Würzburg

Weihnachten: Warum wir Stille brauchen

Die Adventszeit heißt die stille Zeit, auch wenn gerade die Wochen vor Weihnachten besonders laut und stressig sind. Aber Stille ist wichtig. Wir erklären, wie man still wird.
Ein Tag in Stille: beim Schweige-Seminar im Benediktushof in Holzkirchen (Lkr. Würzburg).
Ein Tag in Stille: beim Schweige-Seminar im Benediktushof in Holzkirchen (Lkr. Würzburg). Foto: Daniel Peter

Advent das ist die stille Zeit,
Die Tage schnell verrinnen.
Das Fest der Liebe ist nicht weit,
Fangt an euch zu besinnen.

So heißt es in einem Gedicht von Ursula Bleitner. Doch mittlerweile ist die Adventszeit für viele die stressigste Zeit im Jahr. Laut ist diese Zeit noch dazu. "Jingle Bells" und "Last Christmas" dudeln in Kaufhäusern rund um die Uhr aus den Lautsprechern, auch auf den Weihnachtsmärkten geht es oft wenig besinnlich zu. Überall Gedrängel, überall hetzen Leute auf der Suche nach Geschenken. Doch viele Menschen sehnen sich danach, zur Ruhe zu kommen, stressfrei im Augenblick zu leben, einfach mal durchzuatmen. Wie kann das gelingen? Und warum ist die Adventszeit so laut geworden?

Verklärende Bilder einer bäuerlichen Gesellschaft

"Die romantische Vorstellung der Adventszeit als stade Zeit ist geprägt von verklärenden Bildern einer überwiegend bäuerlichen Gesellschaft, als die ganze Familie bei Kerzenschein zusammen saß und gemeinsam Lieder gesungen hat", sagt  Andrea Kober-Weikmann, Pastoralreferentin im Referat Frauenseelsorge der Diözese Würzburg. Dass heute die Adventszeit die stressigste und hektischste Zeit im ganzen Jahr ist und alles auf Hochtouren läuft - "das ist einfach so, das müssen wir zur Kenntnis nehmen". 

Brauchen wir mehr Stille? Professorin Andrea Kübler (mit Hündin Monalisa) erklärt die Bedeutung aus psychologischer Sicht.
Brauchen wir mehr Stille? Professorin Andrea Kübler (mit Hündin Monalisa) erklärt die Bedeutung aus psychologischer Sicht. Foto: Thomas Obermeier

Dass viel Lärm zu Stress führt, zeigen Studien. Stresshormone werden ausgeschüttet, die Leistungsfähigkeit nimmt ab. "Viele Menschen wollen raus aus dem Hochgeschwindigkeitsalltag", sagt Andrea Kübler, Professorin für Interventionspsychologie an der Uni Würzburg. Was man dagegen tun kann? Küblers Rat: "Sich bewusst jeden Tag zehn bis 15 Minuten Zeit nur für sich nehmen." Dazu gehöre auch, das Smartphone einmal abzuschalten. Dann könne man Innehalten und sich fragen: Was will ich überhaupt? Wohin möchte ich mich entwickeln? "Das schnelllaufende Lebensband anzuhalten ist ein aktiver Akt." 

Ein Ort der Stille in der trubeligen Innenstadt: die Krypta im Würzburger Dom.
Ein Ort der Stille in der trubeligen Innenstadt: die Krypta im Würzburger Dom. Foto: Thomas Obermeier

Kirchen sind Räume der Stille

Viele Hochschulen, Schulen, Krankenhäusern oder auch größere Firmen richten einen Raum der Stille ein. Wem der Alltag zu laut wird, soll sich dort zurückziehen und Ruhe finden, meditieren oder beten können. Psychologin Andrea Kübler empfiehlt, sich einfach mal in eine Kirche zu setzen und für zehn Minuten die Ruhe genießen: "Atmen Sie tief ein und aus. Die Stille befördert uns ins Hier und Jetzt. Das ermöglicht uns, den Augenblick zu genießen." Nur so habe Stille auch eine heilende Kraft.

Erst wenn die Umgebung still ist, kommen die meisten zur Ruhe. Fehlende Stille könne krank machen und zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen, sagt Kübler. Sogar im Schlaf könne Lärm krank machen. "Doch nicht jeder kann mit Stille umgehen." Es gebe auch Menschen, die mit Stille nichts anfangen können. "Unser Gehirn arbeitet ununterbrochen weiter, außer wir schlafen und da merken wir nichts von der Arbeit unseres Hirns", sagt Kübler. "Gefährlich wird es, wenn sich die Gedanken nicht mehr einfangen lassen und wir uns immerzu im Kreis drehen."

Kann man Stille kaufen?

Wer es sich leisten kann, kann Stille auch kaufen: ein ruhiges Baugrundstück, eine ruhige Wohnung, einen erholsamen Urlaub, die Teilnahme am Stille-Seminar. Mittlerweile gibt es eine richtige Stille-Industrie: Yoga, Mediation, Qi Gong, Schweigeklöster - das Angebot an Kursen ist riesig. 

Barbara Lohoff zeigt in einem japanischen Teezimmer im Siebold-Museum in Würzburg Handgriffe der landestypischen Teezeremonie, die sehr entspannend wirken soll.
Barbara Lohoff zeigt in einem japanischen Teezimmer im Siebold-Museum in Würzburg Handgriffe der landestypischen Teezeremonie, die sehr entspannend wirken soll. Foto: Daniel Peter

Das Wort Meditation stammt aus dem Lateinischen und bedeutet nachdenken, nachsinnen, überlegen. Meditation hat religiöse Wurzeln und ist eine in vielen Religionen und Kulturen ausgeübte spirituelle Praxis. Heute wird sie als Entspannungsmethode eingesetzt und kommt mitunter auch in Psychotherapien zum Einsatz. Beim Meditieren handelt es sich meist um einfache Achtsamkeits- und Konzentrationsübungen: "Man setzt sich aufrecht, aber bequem an einen ruhigen Ort und konzentriert sich auf den eigenen Atem. Gedanken registriert man, lässt sie jedoch stehen wie sie kommen und gehen, ohne sie zu bewerten", sagt Andreas Kübler, die auch Achtsamkeitstrainerin ist. 

Rausnehmen aus der Geschwindigkeit

Studien des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften zeigen, dass regelmäßiges Meditieren bei gesundheitlichen Problemen wie Bluthochdruck, hoher Blutzuckerspiegel oder Schmerzen helfen kann. Und es scheint sich positiv auf das Immunsystem auszuwirken und bei Angstzuständen und depressive Verstimmungen zu helfen. "Vielen gelingt es so, dem Gedankenrasen zu entkommen", sagt Kübler.

Das kontemplative Gebet

Theologin Andrea Kober-Weikmann bietet das kontemplative Gebet an. Diese Art der christlichen Meditation ist durch die "Achtsamkeits-Welle" der vergangenen Jahre wieder populärer geworden.  "Wenn wir Klarheit für unser Leben brauchen, suchen wir oft instinktiv Zeiten und Orte der Stille. Hier können sich innere Dinge sortieren und klären", sagt Kober-Weikmann. Das gelinge sehr gut beim Sitzen in der Stille: Zuerst konzentriert man sich nur auf seinen Atem. Später überlege man sich ein persönliches, stimmiges Gebetswort oder einen Satz wie "Gott, schau auf mich". Das wiederhole man in der Stille und im Atemrhythmus.

"Das kontemplative Gebet führt uns weg von den Zerstreuungen unseres Lebens", sagt die Pastoralreferentin, die diesen "Weg in die Stille" für Frauen meist vor den großen kirchlichen Festen anbietet. "Der Mensch sollte sich immer wieder Zeiten nehmen, in denen er sich auf sich selbst besinnt", sagt die Theologin.

15 Minuten pro Tag für sich selbst

Jeder habe die Möglichkeit, morgens 15 Minuten früher aufzustehen und diese Zeit bewusst in Stille zu sitzen. "Ohne darüber nachzudenken, was man am Tag alles erledigen muss", sagt die Psychologin Andrea Kübler. Die Gedanken seien zwar immer da, aber mit jedem Tag lerne man besser, nicht jedem Gedanken hinterher zu eilen, sondern ihn einfach zur Kenntnis nehmen. "Man lernt so, immer mal wieder bewusst hinter sich selbst zurückzutreten." Und man sollte die Sachen, die man tut, bewusster tun - und dabei immer mal wieder bewusst atmen. Das heißt: die volle Länge des Einatmens und des Ausatmens ganz beim Atem sein. 

Stille-Tipps
In dem Dokumentarfilm "Zeit für Stille" nimmt Regisseur Patrick Shen die Zuschauer mit zu einer japanischen Teezeremonie und führt sie auch an Stätten mit ohrenbetäubendem Lärm. Er will das Bewusstsein für Ruhe schärfen. 
Im Siebold-Museum in Würzburg wird im Teehaus ganzjährig eine original japanische Teezeremonie angeboten: ein Erlebnis der Stille und Besinnung, das man auch verschenken kann. Infos und Details bei Barbara Lohoff, Tel. 09365/9350 (ab 20.30 Uhr). 
Der Raum der Stille der Universität am Hubland lädt ein, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, für einige Augenblicke Stille zu genießen, sich auszuruhen. Er ist offen für alle Menschen an der Universität aller Konfessionen und Religionen. Adresse: Wabe B, Hubland Nord, Gerda-Laufer-Str. 46, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 7 bis 18 Uhr.
Der Benediktushof in Holzkirchen (Lkr. Würzburg) wurde 2003 von Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger ins Leben gerufen und ist heute eines der größten Zentren für Meditation und Achtsamkeit in Europa. Hier sollen Menschen in Stille zu sich selber kommen, sich auf Wesentliches besinnen und mit lebenspraktischen Impulsen gestärkt in den Alltag zurückkehren. Kontakt: Benediktushof, Seminar- und Tagungszentrum, Klosterstraße 10
97292 Holzkirchen, www.benediktushof-holzkirchen.de, Telefon (09369) 9838-0, E-Mail: 
info@benediktushof-holzkirchen.de
Das Seminar Weg in die Stille bietet die Theologin Andrea Kober-Weikmann wieder an vier Terminen im März 2020 an.  Es wendet sich an alle, die sich in der österlichen Bußzeit neu Gott und seinem Wirken öffnen wollen. Beim Schweigen in der besonderen Atmosphäre von Kloster Himmelspforten in Würzburg soll man innerlich zur Ruhe zu kommen und sich sammeln. Infos und Anmeldung: frauenseelsorge@bistum-wuerzburg.de oder Telefon (0931) 386-65201.

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