Würzburg

Warum die Zahl der Schulverweigerer immer weiter steigt

Die Zahl der Schulverweigerer in Bayern steigt immer weiter (Symbolbild).  Foto: thinkstock

Die Zahl der Schulverweigerer in Bayern steigt. Wie das bayerische Innenministerium mitteilt, wurden im Schuljahr 2018/19 bayernweit 2907 Schulverweigerer registriert; im Schuljahr zuvor waren es 2733 Schulverweigerer. Im Jahr 2011/12 hatte die Zahl noch bei 2251 Personen gelegen.

Der "harmlose" Schulschwänzer, der zwei Mal pro Jahr die Schule schwänzt, aus Unlust oder weil er Mathe nachlernt, taucht in der Statistik des Ministeriums nicht auf. Genausowenig wie die "Fridays for Future"-Kinder, die der Umwelt zuliebe blau machen. Wer in dieser Statistik des Innenministeriums landet, ist kein harmloser, sondern ein "harter Fall". In dieser Statistik werden Kinder oder Jugendliche geführt, wenn sie über Wochen oder Monate die Schule verweigert haben und wenn die Schulbehörden den Fall bei der Polizei angezeigt haben.

Fall aus Unterfranken: Den ganzen Tag vor der Spielkonsole statt im Klassenzimmer

Für den Kreis Hassberge etwa wird Schulverweigerung gerade zum Problemthema. "Wenn es bei uns Fälle gibt, sind sie massiv", sagt die Haßfurter Schulamtsleiterin Claudia Schmidt. Sie berichtet von zwei Fällen, bei denen im letzten Schuljahr die "härteste Eskalationsstufe" erreicht worden sei: "Nämlich die, wo Jugendliche von der Polizei nicht nur überwacht werden, sondern tatsächlich über einen längeren Zeitraum jeden Tag von zu Hause abgeholt und in die Schule gebracht werden müssen." In dem einen Fall habe das Kind den ganzen Tag zu Hause an der Spielkonsole gezockt statt zur Schule zu gehen; die Eltern seien "der Sache nicht Herr" geworden. Im zweiten Fall habe das schulverweigernde Kind angegeben, sich nicht wohlzufühlen und nicht in die Schule zu wollen.

Wenn der Kreis Hassberge Schulverweigerung als Problemthema sieht, steht er nicht allein. Auch die Direktorin des Schulamtes Main-Spessart, Doris Grimm, gibt an, dass Schulverweigerer immer wieder Schulleitungen, Schulamt, Jugendamt und auch Polizei beschäftigten. Größere fränkische Städte wie Bamberg, Schweinfurt oder Würzburg arbeiten, teils seit Jahren, an Konzepten, mit denen Schulverweigerer aufgefangen werden können. Professor Gunter Adams, seit vielen Jahren bei der evangelischen Diakonie Würzburg Leiter der Kinder- und Jugendhilfe, prognostiziert: "Die Problematik wird sich in Zukunft noch verschärfen! Das wird ein zentrales Problem unserer Gesellschaft werden." Warum?

Würzburger Professor sieht voraus, dass sich Problematik verschärfen wird

Hauptgrund ist laut Adams die "massiv" steigende Zahl von psychischen Erkrankungen bei Minderjährigen, fallweise gepaart mit der Unfähigkeit der Eltern, ihre Kinder zu erziehen. Tatsächlich sind psychische Erkrankungen heutzutage weit häufiger die Ursache für Schulverweigerung als Verhaltensauffälligkeiten. Das betont der Würzburger Berufsschulleiter Harald Ebert für das Projekt "Roven" , das Schulverweigerer aus der Stadt Würzburg und den Kreisen Würzburg, Kitzingen und Main-Spessart wieder ins System reintegrieren soll. Rund 240 Schulverweigerer registrieren die Ordnungsämter in diesen Kreisen pro Jahr.

"Früher hatten wir mehr Jungs; heute haben die Mädchen fast gleichgezogen", berichtet Ebert. Bei Schulverweigern handle es sich häufig um Kinder, die das Gefühl hätten, nichts zu können, nie gebraucht zu werden, von keinem anerkannt zu sein, von anderen abgelehnt und gemobbt zu werden. Nicht selten führe eine solche Ausgangssituation zu einer Art innerem Ausstieg, zu Depressionen, Selbstverletzung oder Suchtverhalten.

Über Kunst oder Arbeit zurück ins System

"Über Arbeits- oder Kunstprojekte versuchen wir, die Betroffenen zurückzuholen", sagt Ebert. Im Erfolgsfall lerne der Schulverweigerer während des betreuungsintensiven Projekts, dass er Fähigkeiten habe, von denen er vorher gar nichts wusste, Neigungen, die ihn oder sie zufrieden machten. Beispielhaft schildert Ebert den Fall eines Jungen, der bei der Projektarbeit mit metallverarbeitenden Würzburger Künstlern entdeckt habe, dass ihm Metallbau liege. "Der junge Mann hat mittlerweile seine Metallbau-Ausbildung abgeschlossen", sagt Ebert. Laut Ebert finden nach einem Projektjahr zwei Drittel der Teilnehmer zurück ins System, machen ihren Abschluss oder beginnen eine Ausbildung. Doch nicht alle Interessierten können an Roven teilnehmen. "Pro Jahr haben wir 50 Anfragen, nur 30 Leute können wir ins Case Management nehmen".

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