Würzburg

Warum Theologe Wunibald Müller plötzlich an Gott zweifelte

2017 gönnte sich der prominente Würzburger am See Genezareth eine Auszeit. Im Heiligen Land überfielen ihn Glaubenszweifel und eine Depression. Wie er die Krise überwunden hat.
In seinem neuesten Buch erzählt der Würzburger Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller von seiner dunkelsten Zeit. Foto: Patty Varasano

Am Wasser sitzen, auf die glitzernde Oberfläche des See Genezareth schauen, die endlose Weite genießen, den Sonnenaufgang erleben, sich von der Magie des Ortes inspirieren lassen, seinen Gedanken freien Lauf lassen. Wunibald Müller wollte dies während einer Reise im Jahr 2017 jeden Tag tun. Er freute sich sehr darauf. Es war sein Start in den Ruhestand. Doch die Zeit des Würzburger Theologen und Psychotherapeuten im Norden Israels hatte ungeahnte Folgen. Müller stürzte in eine große Krise. Heute sagt er: "Meine Seele, mein Unbewusstes hat schon damals gewusst, dass etwas Dunkles auf mich zukommt."

25 Jahre lang hatte er das von ihm initiierte Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach im Landkreis Kitzingen geleitet. Und zusammen mit dem geistlichen Leiter Anselm Grün und seinem Team viele kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreut. Bischöfe, Priester, Diakone, Gemeindereferentinnen, Männer wie Frauen – sie alle konnten dort bei einer seelischen Krise eine Auszeit nehmen. Sie wurden von Müller psychotherapeutisch begleitet und konnten neue Kraft schöpfen. Nun musste Wunibald Müller selbst erleben, dass er Hilfe benötigte.

Der Psychotherapeut will nach seiner Depression anderen Mut machen

Er hat über seine Krise ein Buch geschrieben: "Warten auf G.". Es sei sein persönlichstes, sagt Müller. "Und ich wurde darauf von so vielen Menschen angesprochen wie auf kein anderes Buch." Darin beschreibt er seine Zweifel an Gott, sein Fall ins Bodenlose, seine Depression - und wie er wieder herausfand. Das habe viele berührt, erzählt Müller. Er will Mut machen, dass es möglich ist, aus dem tiefen dunklen Loch wieder in Leben zurückzukehren.

Müllers Lebenskrise beginnt 2017 in Tabgha, einem der tiefst gelegenen Orte auf dem Globus. Die alte Stätte wird von vielen christlichen Pilgern besucht. Dort könne man Jesus ganz nahe kommen, sagt Müller. Er wohnte in einer Zelle der Domitio-Benediktinerabtei. Sie hat ihren Stammsitz auf dem Berg Sion in Jerusalem. Im Kloster am See Genezareth betreut sie das Heiligtum der Brotvermehrung. "Tabgha liegt mitten unter den wichtigsten Orten, die mit dem Wirken Jesu in Wort und Tat verbunden sind, seinen Heilungen und Wundern, seinen Gleichnissen und großen Predigten", schreibt die Dormitio-Abtei auf ihrer Homepage. Diesen biblischen Hotspot hat Wunibald Müller bewusst vor drei Jahren zum Ausspannen gewählt. Dort wollte er beten, meditieren, auf den Spuren von Jesus wandeln, alten Erinnerungen nachhängen.

"Ich fühlte mich immer von Gott geküsst."
Theologe Wunibald Müller

"Ich kann gar nicht mehr genau den Moment finden, als in Tabgha, im Heiligen Land, die vielen Fragen in mir auftauchten, die Zweifel an Gott." Er erinnert sich jedoch, dass ihm der US-amerikanische Psychoanalytiker und –therapeut Irvin D. Yalom in den Sinn kam. "Ich schätze ihn sehr", sagt Müller, "aber er glaubt als Atheist nicht, dass es einen Gott gibt.“ Müller dagegen fühlte sich immer als jemand, der „von Gott geküsst ist. Mein ganzes Leben lang hat er mich geführt. Auch erfolgreich sein lassen." In Israel merkte er: "Da ist nichts mehr von diesem Kuss."

Mit Blick auf den See Genezareth begann sich die Gedankenspirale zu drehen. Die glitzernde Oberfläche glich einer in tausend Scherben zerbrochene Scheibe. Die vielen Sonnenaufgänge verhießen nach einer unruhigen Nacht keinen ruhigen Tag.

Sonnenaufgang am See Genezareth in Israel. Diesen Anblick wollte der Würzburger Theologe Wunibald Müller nach seinem Abschied aus dem Recollectio-Haus genießen. Es kam anders. Foto: Getty Images

"Ich wollte mich damit auseinandersetzen: Was ist, wenn es keinen Gott gibt?" Dass Zweifel an einem nagen können, war nur die logische Konsequenz. "Aber ich wusste: Wenn du ehrlich zu dir bist, dann kennst du ja diese Fragen schon lange. Du hast sie nur nie wirklich zugelassen."

Müller erinnert sich: Die Versuchung, während seines Aufenthalts in Israel wieder in alte Glaubensmuster zurückzufallen, in denen es keine Zweifel an Gott gab, sei groß gewesen. "Doch ich wollte durchhalten, obwohl ich innerlich auf ein Zeichen wartete, dass Gott mir ein Zeichen sendet, dass er existiert." Dass es Jesus gegeben hat, dass er eine historische Gestalt ist, daran zweifelt Wunibald Müller keine Sekunde. Aber Gott? Diese nicht greifbare Schöpfergestalt?

Die Tage in Israel gingen zu Ende. Zweifel nagten noch immer an ihm. Aber Müller hatte beschlossen, nicht mehr "auf G." zu warten. Er wollte nach seiner Rückkehr nach Würzburg weiter Bücher schreiben, Vorträge über Gott und die Welt halten, Menschen in seiner Praxis psychotherapeutisch begleiten. Durchstarten.

"Ich dachte, mein Ende sei nah. Und ich hatte große Angst vor dem Tod."
Wunibald Müller über seine Gefühle nach seiner Herz-Operation

Es kam anders. Zuerst plagten ihn Augenprobleme. Er hatte Angst zu erblinden. Die eher leicht zu heilende Augenkrankheit hat Wunibald Müller relativ schnell überwunden. Sie hat ihn aber verunsichert. Eine plötzliche Schreibblockade dagegen löste Panik aus. "Ich brachte keinen vernünftigen Satz mehr zustande." Völlig aus der Bahn warfen ihn anschließend die Beklemmungen im Brustkorb. Müller musste sich einer Bypass-Operation unterziehen. "Danach fiel ich in eine dunkle Nacht, ins Bodenlose, in eine tiefe Depression. Ich konnte tagelang nicht schlafen, ich dachte, ich könnte es nie mehr und meinte, mein Ende sei nah. Ich hatte große Angst vor dem Tod."

Heute reflektiert Müller über diese Phase, die sich auf seine Seele und auf seinen Körper ausgewirkt hat: Es war eine Phase der Rückschau "auf mein Leben". Das habe sich am See Genezareth schon angebahnt. "Das wusste ich damals noch nicht. Aber: Ein jeder Mensch hat mit seiner Seele eine Instanz, die mehr um uns weiß, als unser bewusstes Ich", ist sich der Psychotherapeut sicher.

Mit dem Ruhestand begannen die Mauern, die er aufgebaut hatte, zu bröckeln. "Darauf war ich nicht vorbereitet. Nicht nur die vielen Erlebnisse im Recollectio-Haus, die dunklen Phasen der Menschen, die er dort begleitet hat, haben Spuren hinterlassen. Leute die mich kennen, sagten zu mir: Du hast viel gehört und mitgekriegt und gelitten im Recollectio-Haus, all der Schmerz und das Elend. "Ich habe es damals nur nicht zugelassen. Ich war ja der Therapeut, ging mit professioneller Distanz damit um."

Im Ruhestand sei das dann alles nochmal virulent geworden: die Schattenseite der Kirche, „die auch menschenverachtend sein kann" – und damit verbunden, der Zweifel an Gott. "Für mich war immer schon klar: Das ist Gott, das ist Kirche. Und das eine muss nicht unbedingt was mit dem anderen zu tun haben." Müller bekennt: "Ich habe ja immer schon mit der Kirche so meine Probleme gehabt. Und seit ich jetzt nicht mehr so gebunden bin oder Rücksicht auf die Abtei nehmen musste, habe ich mir in Israel erlaubt, Zweifel zuzulassen, Vorbehalte, mehr als ich das vorher getan habe – und das hat dann Dinge ins Rollen gebracht."

"Ich fiel ins Bodenlose. Ich konnte tagelang nicht schlafen und dachte, ich könnte es nie mehr."
Wunibald Müller

Auch an sein Elternhaus erinnerte er sich, reflektierte seinen Weg ins und aus dem Priesterseminar. "Mein Vater wollte Priester werden, konnte aber nicht, weil er gottseidank meine Mutter kennengelernt hat", erzählt Müller. Deshalb sei es sein Wunsch gewesen, dass eines seiner Kinder diesen Weg einschlägt. "Ich war am empfänglichsten dafür." Aber auch der Sohn spürte, dass das nicht sein Weg ist, und verließ das Priesterseminar. Die Erwartungshaltung habe ihn jedoch geprägt. Dass er neben Theologie auch Psychotherapie studiert habe, sei auch kein Zufall gewesen, sondern unbewusst gewählt.

Der Theologe und Psychotherapeut Wunibald, Müller (69) hat wieder neuen Lebensmut. Seine Krise hat er in dem Buch "Warten auf G. – Bekenntnisse eines Suchenden" verarbeitet. Foto: Patty Varasano

Der Weg aus "dem tiefen Dunkel der Nacht", seiner Depression, sei hart gewesen. Sehr wichtig war, dass er, der Psychotherapeut, nun selbst Hilfe angenommen hat, dass er von anderen begleitet wurde – er, der sonst für andere da war und ist. "Bei mir waren es meine Frau, meine Kinder, Seelenfreunde, professionelle Helfer, mit denen ich offen reden konnte, die um mich wussten, die das auch aushalten konnten." Sehr wichtig seien auch die Medikamente gewesen. Alles zusammen habe ihn wieder ins Leben zurückgeholt.

"Ich bin mit einer Tiefe in Berührung gekommen, mit meinem Selbst, meiner Seele."
Wunibald Müller

Jetzt, nachdem er wieder Licht sieht, "und meine Seele mir den Weg gezeigt hat", möchte der Seelsorger Wunibald Müller anderen Mut machen: "Du kommst da durch, du schaffst es. Auch wenn es der schwere Weg ist, den man lieber vermeiden möchte." Müller kann seiner Erfahrung sogar positive Seiten abgewinnen. "Ich bin mit einer Tiefe in Berührung gekommen, mit meinem Selbst. Das geschieht nicht ohne eine solche Erfahrung."

Und die vielen Fragen und Zweifel des Theologen Müller? "Heute sind diese Fragen nicht mehr da. Sie spielen keine Rolle mehr, sind nicht mehr wichtig. Weil: Ich habe diese Fragen nicht mehr. Ich habe Antworten erhalten."

Literaturtipp: Wunibald Müller, "Warten auf G. – Bekenntnisse eines Suchenden", 207 Seiten, Echter Verlag, 16,90 Euro.

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