WÜRZBURG

Warum Schulzeugnisse manchmal schwer zu verstehen sind

Grundschule       -  Viel Text, wenig Aussage? Schüler einer Grundschule in Bayern lesen die Beurteilungen in ihren Zeugnissen.
Viel Text, wenig Aussage? Schüler einer Grundschule in Bayern lesen die Beurteilungen in ihren Zeugnissen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Früher war alles ganz einfach. Auch und gerade das Grundschulzeugnis. Da stand hinter den Fächern meist schnörkellos eine Note zwischen eins und sechs, also sehr gut bis ungenügend. Und es gab die sogenannten Kopfnoten. Kopfnoten, weil sie ganz oben im Zeugnis standen: Fleiß, Betragen, Ordnung, Aufmerksamkeit. Die durften aber nicht schlechter als ausreichend bewertet werden. Wer also eine Vier in Betragen hatte, war ein böser Bube, ein aufsässiges Mädel – und stand quasi kurz vorm Verweis. Jedem war klar: Das gibt Ärger zuhause.

Eltern lassen Formulierungen übersetzen

Heute ist alles etwas komplizierter. Es steht viel in den Zeugnissen drin. Sehr viel. Vor allem in den Grundschulzeugnissen. Die Lehrergewerkschaft Katholische Erziehergemeinschaft (KEG) in Bayern fordert deshalb ein neues Zeugnis. Es könne nicht sein, dass Eltern sich die Formulierungen übersetzen lassen oder sie frei interpretieren müssten. Doch ist das wirklich so?

„Nein“, sagt die Präsidentin des größten Lehrerverbandes in Bayern (BLLV), Simone Fleischmann. Und sie weist sehr energisch den Vorwurf zurück, Lehrer würden sich wild irgendwelcher Textbausteine bedienen und Eltern ratlos zurücklassen. „Gerade in Grundschulen geht das Zeugnis heute sehr ausführlich auf die Stärken und Schwächen der einzelnen Schüler ein. Die Bewertungen richten sich sehr genau nach den Anforderungen im neuen Lehrplan.“

Was sagt die Note 3 in Mathe aus?

Dieser neue Lehrplan heißt LehrplanPLUS und richtet sich nach der Vorgabe, dass Wissen allein noch keine Kompetenz ist. Schüler erarbeiten sich deshalb im Unterricht „Werkzeuge“, die sie zur Lösung von Problemen, zur aktiven Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen und an kulturellen Angeboten zum lebenslangen Lernen befähigen. Und genau diese Fähigkeiten werden jetzt eben auch im Zeugnis bewertet.

Dennoch: Um Streit zu verhindern, greifen viele Lehrer beim Zeugnisschreiben auf Programme zurück, die bewährte Textbausteine liefern – und damit das Risiko minimieren, mit den Eltern aneinander zu geraten. In Bayern etwa gibt es ein vom Ministerium herausgegebenes Schulverwaltungsprogramm. Auch Noten und Bemerkungen können damit erfasst und die fertigen Zeugnisse dann ausgedruckt werden.

Dass in Zeugnissen Textbausteine zum Formulieren verwendet würden, so Fleischmann, ändere nichts am Inhalt. „Und mal ehrlich, was sagt denn eine Note 3 über die Mathekenntnisse eines Schülers aus? Ich weiß es zum Beispiel nicht.“

Fleischmann räumt allerdings ein, dass im Zeugnis durchaus Formulierungen stehen könnten, die für Oma, Opa oder Tante beim Lesen wie Fachchinesisch klingen würden. „Doch die Eltern eines Grundschülers wissen ja allein durch die vorgegebenen Elterngespräche und einen meist engen Kontakt zur Lehrkraft schon, wo ihr Kind in den einzelnen Fächern steht.“

Mit Schülern am Zeugnistag reden

Wichtig sei vielmehr, dass Lehrer am Zeugnistag für die Schüler da seien, ihnen auch in Einzelgesprächen noch einmal genau erklären, was die ein oder andere Formulierung bedeutet. Wortzeugnisse bergen immer das Risiko, falsch verstanden zu werden. Doch sie können, so Simone Fleischmann, die Leistung eines Schülers wesentlich differenzierter abbilden als eine Note.

Oft steht im Zeugnis ein „meist“ oder „in der Regel“ vor der Beurteilung. Aber was bedeutet das? Wenn das Kind „meist aufmerksam“ war, heißt das dann im Umkehrschluss, es war auch häufig unkonzentriert? „Sie hört im Unterricht gut zu, meldet sich häufig, auch unaufgefordert, zu Wort.“ Hilfe! Die Tochter meldet sich also nicht gescheit, ruft immer einfach rein?

Bevor man jetzt an eine Internet-Recherche über die Bedeutung von Zeugnisbeurteilungen geht, sollte man laut BLLV-Präsidentin Fleischmann lieber direkt bei der Lehrkraft nachfragen. Überhaupt sollten Eltern unabhängig vom Alter des Kindes und der Schulform schon während eines Schuljahres Gesprächsangebote wahrnehmen und auch Gespräche einfordern. Dann sei der Zeugnistag auch kein Tag der Überraschungen.

Juristische Dokumente

Ob und wie viele der als juristisches Dokument geltenden Jahreszeugnisse in Bayern rechtlich schon angefochten wurden, ist unklar. Im Kultusministerium heißt es: „Hierzu werden von unserer Seite keine Daten erhoben.“

Wichtig für das Verständnis zwischen Schule und Eltern sind laut BLLV-Präsident die Lernentwicklungsgespräche, die im Rahmen des vierjährigen Schulversuchs „Flexible Grundschule“ im Schuljahr Jahr 2010/2011 eingeführt wurden – und die in den Jahrgangsstufen 1 bis 3 die Zwischenzeugnisse ersetzen.

Auch das Kultusministerium bestätigt positive Rückmeldungen von Eltern und Lehrkräften. „85 Prozent der bayerischen Grundschulen haben sich im Schuljahr 2017/2018 für die Gespräche entschieden. Auch an Mittelschulen ist es seit diesem Schuljahr möglich, das Zwischenzeugnis in Jahrgangsstufe 5 durch ein Lernentwicklungsgespräch zu ersetzen“, so Pressesprecherin Julia Graf. Eltern, Lehrer und Kind sitzen gemeinsam zusammen und sprechen über Stärken und Schwächen in den unterschiedlichen Fächern und im Sozialverhalten. Das Protokoll wird danach von allen unterschrieben.

Zeugnisse: Auch ohne Unterschrift der Eltern wirksam

Eine Unterschrift der Eltern unter einem Zeugnis dient laut Bayerischem Kultusministerium lediglich der Dokumentation der Kenntnisnahme – und die ist am Gymnasium und an der Realschule auch nur beim Zwischenzeugnis notwendig. „Weigern sich Eltern, ein Zeugnis zu unterschreiben, ändert das nichts an dessen Wirksamkeit“, so Pressesprecherin Graf. Bei Jahres- oder Abschlusszeugnissen sei ohnehin keine Unterschrift der Erziehungsberechtigten vorgesehen.

Abschlusszeugnisse: Wie lange die Schüler ihre Zeugnisse aufheben, entscheiden sie eigenverantwortlich. „Doch gerade Abschlusszeignisse sollte man dauerhaft aufbewahren, da sie auch nach Jahrzehnten noch von Bedeutung sein können, etwa wenn man im Rentenalter noch einmal studieren möchte.“

Zeugnis verloren: Was tun, wenn ein wichtiges Zeugnis verloren geht? „Dann kann die Schule eine Zweitschrift erstellen, sofern die Unterlagen noch bei der Schule vorhanden sind“, sagt Graf. Die bayerische Schulordnung regelt, dass Abschlusszeugnisse von der Schule 50 Jahre lang aufbewahrt werden müssen. Für die 25 000 Schulabsolventen 2018 in Unterfranken heißt das: Ab dem Jahr 2068 sind ihre Zeugnisse offiziell reif für die Tonne. (MEL)

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