WÜRZBURG

Was die Jünger Jesu heute täten

Ausgebreitet: Sabrina Bäuerlein hat Leonhard Franks Roman fortgeschrieben und ein Bild von der Alten Mainbrücke dazu gemalt. Foto: THERESA MÜLLER

„Heute ist der 5. Oktober 1947. Was wird in zehn Jahren in Deutschland sein?“ Zwei Sätze vom Schluss des Romans „Die Jünger Jesu“ von Leonhard Frank, der vor wenigen Wochen im Rahmen einer großen Leseaktion in Würzburg viel Aufsehen erregte. Die Frage am Ende des Buches brachte die 14-jährige Schülerin Sabrina Bäuerlein aus der Klasse 9b des Friedrich-Koenig-Gymnasiums auf eine Idee: Was würden die Jünger Jesu wohl heute tun, wenn sie noch am Leben wären?

„Mir hat da irgendwas gefehlt“, antwortet das junge Mädchen mit den langen dunklen gelockten Haaren auf die Frage, wie sie eigentlich auf die Idee kam, dem Roman einen „Epilog“ hinzuzufügen. Denn Sabrina Bäuerlein hat eine Fortsetzung des Frank-Romans geschrieben. Darin arrangiert sie ein fiktives Treffen der Jünger Jesu – 67 Jahre nachdem sie auseinander gegangen sind. Und sie selbst nimmt in der Rolle des Mädchens Nina daran teil.

Mit dabei ist auch Klaus, der 1947 elf Jahre alt war und jetzt zusammen mit dem Jünger Petrus das Treffen arrangiert hat. Hinter Klaus verbirgt sich der Zeitzeuge Klaus Grädler, den Sabrina Bäuerlein während ihrer Beschäftigung mit dem Frank-Roman kennengelernt hat und der ihr viel über die Würzburger Nachkriegsjahre erzählt hat.

„Mir hat hat da irgendwas gefehlt.“
Sabrina Bäuerlein 14-jährige Schülerin

Zu dieser Zeit, nach der Zerstörung der Stadt, waren in Franks Roman die Jünger Jesu in Würzburg als „Vollstrecker der Gerechtigkeit“ unterwegs, um den Reichen das wegzunehmen, was die Armen, die nichts haben, brauchen können: Lebensmittel, Kleidung, Decken, Schuhe...

Jetzt treffen sie sich in Sabrina Bäuerleins Text wieder und reflektieren ihr Tun von damals. Katharina, die damals mit dabei war, ist später in die Sozialistische Jugend eingetreten, um für ihre Ziele zu kämpfen. „Der Gelehrte“ wurde Richter in München und hatte Schwierigkeiten, die richtigen Entscheidungen zu treffen in einem Land, das in der Übergangsphase keineswegs ein Rechtsstaat gewesen war, schreibt Sabrina Bäuerlein.

Sie lässt die alt gewordenen Jünger auch darüber sprechen, wie sie zu ihrem Namen kamen und merkt an, dass in dem Roman viele christliche Symbole vorkommen. Der Schlangenmensch hat inzwischen einen sechsjährigen Urenkel und sagt: „Wir sind mit der Bibel aufgewachsen, da war es ganz klar, den Armen und Schwachen zu helfen. Deshalb war es für uns selbstverständlich, uns nach den Jüngern zu benennen“.

Später reden sie über Gerechtigkeit und ob es richtig war, das Diebesgut an andere weiterzugeben – und die Versuchung, auch selbst etwas zu behalten. Denn auch die Jünger litten unter der Armut der Nachkriegszeit. Nina ist beeindruckt und wird Zeugin, wie die Jünger Jesu ihre Decknamen aus dem Roman ablegen und ein weiteres Treffen fünf Jahre später vereinbaren.

Für eine Vierzehnjährige ist das eine außergewöhnliche Geschichte, die sie auf neun DIN A4-Seiten niedergeschrieben hat und mit der sie den ersten Preis beim Schulwettbewerb von „Würzburg liest ein Buch“ gewonnen hat. Ein wenig geholfen hat ihre Deutsch- und Geschichtslehrerin Karin Münz. Sie regte zu der Aktionswoche ein Leonhard-Frank-Projekt an, aus dem Sabrina Bäuerleins Text hervorging.

Die junge Autorin liest am liebsten Fantasyromane und Krimis, „eigentlich aber alles“, erzählt sie. Genauso wie sie in der Schule „eigentlich alle Fächer“ gerne mag. Und bescheiden antwortet sie auf die Frage, ob sie eine gute Schülerin sei: „Ich hoffe“.

„Sie ist eine sehr gute“, ergänzt Karin Münz. Reisen, Zeichnen, Klavierspielen, Badminton, Tanzen und Musik sind die Hobbys der vielseitig interessierten Jungautorin. Auch studieren möchte sie später einmal – „am liebsten alles“.

Mit Leonhard Franks „Jüngern Jesu“ hat sie jetzt erst mal abgeschlossen, allerdings liest sie gerade „Die Räuberbande“. Und sie schreibt schon an einem neuen Text, für den sie sich gerade die Personen ausdenkt. Die Geschichte soll in Paris spielen, weil sie die Stadt kennt und demnächst wieder hinfährt. Dann will sie vor Ort recherchieren und zeichnen. Man darf darauf gespannt sein. Denn wie sagt ihre Lehrerin: „Für eine Vierzehnjährige hat sie ein großes Schreibtalent“.

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