WÜRZBURG

Wegen toter „Adoptiv-Mama“ vor Gericht

Eigentlich geht es „nur“ um Körperverletzung in diesem Prozess vor dem Amtsgericht: Eine vermögende 97-Jährige hatte mehrere große, offene Druckgeschwüre, als sie starb. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Mann, der sie bis zu ihrem Tod pflegte, sie nicht richtig versorgt hat und klagte ihn an.

Das Verfahren hat einige Besonderheiten. Und die haben mit den beteiligten Personen zu tun. Da ist zunächst der Angeklagte. 48 Jahre alt, verheiratet, Vater von zwei Kindern. Als Beruf gibt er „Kaufmann“ an, er betrieb ein Lokal, das er, so Oberstaatsanwalt Thomas Trapp in der Anklageschrift, vor einigen Jahren abmeldete, „um dem Entzug der Gaststättenerlaubnis zu entgehen“. Und da ist die inzwischen verstorbene reiche, zweimal verwitwete Dame, Besitzerin eines großen Mietshauses in der Innenstadt, mit Barvermögen in Deutschland und in den USA.

Der finanziell schwer angeschlagene Familienvater und die Frau lernen sich kennen, er kümmert sich um sie. Alsbald setzt sie ihn als Erben in ihr Testament ein – und will ihn 2008 adoptieren, was ihm, im Fall ihres Todes, laut Staatsanwaltschaft 400 000 Euro Erbschaftssteuer ersparen würde. Allerdings gibt es Zweifel darüber, ob die Frau wirklich noch genau weiß, was sie tut. Deshalb wird nichts aus der Adoption; Amtsgericht, Landgericht und Oberlandesgericht erlauben sie nicht.

Derweil gibt die alte Dame dem Angeklagten laut Zeugenaussagen eine Generalvollmacht, mit der er hohe Summen abgehoben haben soll, deren Verbleib bis heute offenbar ungeklärt ist. „Allein mit dem Haus in Würzburg werden monatlich 10 700 Euro Mieteinnahmen erzielt“, sagt eine Kriminalbeamtin im Zeugenstand. Von den Konten der alten Dame seien bis zu ihrem Tod „mehr als 800 000 Euro verschwunden“.

Als die Witwe auf Betreiben eines Würzburger Rechtsanwalts, der den Angeklagten der „aggressiven Erbschleicherei“ verdächtigt, 2008 unter Betreuung gestellt wird, nimmt sie im Alter von 94 Jahren Wohnsitz in den USA. Auch hier strebt der Angeklagte eine Adoption an und scheitert wieder. Weil die Frau nicht mehr in Deutschland lebt, wird die Betreuung aufgehoben. Altersschwach, ein wenig dement und kränklich kehrt sie nach Würzburg zurück. Der Angeklagte nimmt sich wieder ihrer an, Nachbarn und Bekannte haben den Eindruck, dass er sich rührend um die alte Dame kümmert, die er seine „Adoptivmama“ nennt.

Im Sommer 2011 zeigt der 48-Jährige bei der Polizei einen Diebstahl an. Ein kleiner Tresor mit „etwa 150 000 bis 180 000 Euro“, der unter seinem Nachttisch gestanden haben soll, sei gestohlen worden sein. Das Geld, so gibt er an, habe der „Adoptivmama“ gehört. Den dreisten Dieb will er, so ein Kripobeamter im Zeugenstand, selbst verfolgt und aus den Augen verloren haben.

Die Ermittlungen verlaufen im Sande, die Beamten finden keine Spuren und auch keine Abdrücke des Tresors im Boden. Die Tochter des Angeklagten, so der Polizist vor Gericht, habe ihm erzählt, was der Papa gesagt haben soll: „Wir kommen bald zu Geld und dann bauen wir uns ein Haus in Grombühl.“

„Man hatte den Eindruck, die Frau sei wie Müll

entsorgt worden“

Kriminalbeamtin im Zeugenstand

Die alte Dame, inzwischen 97 Jahre, wird immer hinfälliger. Im Frühjahr 2011 soll sie, so erzählt es der Angeklagte im Bekanntenkreis, aus Versehen Desinfektionsmittel getrunken haben. Danach sei es ihr immer schlechter gegangen. Am 12. August 2011 liegt sie tot in ihrer Wohnung, die Hausärztin bescheinigt eine natürliche Todesursache. Die großen Geschwüre am Körper der Frau, habe sie nicht gesehen, weil sie „nicht die Windel geöffnet“ habe, sagt die Medizinerin vor Gericht. „Meine Leichenschau war nicht ordnungsgemäß.“ Auch gegen sie wurde ermittelt; das Verfahren ist inzwischen gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt worden.

Es sind nur diese Geschwüre, die den Angeklagten vor Gericht gebracht haben. Alles andere wird aber im Gerichtssaal breit thematisiert und ist somit Teil der Geschichte.

Am 19. August vergangenen Jahres soll die Leiche der vermögenden alten Dame verbrannt werden. Aber dazu kommt es nicht. Die Kripo fängt den Sarg vor dem Krematorium ab, lässt die Tote obduzieren, eine erfahrene Polizistin ist dabei. „Die Frau roch extrem nach Urin, sie trug noch eine komplett volle Windel, einen alten Schlafanzug und ihre Nägel waren ungepflegt und abgebrochen“, erzählt die Beamtin dem Gericht, „hier sollte nicht eine geliebte Mutter beerdigt werden. Man hatte den Eindruck, die Frau sei wie Müll entsorgt worden.“

Wie lange die alte Dame die Geschwüre schon hatte, ist unklar. Ein Gutachter geht davon aus, dass sie sie zwei Wochen lang geplagt haben könnten, ein anderer spricht von ein bis zwei Tagen. Der Prozess wird an diesem Freitag fortgesetzt.

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