WÜRZBURG

„Was die Zukunft von der Gegenwart wissen wird“

Hat mit seinen Mitarbeitern einen Mega-Umzug vor sich: Klaus Rupprecht, Leiter des Staatsarchivs Würzburg, muss den Umzug nach Kitzingen planen. Foto: Thomas Obermeier

Dass jedermann freien Zugang zu den Archiven hat, ist eine demokratische Errungenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts. Und heute eine Selbstverständlichkeit, die die Aufarbeitung von Geschichte und Lebensläufen möglich macht. „Archive pflegen das kollektive Gedächtnis unserer Demokratie“, sagt Bayerns Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle. Unter dem Motto „Demokratie und Bürgerrechte“ beteiligen sich staatliche Einrichtungen im Freistaat deshalb am neunten, bundesweiten „Tag der Archive“, der noch bis 6. März läuft. Der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) will mit dem Aktionstag auch deutlich machen, dass Archive eine verlässliche Informationsquelle sind, weil sie politische Entscheidungen und Verwaltungshandeln transparent und nachvollziehbar machen. In Würzburg hatten sich am Freitag Archiv und Bibliothek des Bistums, Staatsarchiv, Stadtarchiv und Universitätsarchiv zusammengetan und zu Magazinführungen, Ausstellungen und Vorträgen geladen. „Archive verstehen sich heute als Dienstleister für den Bürger“, sagt Klaus Rupprecht, der Leiter des Staatsarchivs Würzburg. Wie ist es um diese Dienstleistung bestellt, wenn das Staatsarchiv aus der Würzburger Residenz nach Kitzingen gezogen ist? Über die vom designierten Ministerpräsidenten Markus Söder ausgedachte Verlegung sind nicht nur Historiker nicht glücklich.

Zum ersten Mal haben die vier Würzburger Archive beim Archivtag gemeinsame Sache gemacht. Vielleicht auch das letzte Mal? Wenn Sie bald in Kitzingen sind, wird es mit so einer Gemeinschaftsveranstaltung schwierig.

Klaus Rupprecht: Das stimmt, das ist natürlich für uns traurig. Aber es ist so, wir müssen mit dieser Entscheidung leben. Und man kann trotzdem künftig vernetzt arbeiten. Kitzingen ist so weit weg nicht. Als wir jetzt den gemeinsamen Tag der Archive geplant haben, haben sich die vier Archivleiter getroffen und auch für die Zukunft, für heuer weitere konkrete Pläne in Angriff genommen. Zum Beispiel in Richtung eines Notfallverbundes. Das gibt es schon in vielen Städten in Bayern, dass sich Kultureinrichtungen – vor allem Bibliotheken und Archive – vertraglich zusammen schließen, um in einem Notfall zusammenzustehen und sich gegenseitig zu helfen mit Material und Personal. Sei es ein Brand, was Gott verhindern möge, oder Wasserschäden.

Was ist für das Staatsarchiv Stand der Dinge, was den Umzug betrifft?

Rupprecht: Der Ministerrat hat die Verlagerung endgültig beschlossen, im Juli 2017 ist in Kitzingen ein Grundstück angekauft worden. Die Stadt Kitzingen hatte verschiedene Grundstücke angeboten gehabt, die sind gutachterlich angeschaut worden. Der zuständige Staatsbetrieb Immobilien Freistaat Bayern hat sich entschieden. Bis in den Dezember hinein hat das Staatliche Bauamt mit uns gemeinsam einen Bauantrag entworfen, der ist seit Mitte Januar im Ministerium. Wenn er positiv beschieden wird, dann findet in diesem Jahr ein Architektenwettbewerb statt.

Neubau bedeutet: Sie können ein optimales Archiv nach dem neuesten Stand ganz nach Ihren Wünschen errichten. Oder überwiegt doch die Klage über den Standort-Nachteil Kitzingen?

Rupprecht: Klagen hilft nicht mehr, wir müssen nach vorne schauen. Das Archiv hat in den vergangenen zwei Jahren Stellung bezogen, ist aber nicht so berücksichtigt worden, wie die Archivmitarbeiter sich das gedacht haben. Es ist eine strukturpolitische Entscheidung der Staatsregierung, der folgen wir als Beamte natürlich. Für mich als Archivar ist das Ganze zweischneidig. Ein neues Haus bedeutet natürlich auch die Möglichkeit, Archivalien optimal zu lagern. Darum geht es uns ja. Und wir können unsere Arbeiten optimal organisieren – sowohl was das Konservatorische betrifft, aber auch die technischen Möglichkeiten der Benutzung. Wir werden einen neuen Lesesaal bekommen, der sicher sehr schön und großzügig sein wird. Wir brauchen Platz. Wir sind jetzt im Grunde fast voll: Wir haben eine Kapazität von 27 Kilometer Schriftgut und haben knapp 26 Kilometer hier.

Wie schnell füllt sich der letzte Kilometer?

Rupprecht: Im Jahr haben wir knapp 400 bis 500 laufende Meter Zugang. Das heißt: In zwei Jahren wären wir rappelvoll und wüssten nicht, wo wir mit unseren laufenden Behördenzugängen hin könnten. Natürlich ist das ein Vorteil: Wir haben dann einen Bau, der uns für mindestens 30 Jahre garantiert, dass wir unserer Tätigkeit auch nachkommen können. Nämlich das archivwürdige Schriftgut der Behörden auszuwählen und ins Archiv zu holen. Das ist die positive Seite.

Die negative?

Rupprecht: Dass wir gerade im Bereich der Nutzung mit Schwierigkeiten und Problemen rechnen. Würzburg ist der Wissenschaftsstandort in Unterfranken schlechthin. Wir selber sehen uns ja auch als Teil dieses Wissenschaftsverbundes und fürchten, da ein bisschen hinten runter zu fallen. Vor allem unsere historischen Bestände gehen ja auch in den Mainzer Bereich, in den Fuldaer Bereich. Wir haben ein großes Einzugsgebiet an Forschern mit langen Anfahrtswegen. Die sind dann in Würzburg glücklich angekommen und müssen noch nach Kitzingen weiter. Möglich ist das alles, aber es erschwert die Benutzungsbedingungen. Und natürlich ist unsere Aufgabe, mit den Behörden zusammen all das archivwürdige Schriftgut auszuwählen und zu übernehmen – und der zentrale Behördenstandort in Unterfranken ist eben Würzburg. Wir haben ständig Kontakt und sind in den Behörden, um Registraturbesuche zu machen.

Das heißt, es trifft besonders Historiker aus Mainz oder Fulda?

Rupprecht: Zumindest ist die Sorge gerade aus dem Untermainbereich groß. Gerade überregional bedeutende Bestände aus der Zeit des Alten Reichs stammen aus dem Bereich. Da haben wir in unserem Anliegen viel Unterstützung bekommen in den vergangenen zwei Jahren.

Insgesamt war die Klage nicht so laut, oder? Eine große Lobby haben die Archivare nicht.

Rupprecht: Wir haben versucht, die Kanäle, die wir haben, zu nutzen. Aber als Beamte können wir nicht gegen eine politische Entscheidung argumentieren. Wir haben fachlich argumentiert. Und die Unterstützung in der Öffentlichkeit? Da hätten wir uns zum Teil schon ein bisschen mehr gewünscht. Es gab Unterstützung, es gab aber auch Zurückhaltung, gerade in Würzburg.

Weshalb sind Archive heute wichtig?

Rupprecht: Sie sind nicht nur heute wichtig, sie waren immer wichtig. Wir als Archivare verstehen uns ja als doppelte Dienstleister. Wir sind einerseits dafür da, eine aussagekräftige schriftliche Überlieferung zu schaffen, die es wert ist, Aussagen über unsere Gegenwart zu treffen. Wir entscheiden praktisch jetzt, was die Zukunft von unserer Gegenwart wissen wird. Wir als Staatsarchiv sind zuständig für alle Staatsbehörden in Unterfranken. Ein Archiv ist kein toter Körper. Unser Hauptberuf ist eigentlich, das Schriftgut in den Registraturen zu bewerten und zu entscheiden, was ist archivwürdig und was muss vernichtet werden, wenn die Aufbewahrungsfrist vorbei ist. Das ist ja auch das Motto des Archivtags: Garant zu sein für Demokratie und Bürgerrechte.

Durch das Schaffen einer aussagekräftigen Überlieferung?

Rupprecht: Es soll transparent sein, was in der Verwaltung heute geschieht. Und man soll in Zukunft nachvollziehen können, wie Verwaltung gearbeitet und was sie entschieden hat. Wir sind ja Dienstleister für die Bürger, weil wir das Archivgut, das jemand aus heimatgeschichtlichen, wissenschaftlichen, rechtlichen oder familiengeschichtlichen Interesse anschauen will, bei uns einsehen kann. Wir helfen dem Benutzer, zu seinem Thema die entsprechenden Archivalien zu finden, egal was es ist. Ein Beispiel: Wir bekommen ganz viel Anfragen zu Baugenehmigungsvorhaben. Jemand kauft ein Haus, hat aber keinen Bauplan dazu bekommen.

Nun leben wir im digitalen Zeitalter. Was bedeutet das für die Archive?

Rupprecht: Eines unserer grundsätzlichen Probleme aktuell ist, dass wir seit 20 Jahren in einer Zeit leben, in der digitale Akten parallel zu Akten aus Papier entstehen. Nehmen wir nur das Beispiel Steuerverwaltung. Finanzämter haben papierene Steuerakten zu Einzelpersonen, aber der Steuerbescheid selbst wird nur noch digital angelegt. Die Nachwelt hat aber zurecht den Anspruch an uns, zukünftig in vollständigen Akten zu forschen. In diesem Einzelfall wurde entschieden, der Steuerbescheid muss noch ausgedruckt und dazu gelegt werden. Ähnliche Fälle gibt es in Massen – wir sprechen von hybriden Akten – und jedesmal muss entschieden werden, wie vorzugehen ist. Digitalisierung ist die Zukunftsaufgabe schlechthin. Wir selbst arbeiten schon komplett mit der E-Akte, manche Behörden nur in Teilen, manche gar nicht. Überall aber gibt es im Wildwuchs Textdokumente, E-Mail-Konten, Fachwendungen, die möglicherweise auch Archivwürdiges beinhalten. Für uns heißt das ganz viel Zeit in die Behörden- und Registraturberatung zu investieren.

Heißt Digitalisierung: Verlust der Überlieferung?

Rupprecht: Das ist ein großes Problem. Unser Beruf wandelt sich stark, wir stellen immer mehr Informatiker ein. Jede Behörde arbeitet mit unterschiedlicher Hard- und Software. Und wir sind natürlich kein Computer-Museum, sondern müssen versuchen, einen lesbaren einheitlichen Standard zu finden. Digitale Unterlagen entstehen seit gut 30 Jahren, da ist die Gefahr schon groß, dass vieles heute schon nicht mehr lesbar ist und nicht mehr erfasst werden kann.

Was ist mit der Digitalisierung alter Urkunden?

Rupprecht: Wir machen das natürlich, aber vor allem zum Schutz des Originals. Wir haben Pilotprojekte, wo neu und gut erschlossene Bestände mit ausführlichen Findmitteln versehen im Netz erscheinen und dazu das Bild der Urkunde. Das ist natürlich für den Benutzer herrlich. Wir haben in Würzburg allein im Staatsarchiv 8,5 Millionen Archivalien, die zum Teil tausende Seiten umfassen. Da kann es schon aus finanziellen Gründen nicht das Ziel sein, alles zu digitalisieren. Aber es kann ein großer Vorteil sein, bestimmte, häufig benützte Archivaliengruppen zu digitalisieren. Wir sind ja eines der drei Archive in Deutschland, die eine große Überlieferung von Gestapoakten haben. Das sind 25.000 Akten, die in Zusammenarbeit mit Dienstleistern aus konservatorischen Gründen jetzt massenentsäuert und dabei gleich digitalisiert werden. Dann dürfen sie bei uns im Lesesaal auch nur noch digitalisiert benutzt werden. Wenn in naher Zukunft alle Schutzfristen abgelaufen sind, geht das sicherlich auch online.

Dann ist es egal, ob das Staatsarchiv in Kitzingen oder in Würzburg ist. Wann beginnen Sie den Umzug zu planen?

Rupprecht: Ja, aber nur in Bezug auf die online einsehbaren Originale; hier legt der Anteil am Gesamtbestand allerdings im Promillebereich. Den Umzug nach Kitzingen müssen wir natürlich schon jetzt mitplanen, zusätzlich zu unserem ,Tagesgeschäft'. Wir investieren ganz viel Arbeit darin, alles Schriftgut sachgerecht zu verpacken. Nur gut verpacktes Archivgut lässt sich sicher umziehen. Wir haben ein Verpackungskonzept erarbeitet, auch wenn wir noch keine Logistik machen können. Alle Faszikel, also Aktenbündel, müssen auseinander genommen und einzeln in Umschläge und säurefreie Kartons gepackt werden. Zudem investieren wir ganz viel Arbeitskraft und -zeit dafür, unsere Findmittel zu den einzelnen Beständen Zug um Zug online-fähig zu machen und dann auch online zu stellen, so dass sich der Benützer schon von zu Hause gezielt einen Überblick verschaffen und gezielt Archivalien zur Einsicht in den Lesesaal bestellen kann. Schon jetzt ist hier vieles möglich, wie ein Blick auf unsere Webseite zeigt.

Weil Archive ja auch Fundgruben sind: Gab es besondere Entdeckungen im Staatsarchiv in jüngster Zeit?

Rupprecht: Besondere Entdeckungen? Da wäre natürlich zum einen der Quittungsbrief von 1468 zu nennen, mit dem man jetzt nachweisen kann, dass der Buchdrucker Johannes Gutenberg zu diesem Zeitpunkt schon tot war. Und die eindeutige Identifizierung des ersten Nachweises der Nutzung von „Schrauben“ in einer Urkunde für das Würzburger Dompfortenamt in den 1360er Jahren.

Klaus Rupprecht

Seit November 2016 ist Klaus Rupprecht Leiter des Staatsarchivs Würzburg. Er kam vom Staatsarchiv Bamberg, wo er stellvertretender Behördenleiter war. Rupprecht stammt aus Guttenberg in Oberfranken, in Würzburg war er nach dem Studium am Siebold- und Riemenschneidergymnasium tätig. Das Staatsarchiv Würzburg ist die staatliche Fachbehörde für alle Fragen des Archivwesens im Regierungsbezirk Unterfranken. Seine Zuständigkeit für historisches Schriftgut aus vorbayerischer Zeit erstreckt sich auf das Hochstift Würzburg mit zugehörigen Institutionen, die weiteren Einrichtungen des Fränkischen Reichskreises, deren Sitz im heutigen Unterfranken liegt, auf Kurmainz, soweit sich dessen Schriftgutüberlieferung im Besitz des Freistaates Bayern befindet, und auf Landesteile des ehemaligen Hochstifts Fulda, die 1816 an Bayern fielen. Seit über 250 Jahren hat das Staatsarchiv seinen Sitz in der Würzburger Residenz. Als Klaus Rupprecht nach Würzburg kam, war der Umzug nach Kitzingen schon beschlossene Sache.
Klaus Rupprecht, Leiter des Staatsarchivs Würzburg, im Magazin. Foto: Thomas Obermeier
Archivdirektor Klaus Rupprecht im langen Gang voller Faszikel in den Regalen: Die gebundenen Akten müssen in den nächsten Jahren alle auseinander genommen und in säurefesten Umschlägen und Kartons neu untergebracht werden. Foto: Thomas Obermeier

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