Veitshöchheim

Was alte Papierschnipsel über das Leben der Juden erzählen

Wertloses Altpapier, sagen die einen. Noch dazu unlesbar. Doch der Schatz aus der Veitshöchheimer Synagoge lüftet Geheimnisse, offenbart Biografien. Das alte Papier lebt.
Kulturreferentin Martina Edelmann sichtet Dokumente aus dem Genisa-Schatz, der in Veitshöchheim im Dachboden der Synagoge entdeckt wurde und jetzt im Jüdischen Kulturmuseum neu ausgestellt wird. 
Kulturreferentin Martina Edelmann sichtet Dokumente aus dem Genisa-Schatz, der in Veitshöchheim im Dachboden der Synagoge entdeckt wurde und jetzt im Jüdischen Kulturmuseum neu ausgestellt wird.  Foto: Thomas Obermeier

Der frisch abgeschliffene Holzboden quietscht noch, die steile Stiege nach oben knarzt. Im hölzernen Dachgebälk haben sich die vergangenen Jahrhunderte verewigt, im Fachwerk die Lehmverfüllungen erhalten. Es ist ein Weg durch die Geschichte, durch die jüdische Geschichte Veitshöchheims. Der erste Hinweis darauf findet sich am Giebel des kleinen Hauses mit den niedrigen Decken in der Thüngersheimer Straße. Eine hebräische Inschrift im Mauerwerk fällt auf - ein Hinweis auf das Laubhüttenfest. Und noch etwas sticht hervor. Die Jahreszahl 1739. Im 18. Jahrhunderts haben in diesem kleinen Häuschen Juden gelebt, sie sind nebenan in die Synagoge gegangen, haben am Leben im Ort teilgenommen. 

Nicht nur die Erinnerungen von Alice Mehling sind als Tondokumente im Jüdischen Kulturmuseum zu hören. 
Nicht nur die Erinnerungen von Alice Mehling sind als Tondokumente im Jüdischen Kulturmuseum zu hören.  Foto: Thomas Obermeier

Wie sah dieses Leben jüdischer Familien auf dem Land aus? "Schauplatz Dorf" heißt die neue Ausstellung im Jüdischen Kulturmuseum Veitshöchheim. Und das kleine Häuschen aus dem Jahr 1739, einst am Ortsrand gebaut, bietet den passenden authentischen Raum für einen Blick ins Vergangene. Dass das Haus überhaupt noch steht, ist Zufall. Eigentlich sollte es abgerissen und ein Museums-Neubau geschaffen werden. Das war der Grund, warum die Gemeinde es gekauft hatte. Die erstaunliche Genisa, die bei Renovierungsarbeiten auf dem Dachboden der Synagoge gefunden wurde, sollte in einem neuen Museum ausgestellt werden.

Die Thüngersheimer Straße in Veitshöchheim. Hier gab es Anfang des 18. Jahrhunderts ein kleines jüdisches Zentrum am Ortsrand. Hier befindet sich heute der Eingang zum Jüdischen Kulturmuseum. 
Die Thüngersheimer Straße in Veitshöchheim. Hier gab es Anfang des 18. Jahrhunderts ein kleines jüdisches Zentrum am Ortsrand. Hier befindet sich heute der Eingang zum Jüdischen Kulturmuseum.  Foto: Thomas Obermeier

So zufällig wie die wertvollen Fundstücke auf dem Synagogen-Dachboden waren, entdeckte ein Architekt kurz vor dem Abbruch des baufälligen Nachbargebäudes hebräische Inschriften im Dachboden. Die Pläne änderten sich. Das Haus wurde als Museumsgebäude hergerichtet. 1994 wurden dann dort erstmals die Fundstücke aus der Synagoge ausgestellt. "Die Ausstellung ist in die Jahre gekommen. Sie war didaktisch und grafisch nicht mehr auf dem neuesten Stand", sagt Martina Edelmann, die Kulturreferentin der Gemeinde. 

Altpapier, das erzählen kann

Und jetzt, unter glänzenden Glasvitrinen im neuen Licht, mit frischen Farben an den Wänden, wird das Altpapier aus der Zeit des 17. bis 19. Jahrhunderts zu einer historischen Lebensquelle. 360 000 Euro hat die Gemeinde mit Unterstützung des Freistaates Bayern, des Bezirks Unterfranken und der EU in den Erhalt jüdischer Kultur investiert.

Freilich sehen die Museumsbesucher erst einmal nur einen Papierschnipsel, ein Gebetbuch, einen Brief in hebräischer Schrift, mit der die allermeisten wahrscheinlich gar nichts anfangen können. Und doch sind es Dokumente, die so viel erzählen können über das jüdische Leben in und um Veitshöchheim. Über die Juden, die hier lebten. "Die Einfachheit der Gestaltung reflektiert sich in der Einfachheit der Objekte", fasst Martina Edelmann die Ausstellung zusammen, die aber keineswegs einfach ist, sondern vielmehr einen tiefen Einblick in das jüdische Leben und Zugang zu interessanten Biografien gibt. 

"Die Einfachheit der Gestaltung reflektiert sich in der Einfachheit der Objekte."
Martina Edelmann, Historikerin und Kulturrefentin

Isac Kahn, beispielsweise. Er hat eigentlich nur seinen Namen in ein Gebetbuch geschrieben. Aber es gibt viel mehr über den jungen Mann zu erzählen. Er gehörte einer alteingesessenen Familie an, lebte im 19. Jahrhundert und war Mitglied in Veitshöchheimer Vereinen. Sein Nachkomme Ernst Kahn war Gemeinderat und wurde von den Nazis deportiert. Im Veitshöchheimer Genisa-Schatz gibt es noch viele solcher Gebetbücher - und viele Namen und Geschichten.

Im kleinen Häuschen neben der Synagoge haben Juden gelebt. Ein Hinweis darauf findet sich im Giebel des Hauses. Die hebräische Inschrift nimmt Bezug auf das Laubhüttenfest. 
Im kleinen Häuschen neben der Synagoge haben Juden gelebt. Ein Hinweis darauf findet sich im Giebel des Hauses. Die hebräische Inschrift nimmt Bezug auf das Laubhüttenfest.  Foto: Thomas Obermeier

Über Rudolf Freudenberger erzählt sein Sohn Joel, der in den USA lebt. In einem Interview mit Martina Edelmann, das an einer von insgesamt drei Audiostationen im Museum zu hören ist, spricht er über das Leben seines Vaters. Dazu gehört die Kindheit in Veitshöchheim, Erlebnisse aus dem Kindergarten, der von Nonnen geführt wurde, bis hin zur Zeit in Dachau. "Joel Freudenberger kann sich noch an vieles erinnern. Sein Vater hat ihm viel von damals erzählt", sagt Martina Edelmann.  

Woher kommen die Namen "Hechi" oder "Dingershe"?

Das Genisaprojekt, an dem Martina Edelmann zusammen mit Beate Weinhold forscht, ist in der Vorsängerwohnung der Synagoge beschrieben. Etwa 2500 Inventarnummern sind bisher vergeben, darunter jiddische Literatur, rund 250 handschriftliche Zeugnisse, wie Briefe, Rechnungen, Quittungen und ein breites Spektrum an hebräischer Gebetsliteratur. Die ältesten Drucke stammen aus dem 16. Jahrhundert.

Im ersten Raum des Museums erhalten die Besucher einen Überblick über jüdische Orte in Unterfranken. Dazu läuft ein Kurzfilm, der von Juden aus der Gegend erzählt. 
Im ersten Raum des Museums erhalten die Besucher einen Überblick über jüdische Orte in Unterfranken. Dazu läuft ein Kurzfilm, der von Juden aus der Gegend erzählt.  Foto: Thomas Obermeier

Edelmann weist auf zwei von vielen Besonderheiten hin. Viele Bücher für Frauen zeigten, dass jüdische Frauen lesen konnten und gebildet waren. Für christliche Frauen sei dies lange Zeit nicht selbstverständlich gewesen. Und dann gibt es da noch die Wörter "Hechi" oder "Dingershe", die in vielen gedruckten oder handgeschriebenen Texten verwendet werden. "Sie sind nichts anders als eine Kombination aus Jiddisch und Fränkisch", sagt die promovierte Historikerin und die "einzigen Zeugnisse eines Dialekts, den heute niemand mehr spricht". 

Auch über jüdische Feste und Feiertage informiert die Ausstellung. 
Auch über jüdische Feste und Feiertage informiert die Ausstellung.  Foto: Thomas Obermeier

Die Ausstellung im jüdischen Kulturmuseum zeigt aber mehr als diese alten Papierschnipsel. Sie stellt die jüdischen Feiertage dar, bindet die Synagoge mit ein, geht auf die jiddische Sprache ein, die heute noch verwendet wird und zeigt einen Schutzbrief des Fürstbischofs. Gezeigt werden aber auch die Namen jener 29 Juden, die von den Nazis ermordet wurden. 

Die erste bayerische Obergrenze

"Wir gehen auch auf die erste bayerische Obergrenze ein", lächelt Martina Edelmann und zwinkert mit dem Auge. Was sich dahinter verbirgt, sollen die Museumsbesucher erfahren. Und natürlich gibt es in dem alten Häuschen mit dem niedrigen Deckengebälk - großgewachsene Menschen sollten vorsichtig sein - einen Hinweis auf einen wichtigen Feiertag, den es 1759 gab - und mit dem sich Veitshöchheim in den letzten 30 Jahren frankenweit einen Namen gemacht hat. 

Das Museum für jüdische Kultur in Veitshöchheim wird an diesem Sonntag eröffnet. Besucher können die Ausstellung "Schauplatz Dorf" von 15.30 Uhr bis 19 Uhr besuchen. Vom 24. Juni bis 29. Juni hat das Museum täglich von 14 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Danach zu den üblichen Zeiten, jeweils donnerstags von 15 Uhr bis 18 Uhr und sonntags von 14 Uhr bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. 

Jüdische Begriffe kurzgefasst
Genisa: Unbrauchbar gewordene Druckwerke oder Gegenstände dürfen nach jüdischen Religionsgesetzen nicht einfach so vernichtet werden, sondern müssen rituell bestattet werden. "Bis dahin werden sie in einer Genisa gesammelt", so Martina Edelmann. Das Wort Genisa, der Plural lautet Genisot, leite sich dabei aus dem Hebräischen ab und bedeute Ablage. Auch ein Ort, wo etwas deponiert werde, würde damit bezeichnet werden. Noch heute werde der Begriff "Alter Schamott" verwendet, der damit zusammenhängt. Genisafunde ermöglichen einen Überblick über Literaturgeschichte, Lesegewohnheiten sowie Schreib- und Sprachverhalten einer jüdischen Landgemeinde.
Laubhüttenfest (Sukkot): Das Fest erinnert an die 40-jährige Wanderschaft des Volkes Israel durch die Wüste nach der Flucht aus Ägypten. Gleichzeitig symbolisiert es auch eine Art Erntedank. In Israel wird es sieben Tage gefeiert, in der Diaspora acht. 

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