Grombühl

Warum es immer mehr Mehrlinge gibt

Die Zahl der Zwillings- und Mehrlingsgeburten steigt. Warum ist das so? Und was ist bei Zwillingsgeburten anders? Der Gynäkologe Dr. Michael Papsdorf hat die Antworten.
Dr. Michael Papsdorf, Oberarzt an der Frauenklinik in Würzburg, hat die Geburt vieler Mehrlinge betreut. Er hat selbst auch einen Zwillingsbruder.
Dr. Michael Papsdorf, Oberarzt an der Frauenklinik in Würzburg, hat die Geburt vieler Mehrlinge betreut. Er hat selbst auch einen Zwillingsbruder. Foto: Thomas Bauer

Bis vor einigen Jahren konnte sich die Statistik auf eine seit einem Jahrhundert gültige Regel verlassen: Auf 85 Schwangerschaften kam eine Zwillingsgeburt. Drillinge gab es alle 7000 Schwangerschaften einmal. Vierlinge einmal bei 614 125 Geburten. Etwa seit den 1970er Jahren steigt der Zwillingsanteil stetig an. So wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2017 fast 14 712 Mehrlingskinder geboren. Davon waren 14 415 Zwillinge, 287 Drillinge und zehn Vierlinge. In Würzburg an der Uniklinik zum Beispiel kamen im vergangenen Jahr 1973 Kinder zur Welt, davon 85 Zwillinge und einmal Drillinge. Ein wesentlicher Grund für die Zunahme der Mehrlingsschwangerschaften liegt in der Durchführung reproduktionsmedizinischer Maßnahmen, sagt Dr. Michael Papsdorf, Oberarzt an der Universitäts-Frauenklinik in Würzburg.

Gibt es in Deutschland immer mehr Mehrlinge?

Michael Papsdorf: Statistischen Untersuchungen zufolge nimmt die Zahl an Mehrlingsschwangerschaften in Deutschland zu. Das liegt an der wachsenden Anzahl an künstlichen Befruchtungen. Um die Erfolgschancen zu erhöhen, werden der Frau häufig mehrere befruchtete  Eizellen eingesetzt. In Deutschland dürfen maximal drei Eizellen eingesetzt werden, hierdurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, ein Kind zu gebären. Die Folge: Rund ein Fünftel aller Frauen, die sich künstlich befruchten lassen, bringen Mehrlinge zur Welt. Ein weiterer Grund für die steigende Anzahl von Zwillingen und Drillingen ist auch das steigende Alter von Frauen bei ihrer ersten Schwangerschaft. Mit dem Alter reifen in den Eierstöcken pro Zyklus mehrere Eizellen, die befruchtet werden können.

Wie entstehen Mehrlinge?

Papsdorf: Menschliches Leben entsteht aus einer befruchteten Zelle. Eineiige (monozygote) Zwillinge entstehen aus einer einzigen befruchteten Eizelle, die sich früh in ihrer Entwicklung in zwei Teile trennt. Genetisch betrachtet sind eineiige Zwillinge daher identisch, man könnte sie daher auch als natürliche Klone bezeichnen. Werden zwei Eizellen von je einer Samenzelle befruchtet, wachsen im Körper der Frau zweieiige (dizygote) Zwillinge heran. Diese unterscheiden sich in ihren Erbanlagen wie gewöhnliche Geschwister, sie teilen also durchschnittlich 50 Prozent ihrer Gene. Ein Drittel der Zwillingspaare ist eineiig und damit gleichgeschlechtlich, zwei Drittel sind zweieiig, diese können gleich- oder verschiedengeschlechtlich sein. In den USA sind Zwillingsschwangerschaften in den letzten Jahrzehnten um ein 20-faches angestiegen.

Wie erkennt man eine Mehrlingsschwangerschaft?

Papsdorf: In der Regel kann bereits während der ersten Ultraschalluntersuchung erkannt werden, ob es sich um eine Mehrlingsschwangerschaft handelt (etwa ab der sechsten Schwangerschaftswoche). Können zwei Fruchthöhlen dargestellt werden, handelt es sich meistens um zweieiige Zwillinge. Wird nur eine Fruchthöhle mit zwei Embryonalanlagen dargestellt, handelt es sich um eineiige Zwillinge.

Warum gelten Mehrlingsschwangerschaften als Risikoschwangerschaften?

Papsdorf: Sowohl für die Mutter als auch für die Kinder stellt die Mehrlingschwangerschaft eine besondere Belastung dar. Letztlich besteht in der Gebärmutter nur ein begrenzten Platzangebot für die sich entwickelnden Kinder. Zwillinge haben in der Regel ein etwas geringeres Geburtsgewicht als Einlinge, auch können sich die Mehrlinge gegenseitig die Nährstoffe streitig machen. Darüber hinaus kommt es bei Mehrlingen zu einer stärkeren Dehnung der Gebärmutter. Hierdurch erhöht sich das Risiko für eine Frühgeburt. Auch haben Mütter von Mehrlingen meist stärkere Schwangerschaftsbeschwerden als Mütter, die nur ein Kind erwarten.

Wann werden Mehrlinge geboren?

Papsdorf: Bei Mehrlingen setzt die Geburt meist vor dem errechneten Termin ein. Zweidrittel aller Zwillinge kommen vor der 38. Schwangerschaftswoche zur Welt. Wenn kein zwingender medizinischer Grund dagegen spricht, kann man Zwillinge gut auf dem natürlichen Weg gebären. Bei höhergradigen Mehrlingen (Drillinge oder mehr Kinder) ist der Kaiserschnitt meist der empfohlene Geburtsmodus, da auf natürlichem Wege zu viele Komplikationen auftreten können. Drillinge werden in der Regel früher geholt, wenn möglich in der 35. Woche, da zu einem späteren Zeitpunkt das Risiko für die Kinder ansteigt.

Welche Frauen haben eine größere Chance, Mehrlinge zu bekommen?

Papsdorf: Die Chance auf Zwillinge erhöht sich besonders für Frauen im Alter zwischen 34 und 39 Jahren mit bereits einem oder mehreren Kindern. Aufgrund von beginnenden hormonellen Veränderungen kommt es während des Eisprungs zur Reifung von mehr als einer Eizelle, die dann befruchtet werden können. Auf einem ähnlichen Prinzip beruht auch eine Kinderwunschbehandlung: Durch Zuführung eines follikelstimulierenden Hormons kommt es zur Heranreifung von mehreren Eizellen. Auch Übergewicht kann das Entstehen von Zwillingen begünstigen. Darüber hinaus steigt die Chance auf Zwillinge wenn in der Familie, bereits zweieiige Zwillinge geboren wurden.

Zur Person
Als Michael Papsdorf 1969 geboren wurde, waren er und sein Bruder das erste Zwillingspaar seit 50 Jahren in seinem Heimatort. Heute gibt es in fast jedem Ort ein Zwillingspaar, sagt Papsdorf, der als Oberarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Frauenklinik der Universität Würzburg arbeitet. Er selbst findet es wunderschön, einen Zwillingsbruder zu haben. Gestört hat ihn in der Schule, dass er immer wieder mit seinem Bruder verwechselt wurde und beide so eine Art Durchschnittsnote bekommen haben. Tatsächlich machen Zwillinge sehr oft die Erfahrung, dass sie die Aufmerksamkeit von anderen Personen innerhalb der Familie – mehr als "normale" Geschwister – teilen müssen. Zwillinge verbringen während ihrer Kindheit mehr Zeit miteinander als mit irgendjemand anderem (sogar als mit der eigenen Mutter), was ein wesentlicher Faktor für die enge Verbundenheit zwischen ihnen ist. Mittlerweile hat Papsdorf viele Zwillings- und auch eine Drillingsgeburt als Arzt betreut. Für ihn ist es immer wieder ein besonders Erlebnis bei einer Geburt von Mehrlingen dabei zu sein.
Autorin Claudia Kneifel ist selbst Zwillingsmutter und interessiert sich daher sehr für das Thema Mehrlinge. Ihre eineiigen Zwillinge sind im Februar sieben Jahre alt geworden und besuchen die erste Klasse.

 

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