Würzburg

Warum Grünen-Chef Robert Habeck die Kanzlerfrage nervt

Selfies mit Robert Habeck waren am Marktplatz gefragt. Foto: THOMAS OBERMEIER

Bis zu 2000 Anhänger und Schaulustige haben am Donnerstagabend Grünen-Chef Robert Habeck in Würzburg begeistert empfangen. Der 49-Jährige warb dafür, am Sonntag eine "halbe Stunde für die Demokratie" zu investieren, zur Wahl zu gehen und für eine Partei zu stimmen, mit der man "ökologische, soziale und europäische Kompetenz" verbinde. Ein starkes Europa sei die Voraussetzung, um Themen wie Klimaschutz, gerechte Unternehmenssteuern oder die Migrationspolitik anzugehen. Europäisches und deutsches Interesse sei kein Widerspruch, wie Nationalisten und Populisten glauben machen wollten. 

Die Zuhörer am Marktplatz sind längst nicht alle wegen Europa gekommen. Sie sei neugierig, den Grünen-Chef einmal live zu erleben, sagt eine Besucherin. "Vielleicht wird er ja mal Kanzler?", fügt sie mit Augenzwinkern hinzu. "Endlich eine charismatische Figur, die unsere schon immer gute Politik auch vermitteln kann", freut sich Grünen-Mitglied Andreas Feiler. Dass sich Habeck nach 20 Minuten Rede noch eine dreiviertel Stunde lang den Fragen von Zuhörern stellt, kommt gut an. Und wer sich traut, bekommt auch sein Selfie mit dem Star-Grünen.

Habeck will nicht über Personal spekulieren

Szenenwechsel. Der 49-Jährige ist am Nachmittag etwas früher als geplant in Würzburg angekommen. Zeit für ein Gespräch, über die politischen Ziele, die aktuellen Gefährdungen - und natürlich über Robert Habeck. "Wollen Sie eigentlich Bundeskanzler werden?" Diese Einstiegsfrage gefällt dem promovierten Philosoph und Schriftsteller gar nicht. Schließlich sei er gekommen, um über die Europawahl zu reden. Personal-Spekulationen sollten von dieser wichtigen Entscheidung nicht ablenken. Aber sieht das nicht spätestens am Montag schon anders aus?

Vor dem vollen Marktplatz: Robert Habeck mit (von links) den Grünen-Landtagsabgeordneten Kerstin Celina und Patrick Friedl, Europakandidatin Henrike Hahn sowie den Würzburger Grünen, Martin Heilig (Stadt) und Karen Heußner (Land). Foto: THOMAS OBERMEIER

Habeck winkt ab. Er wünsche sich von der Europawahl ein Zeichen, "dass die Mehrheit in Deutschland und Europa eine optimistisch-ökologische Politik will. Und die Regierungsparteien danach sagen, jetzt fangen wir endlich an, mit der Gestaltung der Zukunft". Ist diese Argumentation nicht arg defensiv, angesichts von Umfragen, die die Grünen stabil bei knapp 20 Prozent sehen? Man wolle nach der nächsten Wahl schon mitregieren, betont Habeck auf Nachfrage. Aber auch in der Opposition mache man es sich nicht bequem. "Wir haben den Anspruch, wie eine verantwortungsbewusste Partei zu agieren und machen konstruktive Vorschläge."

"Wer Energie spart, kann sogar Geld verdienen."
Grünen-Chef Robert Habeck über sein CO2-Steuer-Modell

Ein Beispiel sei das grüne Modell einer CO2-Bepreisung. Dabei belastet der Staat den Ausstoß von Klimagasen mit einer Steuer auf fossile Brennstoffe. Geld, das dann wieder an die Bürger verteilt wird. Habeck: "Wer Energie spart, kann sogar Geld verdienen." Von dem Modell profitierten gerade Menschen mit geringeren Einkommen, "denn sie verursachen im Schnitt weniger CO2". 

Seit 15 Monaten bilden Robert Habeck und Annalena Baerbock die Doppelspitze der Grünen. Alte Grabenkämpfe zwischen Fundis und Realos sind überwunden. Als Bundestagsabgeordnete mischt die 38-Jährige mit im politischen Alltagsgeschäft, während der frühere Umweltminister von Schleswig-Holstein für die große Linie und das Gefühl zuständig ist. Kein Berliner Politiker war im vergangenen Jahr so oft Gast in den politischen TV-Talkshows wie der Grünen-Chef.

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Sein Facebook-Aus hat Habeck noch nicht bereut 

Regelmäßig in Umfragen gehört Habeck zu den drei beliebtesten Politikern im Lande. Das ändert sich selbst dann nicht, als er zunächst den Bayern und dann den Thüringern in einem Video die Demokratie abspricht und dafür einen Shitstorm in den sozialen Netzwerken erntet. Seine Entscheidung, daraufhin seine Accounts bei Facebook und Twitter stillzulegen, hat Habeck eher Sympathie verschafft. "Den Ausstieg habe ich noch keinen Tag bereut", sagt er selbst, "man gewinnt Zeit, um Bücher und Aufsätze zu lesen".

Grünen-Vorsitzender Robert Habeck im Gespräch mit Main-Post-Reporter Michael Czygan. Foto: THOMAS OBERMEIER

Habeck überzeugt dank einer klaren, anschaulichen Sprache. Er steht für seine Überzeugungen, moralischer Rigorismus indes ist ihm fremd. "Grüne sind normale Menschen", antwortet er auf die Frage, ob Parteimitglieder angesichts der Umweltfolgen überhaupt noch in ein Flugzeug steigen dürfen. Er selbst versuche, Flüge zu vermeiden, sagt Habeck, schaffe dies aber nicht immer. "Mir geht es nicht darum, bessere Menschen zu machen, sondern bessere Politik zu machen."

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