Würzburg

Warum rund 100 Unterfranken mit HIV leben, ohne es zu wissen

Im Schnitt 30 Menschen in der Region erhalten jährlich die Diagnose HIV. 2019 könnten es deutlich mehr sein. Das Problem: Viele wissen noch nichts von ihrer Infektion.
Weltweit leben nach Angaben der Deutschen Aidshilfe rund 37,9 Millionen Menschen mit HIV. In Unterfranken stecken sich nach Schätzungen von Experten jährlich 25 bis 30 Personen neu an. Foto: Gustavo Amador, dpa

Diagnose HIV. Völlig unerwartet. Furcht kommt auf. Wut und vielleicht der Gedanke, "das hätte ich doch verhindern können". Fast immer sei die Diagnose ein Schock, sagt Michael Koch. Der Psychologe leitet seit 2008 die Aids-Beratung Unterfranken in Würzburg. Er hat oft gesehen, wie HIV-Infizierte in eine tiefe Krise stürzen. "Viele Menschen schämen sich regelrecht", sagt Koch. Sie werden von Schuldgefühlen gequält, wollen sich verstecken, ziehen sich zurück. "Und die meisten wissen nicht, wem sie es sagen sollen."

Jedes Jahr erleben das etwa 30 Menschen in Unterfranken. So hoch liege die Zahl der Neudiagnosen im Schnitt, so Koch. Heuer könnte sie steigen – bereits Ende Juli seien beim Robert-Koch-Institut (RKI) 30 neue HIV-Diagnosen gemeldet gewesen. "Da kommen bis Ende des Jahres noch einige dazu."

Michael Koch (rechts) leitet seit 2008 die unterfränkische Aids-Beratungsstelle in Würzburg. Foto: Pat Christ

Für den Leiter der Beratungsstelle ist das positiv: "Es zeigt, dass der Aufruf zum Testen wirkt." Und dass Betroffene früher mit einer Behandlung beginnen. Selbstverständlich sei das nicht. Denn eine HIV-Infektion verlaufe in der Regel unbemerkt. "Es gibt keine Anzeichen. Man muss sich selbst fragen, bin ich ein Risiko eingegangen und sollte ich einen Test machen." Das geht zum Beispiel beim Arzt oder bei Gesundheitsämtern, per Schnelltest zu Hause oder bei Aidshilfen wie der Caritas-Beratung in Würzburg. 

In Bayern ist die Zahl der Neuinfektionen 2018 leicht gesunken

Insgesamt leben in Bayern aktuell bis zu 12 700 HIV-Patienten. Neu angesteckt mit dem Virus, das die Immunschwächekrankheit Aids auslösen kann, haben sich im vergangenen Jahr etwa 290 Menschen und damit etwas weniger als im Vorjahr. Wichtig ist: Die Zahlen zu Neuinfektionen beruhen auf Schätzungen des RKI und sind nicht zu verwechseln mit den tatsächlich gemeldeten Neudiagnosen.

In Unterfranken würden sich jährlich 25 bis 30 Personen neu anstecken, sagt Michael Koch. Insgesamt gibt es geschätzt 980 HIV-Infizierte – etwa 110 wissen noch nichts davon. Denn oft wird das Virus erst Jahre nach der Ansteckung diagnostiziert. Die Gefahr: HIV wird unbeabsichtigt an andere weitergegeben.

"Das Ende von Aids ist möglich."
Dieter Wenderlein, Leiter der Eine-Welt-Arbeit der Gemeinschaft Sant’Egidio in Deutschland

Um das zu verhindern, sei es wichtig, sich testen zu lassen, sagt Koch. Trotz der Angst vor der Diagnose HIV. Und vor der Reaktion der Anderen, vor Ausgrenzung oder Demütigung. Genau darunter würden noch immer viele Infizierte leiden, sagt Koch. Vor allem wenn es um medizinische Behandlungen gehe, höre er "haarsträubende Beispiele". Etwa von Zahnärzten, die Betroffene abweisen, von Kliniken, die HIV-Patienten heimschicken. Unverständlich für den Psychologen.

Denn grundsätzlich ist HIV laut der Deutschen Aidshilfe gut behandelbar. Mit Medikamenten könnten Betroffene heute "gut und lange mit dem Virus leben". Auch sei HIV unter Therapie nicht übertragbar, so die Aidshilfe. Eine Heilung gibt es jedoch nicht.

Der Würzburger Dieter Wenderlein von der Gemeinschaft Sant'Egidio bei einem seiner Auslandseinsätze. Foto: Sant'Egidio

Aber: "Es ist sehr realistisch, dass langfristig niemand mehr an Aids erkranken muss", sagt Dieter Wenderlein. Er ist Mitglied der Gemeinschaft Sant’Egidio in Würzburg und leitet deren Eine-Welt-Arbeit. Im globalen Kampf gegen HIV ist aus seiner Sicht viel erreicht worden. Trotzdem fehle beispielsweise in Afrika nach wie vor qualifiziertes Personal für die Versorgung von Patienten. Und Geld. "Gerade in armen Ländern muss der Zugang zu HIV-Tests und zur medizinischen Behandlung ausgebaut werden", fordert Wenderlein.

Die Angst vor Stigmatisierung hält noch immer viele Menschen von einem HIV-Test ab

Dafür setzt sich Sant’Egidio seit 2002 ein. Die Gemeinschaft betreibt in Afrika 47 HIV-Behandlungszentren, knapp 100 000 Infizierte werden dort betreut. Wenderlein ist regelmäßig vor Ort. "Das Ende von Aids ist möglich", sagt er. Ob das aber bis 2030, wie von den Vereinten Nationen geplant, gelinge, hänge auch davon ab, wie schnell die Stigmatisierung aufhöre. "Die weit verbreitete Diskriminierung von Menschen mit HIV ist für viele ein Hindernis, sich testen zu lassen und die Aids-Therapie durchzuhalten", sagt Wenderlein. Auch dagegen müsse man kämpfen. Weltweit.

Veranstaltungen und Aktionen zum Welt-Aids-Tag
Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember spannt das Aktionsbündnis "Würzburg zeigt Schleife" unterhalb der Festung Marienberg eine 100 Meter lange rote Stoffschleife – als Aufruf gegen Diskriminierung. Zudem zeigt das Kino Central im Bürgerbräu (Frankfurter Straße 87, Würzburg) unter dem Motto "HIV – und plötzlich ist alles anders" drei Filme: Memory Books um 11 Uhr, Vakuum um 16 Uhr und 120bpm um 20.30 Uhr. Sie sollen "Einblicke in das Leben von Betroffenen und Angehörigen" geben, heißt es von der Aids-Beratung Unterfranken, die Mitveranstalter ist. Um 18.15 Uhr findet im Kino ein Empfang mit Gedenken zum Welt-Aids-Tag statt.

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