Würzburg

Wald vor Wild: Jäger halten Grünen-Vorschlag für Unsinn

Müsste man mehr Rehe schießen, um den sterbenden Wald in Bayern zu retten, wie es Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann fordert? Nein, sagen die Jäger.
Archivbild: Eine Jägerin steht mit ihrem Gewehr in einem Waldstück in Niedersachsen.  Foto: Philipp Schulze, dpa

"Wald vor Wild!" Mit seiner Forderung, deutlich mehr Rehe zu schießen, um den vom Klimawandel bedrohten Wald in Bayern zu retten, hat Ludwig Hartmann, Fraktionschef der Grünen im Bayerischen Landtag, unter den Jägern viel Staub aufgewirbelt. Dass sich die Situation in den heimischen Wäldern zuspitzt, darin sind sich Jäger, Förster und Waldbesitzer einig. Doch über die Lösung wird gestritten.

Ludwig Hartmann fordert revierübergreifendes Jagen

Mittlerweile trifft die Klimaveränderung auch Baumarten, die viele Jahre als robust galten: zum Beispiel die Buche, die vor allem in Unterfranken vertrocknet, verdurstet oder verbrennt. Ministerpräsident Markus Söder hat die Devise ausgegeben, der Wald solle ab sofort nicht mehr primär der Gewinnerzielung, sondern dem Klimaschutz dienen. Dafür sollen in den nächsten fünf Jahren pro Jahr eine Million Bäume zusätzlich gepflanzt werden. Hartmann begrüßt den Vorschlag, kritisiert aber: Ohne konsequente Jagd sei die Aufforstung nur "ein gigantisches Wildfütterungsprogramm". Damit die Jäger mehr Rehe schießen, fordert er ein "effektiveres, revierübergreifendes Jagen, Begehungsscheine für alle als Jäger ausgebildeten Waldbesitzer, kürzere Pachtverträge für Reviere mit strikten Abschussvorgaben und ein Verbot der Winterfütterung".

Unsinn, so der Tenor der Jäger. "Diese ganzen Maßnahmen werden nicht dazu führen, dass es dem Wald besser geht", sagt die Pressesprecherin des Bayerischen Jagdverbandes, Gertrud Helm. Wenn in unserer Agrarlandschaft abgeerntete Felder die Hecken und grünen Ackerrandstreifen ersetzen, seien die Tiere gezwungen, sich in winzigen Waldinseln aufzuhalten. Dort würde dann ein einziges Reh ausreichen, um die Verjüngung der Bäume aufzufressen.

Vor Spaziergängern liegen in Deutschlands größtem Scharzkiefernwald auf dem Volkenberg in Erlabrunn (Lkr. Würzburg) bräunlich verfärbte Schwarzkiefernäste.  Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

In Kitzingen und Schweinfurt fordern Jäger in Petitionen an den Bayerischen Landtag gar "einen Paradigmenwechsel für waldarme, vom Klimawandel extrem betroffene Regionen". Im Landkreis Kitzingen mit nur 22 Prozent Waldanteil mit etwa zehn Prozent Verjüngungsfläche und ansonsten bracher Feldflur reduziere sich die Nahrungsfläche der Rehe dramatisch. Hier reichten ein bis zwei Rehe auf 100 Hektar und der Schaden im Verbiss der ungeschützten saftigen Jungbaumknospen sei programmiert, schreiben die Jäger.

"Die forstlichen Gutachten, die seit Jahren immer höhere Abschüsse fordern, sind das falsche Instrument. Es muss endlich Lebensraum geschaffen werden."
Gertrud Helm, Sprecherin des Bayerischen Jagdverbandes

"Die forstlichen Gutachten, die seit Jahren immer höhere Abschüsse fordern, sind das falsche Instrument. Es muss endlich Lebensraum geschaffen werden", sagt Gertrud Helm. "Wenn ich alles tot schieße, was den Kopf herausstreckt", führe dies im Gegenteil dazu, dass sich das Wild ins Dickicht der jungen Bäume zurückziehe und dort fresse. Die Winterfütterung locke Wild von den Bäumen weg.

Fakt ist: In Unterfranken werden in den waldreichen Landkreisen in der Rhön und im Spessart 4000 bis 6000 Rehe pro Jahr geschossen, in den waldarmen Regionen zwischen 1000 und 4000 Rehe im Jahr. Im Vergleich dazu werden etwa in Südbayern über 8000 Rehe pro Jahr erlegt.

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Michael Hein, Vorsitzender der Kreisgruppe Würzburg im Landesjagdverband Bayern, sagt: "Alle Wälder sind unterschiedlich. Trotzdem stülpen wir ein Gutachten über alle." Er betreut 25 Jagdreviere im Landkreis Würzburg, von Thüngersheim, über Veitshöchheim und Gramschatz bis Rimpar. Der Jäger wertet seit Jahren Verbiss und Abschusszahlen aus. Er sagt, vor 30 Jahren, als die ersten forstlichen Gutachten entstanden, habe es noch einen kausalen Zusammenhang gegeben: Je mehr Abschüsse, desto weniger Verbiss an den Bäumen. Doch seit etwa 20 Jahren habe sich der Verbiss trotz ständig steigender Abschüsse nur noch marginal verändert.

1,1 Millionen Rehe werden jedes Jahr in Deutschland geschossen. "Mehr geht nicht mehr. Die Zeit begrenzt den Jagderfolg", sagt Hein und verweist auf Spaziergänger, Jogger, Mountainbiker oder Pilzsammler im Wald. Ferner seien auch am Leittrieb verbissene Bäume nicht sofort tot. Sie wachsen nur nicht mehr so schnell nach oben, bilden neue Seitentriebe und Äste. Das Holz ist nicht mehr so wertvoll. Aus ökonomischer Sicht ein Problem, aus ökologischer Sicht aber nicht, so Hein.

"Selbst wenn wir alle Rehe erschießen, hätten wir die Probleme wie Trockenheit, Schädlinge und Krankheiten, an denen der Wald leidet, nicht gelöst."
Jäger Michael Hein, Vorsitzender der Kreisgruppe Würzburg

Statt immer höherer Abschussquoten plädiert er für bessere Schwerpunktbejagung, zum Beispiel an Orten, an denen es gelte, neue klimatolerante Baumarten wie die Esskastanie – "für Rehe wie eine Tafel Schokolade", vor Verbiss zu schützen und die Förster beim ökologischen Waldumbau zu unterstützen. Denn: "Selbst wenn wir alle Rehe erschießen, hätten wir die Probleme wie Trockenheit, Schädlinge und Krankheiten, an denen der Wald leidet, nicht gelöst."

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