Jürgen S., ein 63-jähriger Kaufmann, nun vor Gericht den Kopf für Versäumnisse in der Endphase der Unternehmensgruppe hinhalten, als sie faktisch schon pleite war und es in der Zentrale im „Euro-Center“ in der Wörthstraße drunter und drüber ging.

Vor allem die Buchhaltung war zuletzt – ob absichtlich oder auch nicht – in „katastrophalem Zustand“, wie Insolvenzverwalter Bruno Fraas später mitteilte.

Geschäftsführer S. wird beschuldigt, die Insolvenz zahlreicher Firmen im Netzwerk der Euro-Gruppe um Monate verschleppt zu haben, in elf Fällen vorsätzlich den Bankrott herbeigeführt und die Pflicht zur Buchführung verletzt zu haben.

Damit begrenzt die Staatsanwaltschaft ihre Anklage auf überschaubare Tatbestände, statt tief ins Geflecht der Geschäfte der Unternehmensgruppe einzutauchen.

Dass die Ibeka AG den Würzburgern mit dem Hotel-Rohbau in der Schweinfurter Straße ein Mahnmal der besonderen Art hinterließ, ist eigentlich nur noch eine Petitesse am Rande.

Kurz vor der Pleite versuchte der Angeklagte offenbar noch, einen Teil der hereinfließenden Gelder von einer Firma auf die andere abzuzweigen. Dies zeigen Briefe an die damaligen Kunden.

Vielleicht kann er diese Vorgehensweise ebenso vor Gericht erklären wie den Aufenthaltsort von mindestens fünf Millionen Euro, die laut Insolvenzverwalter Bruno Fraas spurlos verschwunden sind.

Verhandelt wird ab 30. Oktober vor dem Amtsgericht Würzburg.

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