WÜRZBURG

Warum eine Debatte um Mohrenköpfe Realität verändern kann

Wo kommst du her? Hinter dieser Frage kann sich Alltagsrassismus verbergen, sagt der Würzburger Erziehungswissenschaftler Michael Weis. Der 32-Jährige hat in seiner Promotion das Thema „Rassismuskritische Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern“ erforscht und unterrichtet unter anderem dieses Thema an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt.

„Mohrenköpfe“ oder „Zigeunerschnitzel“ begegnen uns im Alltag vielerorts – sind solche Diskriminierungen Formen von Alltagsrassismus?

Sie werden von Menschen als diskriminierend empfunden und allein das sollte zum Nachdenken anregen. Problematisch ist, dass solche Begriffe Herrschaftsverhältnisse ausdrücken und sie reproduzieren. In solchen Formulierungen schwingt die Geschichte mit, aus der heraus sie geprägt wurden. Wenn wir diese Begriffe immer wieder verwenden, werden die dahinter verborgenen Bilder unhinterfragt etabliert.

Auf welche Geschichte beziehen Sie sich dabei?

Rassismus hat sich in der Aufklärung entwickelt. In einer Zeit, in der man gleiche Rechte für alle gefordert hat: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Auf der anderen Seite wurde nach einem Instrument gesucht, um diejenigen auszuschließen, die man in Kolonien ausbeutete. Man berief sich auf eine Zweiklassigkeit der Menschheit, die bis heute andauert. Es kommt nicht von ungefähr, dass weiße Wissenschaftler damals postulierten, dass weiße Männer besonders leistungsfähig und moralisch überlegen sind. Ein Märchen. Aber da es immer wieder erzählt wurde, hält sich der Gedanke bis heute.

Welche Rolle spielt bei diesen Vorurteilen die Herkunftsnation?

Durch die Fantasien, die wir mit den Herkunftsländern verbinden, werden unterschiedliche Bilder erzeugt. In der Schule etwa wird es oft positiv gesehen, wenn ein Kind, dessen Muttersprache englisch ist, zweisprachig auswächst. Ist die Muttersprache jedoch türkisch oder russisch, wird oftmals unterstellt, dass das Kind weniger bildungsfähig sei. Unabhängig davon, wie gut das Kind deutsch spricht. Allein die Fantasie genügt, um Bildungskarrieren zu beeinflussen.

Darf man dunkelhäutige Menschen nicht nach ihrer Herkunft fragen? Wann wird aus Interesse Rassismus?

Wenn sich hinter der Frage ein „Du gehörst hier nicht wirklich her“ verbirgt, wenn der Fragende nicht aufhört nachzufragen, wo die Wurzeln eines Menschen liegen, hat diese Frage durchaus Rassismus-Potenzial. Wir sind in einer Welt aufgewachsen, in der Rassismus eine wirkmächtige Kategorie darstellt. Keiner ist gefeit, diskriminierende Begriffe unwissentlich zu verwenden. Trotzdem sollte jeder darauf hinwirken, sich kritisch zu analysieren. Im Alltag ist das schwierig. Rassismus ist ein blinder Fleck, den Unbetroffene selten wahrnehmen. Wenn mir jedoch ständig jemand in die Haare fasst oder ich ständig gefragt werde, wo ich herkomme, ist Rassismus gegenwärtig. Die Betroffenen müssen zeigen, dass das nicht in Ordnung ist. Aber auch diejenigen, die nicht von Rassismus betroffen sind, müssen die Diskriminierung der Anderen hinterfragen und gegebenenfalls intervenieren.

Wird der Kampf gegen Rassismus nicht zur Satire, wenn wir über „Mohrenköpfe“ diskutieren statt über Chancengleichheit?

Es geht nicht nur um den einzelnen Begriff, sondern um die Ideen, die dahinter stehen. Die Auseinandersetzung mit Sprache ist eine gute Stolperfalle, die dazu anregt, nachzudenken. Sie legt den Grundstein zu einer Veränderung, denn: Sprache schafft Realität. Durch den Verzicht auf solche Begriffe kann ich die Realität verändern. Wenn ich die Ideen, die hinter einzelnen Begriffen stehen, nicht mehr an meine Kinder weitergebe, haben sie die Chance, eine andere Vorstellung davon zu haben, wer zur Gesellschaft gehört.

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