Würzburg

Was der irische Freiheitsheld Roger Casement mit Würzburg zu tun hat

Die Federzeichnung, die die Anlandung von Casement durch das deutsche U-Boot 19 an deririschen Westküste in der Karfreitagnacht 1916 vor dem Dubliner Osteraufstand zeigt, wurde vom englischen Künstler Gerry Embleton gezeichnet. Foto: Andreas Kutschelis
Die Federzeichnung, die die Anlandung von Casement durch das deutsche U-Boot 19 an deririschen Westküste in der Karfreitagnacht 1916 vor dem Dubliner Osteraufstand zeigt, wurde vom englischen Künstler Gerry Embleton gezeichnet. Foto: Andreas Kutschelis

Am 3. August 1916 wurde im berüchtigten, heute noch existierenden Londoner Gefängnis Pentonville der irische Freiheitsheld, Menschenrechtler, Diplomat und Schriftsteller Roger Casement gehängt. Vor zwei Jahren, am runden Gedenktag, waren die Beziehungen zwischen Casement und Würzburg hier noch nicht bekannt, darauf weist der in Würzburg lebende Historiker Andreas Kutschelis hin.

Erst als in diesem Frühjahr Kevin Keogh aus Dublin, der Enkel eines Mitkämpfers von Casement, die autobiographischen Erinnerungen seines Großvaters, des Sergeant Major Michael Keogh (1891-1965), dem Institut für Hochschulkunde an der Universität Würzburg mit Widmung überreichte und damit das einzige an einer öffentlichen Bibliothek in Deutschland nachweisbare Exemplar nach Würzburg gab, eröffneten sich erstaunliche weitere Würzburger Irland-Bezüge.

Das 2010 in Irland posthum erschienene Buch „With Casement’s Irish Brigade“ sowie entsprechende Internetseiten zu Casement’s German Irish Brigade zeigen, dass sowohl Michael Keogh als ranghöchstes Mitglied dieser Brigade als auch sein Kamerad Jeremiah O’Callaghan (1892-1922) Ehefrauen aus Würzburg bzw. dem Würzburger Umland hatten.

Casement, 1864 in Sandycove, einem Dubliner Vorort, geboren, legte zunächst eine erstaunliche diplomatische Karriere im Dienst des Britischen Empires hin. 1904 machte er mit seinem sensationellen Kongo-Bericht auf die katastrophalen, sklavenartigen Lebensverhältnisse der einheimischen Bevölkerung unter den belgischen Kolonialherren aufmerksam. 1910 entsandte ihn die britische Regierung ins peruanische Amazonasgebiet, wo er den Genozid an der indigenen Bevölkerung durch Zwangsarbeit und Massenverstümmelungen seitens eines britisch-peruanischen Kautschuk-Unternehmens aufdeckte. Dafür wird er 1911 zum ‚Sir‘ geadelt.  Casement wurde populär und heutzutage wäre er vermutlich ein Kandidat für den Friedensnobelpreis gewesen.

Um 1912 entdeckte er aus seinem starken Gerechtigkeitssinn heraus sein Herz für die Freiheit Irlands, das seit fast 800 Jahren von England wie eine auszubeutende Kolonie und nicht wie ein gleichberechtigtes Mitglied Britanniens behandelt wurde. So reiste Casement im Juli 1914 in die USA, um in der großen iroamerikanischen Minderheit Geld für den Kampf gegen England zu sammeln. In seine Reise platzte der Erste Weltkrieg, in dem die irischen Untergrundbewegungen die Chance zum Losschlagen sahen. Gleichzeitig entdeckten sie im Deutschen Kaiserreich einen natürlichen Verbündeten, der ihnen Waffen und womöglich Soldaten nach Irland liefern könnte.

Da bot sich Casement mit seinen diplomatischen Kenntnissen als Emissär (Abgesandter) an und wurde im Oktober 1914 auf einer abenteuerlichen – es herrscht bereits Krieg - Seereise nach Deutschland geschickt. Dort bekam er Kontakte bis in die höchsten Regierungs- und Militärkreise, weil Deutschland in der irischen Erhebung die Chance witterte, die Einkreisung durch die Entente aufbrechen zu können. Ein zentrales Anliegen Casements war es, aus den Iren unter den gefangenen britischen Soldaten in Deutschland eine eigene ‚Irish Brigade‘ zu bilden, um sie im Guerillakampf auf der grünen Insel einzusetzen. Die Anzahl der rekrutierten Iren blieb allerdings überschaubar und ihre militärische Ausbildung zog sich hin.

Als sich aber im April 1916 einige irische Untergrundkämpfer dazu entschlossen, nun den später berühmt gewordenen, bewaffneten Osteraufstand in Dublin zu beginnen, wurde Casement in einer aufwendigen, geheimen Marinemission durch das deutsche U-Boot 19 von Helgoland aus um Schottland herum in die Tralee-Bucht an der irischen Westküste in der Grafschaft Kerry gebracht. Er sollte zu den Aufständischen stoßen. Am Banna-Strand, einem der schönsten Strände Europas, wird er in der Nacht zum Karfreitag abgesetzt, aber bereits am folgenden Vormittag dort von englischer Polizei aufgespürt, verhaftet und nach London in den Tower verbracht.

Nach einem Hochverratsprozess in Old Bailey hängt Casement am 3. August 1916 am Galgen. Weder Arthur Canon Doyle, G.K. Chesterton, James Frazer, John Galsworthy, George Bernard Shaw noch der US-Senat konnten seine Begnadigung durchsetzen. Am Banna Strand steht heute unter anderem ein irisches Nationaldenkmal zur Erinnerung an diese Ereignisse, an dem man sogar eine deutsche Inschrift findet.

Casements Brigadiere kehrten nach der Kapitulation des Kaiserreichs größtenteils nach Irland zurück, wo die Hinrichtung Casements und die blutige Niederschlagung des Osteraufstandes durch die Engländer jetzt zum landesweiten Unabhängigkeitskrieg führten. Einige jedoch blieben zunächst in Deutschland, traten sogar noch vor November 1918 in Bayerische Regimenter ein, wie Keogh und O’Callaghan. Beide kamen nach Würzburg, wo Kilian mit dem Keltenkreuz für Keogh stets als Vorbild galt für das Martyrium seines Landes unter der Krone Englands sowie als Vorbild für alle irischen Soldaten, die gegen diese Unterdrückung kämpften.

Von den beiden unterfränkischen Schwestern Annamarie und Katherina Seuffert hatte Keogh bereits im Dezember 1918 erstere, O’Callaghan dann im Mai 1919 Katherina geheiratet. Nachdem O’Callaghan im irischen Bürgerkrieg unter nie geklärten Umständen erschossen wurde, ging Katherina mit ihrem Kind ins Frankenland zurück, während Keogh mit seiner Fränkin für immer in Irland blieb.

Der in Würzburg lebende Historiker Andreas Kutschelis (im Bild) weist auf die Beziehungen des irischen Freiheitskämpfers Casement mit Würzburg hin.  Foto: Eva-Maria Bast
Der in Würzburg lebende Historiker Andreas Kutschelis (im Bild) weist auf die Beziehungen des irischen Freiheitskämpfers Casement mit Würzburg hin. Foto: Eva-Maria Bast

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