WVV-Chef Norbert Menke: Die Atomkrise stärkt das Heizkraftwerk

Umweltfreundlich: Im Heizkraftwerk an der Friedensbrücke wird Strom aus Gas- und Dampfkoppelung erzeugt.
Umweltfreundlich: Im Heizkraftwerk an der Friedensbrücke wird Strom aus Gas- und Dampfkoppelung erzeugt. Foto: Theresa Müller

Würzburg Wie, du bist noch bei deinem lokalen Energieversorger? Musst du kein Geld sparen? Solche Sprüche muss man sich mittlerweile anhören, wenn man nicht mindestens einmal im Jahr den Strom- und Gasanbieter wechselt. Verbraucherverbände und sogar Ministerien rufen Energiekunden auf, wachsam zu sein und Kosten zu vergleichen. Wie behauptet sich ein lokaler Energielieferant und -produzent wie die Würzburger Versorgungs- und Verkehrs-GmbH (WVV) in einer solchen Situation, in der viele Menschen einfach aufs Geld schauen müssen? Der Geschäftsführer des städtischen Umweltkonzerns, Norbert Menke, äußert sich zu Billig-Tarifen, Kundenverlusten und skizziert die Auswirkungen der japanischen Atomkrise auf Würzburg.

Frage: Welche Auswirkungen hätte es auf die Energiesituation in Würzburg, wenn es zu dauerhaften Abschaltungen von Atomkraftwerken kommen sollte, ausgelöst durch die aktuelle Situation in Japan und die dadurch neu entfachte Atomdiskussion?

Norbert Menke: Die dramatischen Entwicklungen in Japan sind zuallererst eine Katastrophe für die betroffenen Menschen und das ganze Land. Es zeigt sich auf grausame Weise, dass die Sorgen vieler Menschen um die Sicherheit der Kerntechnik mehr als berechtigt sind. Die kurzfristige Abschaltung aller vor 1980 gebauten Atommeiler in Deutschland zeigt direkt Auswirkungen auch in Würzburg. Der Energiegroßhandel in Leipzig hat schon reagiert und honoriert jetzt eine CO2-arme und sichere Energieproduktion wie hier in Würzburg viel besser als vor der Abschaltung. Flexible, saubere und grundlastfähige Gaskraftwerke sind der natürliche Partner der erneuerbaren Energien und die wahre Brückentechnologie auf dem Weg in ein erneuerbares Energiesystem. Das zeigt sich schon jetzt nach den ersten Abschaltungen und sollte so bleiben.

Verbraucherportale und sogar die Bundesregierung rufen zum Energiekostenvergleich auf. Ist der Anbieter zu teuer, soll man wechseln. Wo befindet sich die WVV im Ranking-Vergleich?

Menke: Mit unseren Wahlangeboten „Familie“ oder „Privat“ wollen wir uns im oberen günstigen Drittel bei Preisvergleichen ansiedeln. Da sind wir aktuell nicht. Aber man muss Vergleiche über einen längeren Zeitraum hinweg durchführen, um ein realistisches Bild zu bekommen. Dann passt es. Mit unserer Grundversorgung positionieren wir uns grundsätzlich im mittleren Preissegment.

Wenn man auf Verivox die WVV mit anderen vergleicht, finden sich viel günstigere Anbieter. Warum sollen die Kunden denn beim lokalen Versorger bleiben?

Menke: Neben einer berechenbaren Preispolitik ohne Überraschungen sind das Verlässlichkeit und Engagement in der Region, was unsere Kunden schätzen. Wir nennen das Regionalrendite. Oder anders ausgedrückt: Wie viele Cent eines Umsatz-Euro fließen direkt in den regionalen Wirtschaftskreislauf zurück. In der Berechnung werden unter anderem unsere etwa 1300 eigenen Arbeitsplätze in Würzburg berücksichtigt oder unsere Auftragsvergaben an ansässige Handwerker und Unternehmen. Beim Strom liegt die Regional-Rendite bei 60 Cent je Umsatz-Euro. Im Vergleich dazu: bei Yello oder anderen liegt die Wertschöpfung etwa bei 20 Cent. Wer in Würzburg einen marktfähigen Preis haben will und hohe Regionalität, ist mit uns gut beraten. Wir halten auch wichtige Leistungen vor wie persönliche Erreichbarkeit und zwei Kundenzentren in der Innenstadt. Das ist der Mix, der uns von reinen Internetanbietern unterscheidet.

In die Infrastruktur investieren ist eine Sache, aber als Kunde bis zu 600 Euro im Jahr sparen eine andere. Denkt die WVV über günstigere Tarife nach oder über einen eigenen Discountbereich?

Menke: Im Grundsatz ja. Der Strommarkt ist genau von dieser Entwicklung geprägt. Zu reinen Standardangeboten kommen bestimmte Wahlangebote dazu. Die Produkte werden stärker differenziert. Wir haben dem Rechnung getragen. Im Herbst kamen wir mit einem Garantieangebot bei Strom auf den Markt, das günstig und preisstabil sein sollte. Das ist aber ein zeitlich begrenztes Aktionsangebot. Das Thema Discountmarke beschäftigt uns intensiv. Wie können wir unser Angebot nach unten preislich abrunden? Wenn es nur ums Geld geht, muss man eben bestimmte Leistungen abspecken, die derzeit mitenthalten sind. In diese Richtung werden wir auch gehen müssen. Solche fehlenden Leistungen könnten dann sein, keine Abrechnungen mehr in Papierform, sondern nur noch online oder andere Zahlungsziele wie viertel- oder halbjährliche Vorkasse. Denkbar ist, dass wir schon im Laufe des Jahres auf den Discount-Trend reagieren.

Warum bekommt der WVV-Kunde keine Bestpreis-Garantie? Leute müssen erst anrufen und ihren Tarif prüfen lassen, bevor sie vielleicht sparen können.

Menke: Eine Bestpreis-Garantie ist in allen Kundengruppen und Netzebenen nicht darstellbar. Wir können solche Mechanismen nur in einzelnen Produktgruppen anbieten wie beim Mainfrankenstrom „Privat“ und „Familie“. In dem großen Bereich um die 3000 Kilowatt im Jahr rechnen wir immer die Bestpreise automatisch aus. Informationen über Serienbriefe, in denen wir neue Produkte anbieten, werden nur zurückhaltend angenommen. Der Rücklauf liegt da bei acht bis zehn Prozent. Eines ist klar, der Beratung und neuen, breiter gefächerten Tarifen kommt immer mehr Bedeutung zu. Wir werden das auch verstärkt in diesem Jahr noch mit einem neuen Internet-Auftritt tun. Da können sich die Kunden dann den Tarif selbst aussuchen, der zu ihnen passt.

Wie viele Würzburger Kunden sind in den letzten Monaten zu einem anderen Anbieter gewechselt?

Menke: Seit der Liberalisierung des Strommarktes vor zwölf Jahren haben wir rund zwölf Prozent bei den Strom-Haushaltskunden in unserem Netzgebiet an Mitbewerber verloren. Wir haben damit im Heimatmarkt immer noch 90 Prozent Marktanteil. Damit liegen wir deutlich besser als der Bundesdurchschnitt, der mit 21 Prozent bei den Wechselquoten angegeben wird. Bis 2015 wird die Wechselquote bundesweit vermutlich auf rund 30 Prozent ansteigen und wir werden uns irgendwo bei 20 bis 25 Prozent einpendeln. Damit bleiben wir eindeutig Marktführer in Würzburg. Das ist das Ziel. Beim Gas sind es auf dem Privatkundensektor 7 Prozent, die uns 2010 verlassen haben, bundesweit wechseln etwa elf Prozent. Wir haben derzeit 129 000 Strom- und 48 000 Gaskunden.

Die Stadtwerke finanzieren mit ihrem Noch-Gewinn den ÖPNV. Das sind fast 17 Millionen Euro jedes Jahr. Wenn sich die Situation auf dem Energiemarkt verschärft, ist die Querfinanzierung dann noch möglich und wenn ja wie lange?

Menke: Eine der Hauptaufgaben des Konzerns ist es, eine Abdeckung der Verluste aus dem öffentlichen Nahverkehr zu erwirtschaften. Es wird zunehmend schwerer mit Erträgen aus dem Energiesektor. Bereits frühzeitig hat die WVV neue Geschäftsfelder eröffnet, die Gewinne beitragen müssen. Unsere Planung ist auch mittelfristig darauf ausgerichtet, den ÖPNV-Bedarf im Konzern zu erwirtschaften.

Nach Informationen dieser Zeitung hat sich das Stadtwerke-Ergebnis im Jahr 2010 trotz positiver Entwicklungen im Strom- und Gasbereich verschlechtert. Stichwort ist die Dampf-und-Gas-Erzeugung an der Friedensbrücke. Woran liegt das?

Menke: Da wissen Sie mehr als ich. Wir sind mitten im Jahresabschluss. Klar ist aber, dass die Verwerfungen auf dem Strom- und Gasmarkt im Jahr 2010 das Konzernergebnis deutlich belasten. Auf einen Nenner gebracht: die Preise für Rohöl und damit auch für Kraftwerk-Gas sind in der zweiten Jahreshälfte 2010 deutlich gestiegen. Und so wird die Erzeugung von Strom im Heizkraftwerk an der Friedensbrücke in der Gas- und Dampf-Anlage deutlich teurer. Die Strompreise waren konstant bis fallend. Die Differenz zwischen Erlösen aus den Verkäufen der Energieerzeugung und den Kosten auf der Gasseite ist geringer geworden und belastet das Ergebnis der Eigenerzeugung.

Norbert Menke: „Wir investieren in der Region.“
Norbert Menke: „Wir investieren in der Region.“ Foto: Thomas Obermeier

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