Würzburg

Was die Buchstaben auf einer alten Bronzescheibe verraten

Ist es eine Windrose? Und warum sehen die Buchstaben so merkwürdig aus? Eine metallene Scheibe am Würzburger Dom wird entschlüsselt.
Rätselhaft: die Scheibe am Domchor in Würzburg. Foto: Eva-Maria Bast

Im ersten Moment könnte man es für eine Windrose halten: Ein Kreuz in einem Kreis, an jedem Ende befindet sich ein Buchstabe. Doch beim zweiten Blick wird klar, dass das nicht sein kann. Das „N“ für Norden müsste oben stehen, unten das „S“ für Süden; links ein „W“ für Westen und rechts ein „O“ oder ein „E“ für Osten. Bei der Darstellung an der Außenwand des Domchores ist aber letztlich alles ganz anders.

Jedes Mal, wenn Dr. Markus Maier diese wie aus Bronze gefertigt scheinende Scheibe betrachtet, ist er aufs Neue begeistert. „Wenn man das E ganz oben spiegelt, wird es zu einem B. Zusammen mit dem daneben stehenden R ergeben sich die Anfangsbuchstaben BR.“ Der Kunsthistoriker weist auch auf die Raute in der Mitte hin: „Halbiert man sie, entsteht ein V oder ein U. Zusammengenommen haben wir nun schon BRU. Wenn wir dann ganz unten zum N gehen, bildet sich daraus BRUN. Und die zentrale Raute insgesamt ist ein O, das die Buchstabenfolge komplettiert: Senkrecht ergibt sich also der Vorname BRUNO“.

Wie sich die versteckte Botschaft entschlüsseln lässt

Und waagrecht lässt sich ein weiteres Wort entschlüsseln. Die Buchstaben E (gespiegelt) und P links, das S rechts sowie die Raute in verschiedener Interpretation ergeben auf raffinierte Weise EPISCOPUS, zu Deutsch: Bischof. Gemeint ist Bischof Bruno von Würzburg. Er war ein versierter Reichspolitiker und ab 1034 Nachfolger des heiligen Burkard. Wie Kaiser Konrad II. gilt er auch als wichtiger Bauherr. Als sein Vetter in Speyer mit einem gewaltigen Dombau begann, antwortete er mit einem Neubau der Würzburger Kathedrale. Sechs Jahre nach seinem Amtsantritt war das, anno 1040. Fünf Jahre nach Baubeginn starb der weltläufige Mann, der auch auf die Bildung des Klerus großen Wert legte, bei einem Unfall.

Markus Maier hat herausgefunden, welche Bewandtnis es mit der Scheibe am Dom hinter ihm hat. Foto: Eva-Maria Bast

Wir kennen derartige Monogramme beispielsweise von den Urkunden Kaiser Karls des Großen, dessen Namenszeichen sehr ähnlich aussieht. „Unser Monogramm wirkt wie die Signatur des Bauherrn für dieses so imposante Gebäude“, sagt Maier. Man könnte meinen, es sei ein dezenter, aber edler Vorläufer der Bauherrenwappen, wie sie sich gerade unter Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn größter Beliebtheit erfreuten.

Tatsächlich ist dieses Emblem aus einem Sandsteinrahmen, einer Mörtelplatte und Kupferblech aus späterer Zeit – wohl aus dem 12./13. Jahrhundert. Es konnte wohl nicht nur als eine Art Herrschaftszeichen gesehen werden; vielmehr verwies es auch auf den Rang der Kirche, die mit Bruno einen heiligen Bischof vorzuweisen hatte. Das Brunomonogramm war weit verbreitet. Es erschien häufig auf Würzburger Münzen und zierte vermutlich das Siegel des Bischofs.

Größe und Platzierung des Zeichens sind einzigartig

Aber in dieser Größe (Kreisdurchmesser circa 46 Zentimeter), zumal an einer prominenten Stelle des Würzburger Stadtbilds, ist es einzigartig. „Das hat in dieser Prägnanz für mich etwas absolut Faszinierendes: Der Namenszug verbunden mit dem Heilszeichen des Kreuzes an der Hauptapsis eines Doms – einfach ein genialer Einfall.“ Maier weiter: „Betrachtet man die Formensprache in Verbindung mit dem Bauwerk, wird die Sache noch interessanter: Das Kreuz findet sich bereits im Grundriss der Bischofskirche. Der Kreis im Kleinen antwortet auf die mächtige Vorwölbung der Apsis und auch auf die halbrunden Gliederungselemente links und rechts sowie den Blendbogenfries darüber. Das Monogramm ist perfekt integriert.“

Der Kunsthistoriker überlegt: „Da werden nicht viele Worte gemacht, aber wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt, dann tun sich mit dieser Scheibe ganze Welten auf.“

Text: Eva-Maria Bast

Der Text stammt aus dem Buch „Würzburger Geheimnisse - Band 2“ von Eva-Maria Bast, das in Kooperation mit der Main-Post entstand und soeben erschienen ist. Das Buch enthält 50 Geschichten zu historischen Geschehnissen und Orten. Präsentiert werden die Begebenheiten jeweils von Würzburger Bürgern.

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