Würzburg

Weil "Behinderung" nicht "Heim" heißt

Christoph D. ist schwer behindert, sein Leben möchte er dennoch frei gestalten. Doch wie? Ein Verein hat ihn mit einem neuen Beratungsangebot dabei helfen können.
Kerstin Dick gehört dem Team der Unabhängigen Teilhabeberatung von WüSL an.

 Foto: Pat Christ
Kerstin Dick gehört dem Team der Unabhängigen Teilhabeberatung von WüSL an. Foto: Pat Christ

"Das beste wäre, du würdest ins Pflegeheim ziehen", meinten die Geschwister zu Christoph D. (Name geändert). Da wäre er gut versorgt. Doch Christoph D. wollte nicht gut versorgt werden. Er wollte frei sein. Obwohl er inzwischen so schwer behindert ist, dass er nur noch ein paar Schritte laufen kann. "Wir wiesen ihn auf die Möglichkeit hin, selbstbestimmt mit Assistenz zu leben", sagt Kerstin Dick von der Unabhängigen Teilhabeberatung des Vereins WüSL.

Welche Rechtsansprüche gibt es?

Christoph D., 50 Jahre alt, leidet an einer körperlichen Erkrankung, die unaufhaltsam schlimmer wird. Bisher ist es dem Frührentner noch einigermaßen gelungen, seinen Alltag zu managen. Einmal in der Woche kommt jemand vorbei, um die Wohnung sauber zu machen. Das zahlt der Landkreisbürger aus eigener Tasche. Mit dem Leistungs- und Hilfesystem für Menschen mit Behinderung hatte Christoph D. noch nichts zu tun gehabt. Welche Rechtsansprüche gibt es? Wo müssen welche Anträge gestellt werden? Christoph D. hatte das Gefühl, in einem undurchdringlichen Dschungel zu stecken.

Durch Zufall erfuhr er vom Verein "WüSL - Selbstbestimmt Leben Würzburg". Dieser Verein, erzählte ihm ein Bekannter, bietet seit Mai Unabhängige Teilhabeberatung an. Christoph D. rief an, machte einen Termin aus und kam auf den Heuchelhof, wo sich übergangsweise das Beratungsbüro befindet. "Ich gehe auf keinen Fall ins Heim!", sagt er zu Kerstin Dick. Die konnte seine Entscheidung gut verstehen. Genau dafür, so die Sozialpädagogin, engagiert sich WüSL seit 1995: Menschen mit Behinderung sollen ihr Leben so gestalten können, wie sie es möchten.

Assistenten zur Unterstützung

Zwei Stunden stellte sich Kerstin Dick allen Fragen von Christoph D. Sie erklärte ihm, dass der Bezirk Unterfranken als überörtlicher Sozialhilfeträger für ihn zuständig ist. Zum ersten Mal hörte Christoph D. den Ausdruck "Persönliches Budget". Dabei handelt es sich um einen Geldtopf, aus dem er persönliche Assistenten finanzieren könnte.

"Wir wiesen ihn auf die Möglichkeit hin, selbstbestimmt mit Assistenz zu leben."
Kerstin Dick von der Unabhängigen Teilhabeberatung

Die Assistenten wiederum würden ihn bei allem unterstützen, was er nicht mehr selbst machen kann. "Sie gehen zum Beispiel zum Einkaufen mit, wobei sie das genau dann tun, wenn Herr D. das wünscht", erklärt Kerstin D. Auch kochen die Assistenten genau das, was Christoph D. heute für sich selbst kochen würde, wenn er das noch könnte.

Nach dem Gespräch bat er sich Bedenkzeit aus. Bald darauf rief er Kerstin Dick wieder an und wollte es versuchen. Dick half ihm, den Antrag an den Bezirk auszufüllen. Der liegt der Behörde nun vor. Christoph D. hofft, dass er zügig genehmigt wird.

Recht auf Teilhabe in der Gesellschaft

Kerstin Dick und ihre Kollegen Verena van Aaken und Michael Gerr helfen nicht nur dann, wenn es darum geht, den Umzug ins Heim zu vermeiden. Menschen mit jeder Art von Beeinträchtigung oder chronischer Krankheit können sich an die neue Stelle wenden, wenn sie Auskunft benötigen, wie sie ihr Recht auf Teilhabe in der Gesellschaft um- und durchsetzen können. Alle Berater wissen, wie es ist, mit einem Handicap zu leben. Beratungsstellenleiter Michael Gerr ist Rollstuhlfahrer. Kerstin Dick meistert ihr Leben mit schwerem Rheuma. Verena van Aaken ist körperlich beeinträchtigt.

Die Einrichtung von "Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungen" (EUTB), wie die neuen Stellen ganz korrekt heißen, geht auf die Initiative des Bundesozialministeriums zurück. Das fördert allein in Würzburg fünf EUTBs. Neben WüSL bieten der Verein Assiston, der Blindenbund, das Blindeninstitut und der Integrationsfachdienst Teilhabeberatung an. WüSL bezeichnet sich selbstbewusst als "Original" in der Beratungslandschaft. Denn lange, bevor die EUTBs gefördert wurden, berieten WüSL-Mitglieder Menschen mit einem Handicap - ehrenamtlich, kostenlos und aus eigener Betroffenheit heraus.

Kein barrierefreies Büro in Sicht

Ungünstig ist, dass Klienten, die persönlich beraten werden wollen, derzeit noch auf den Heuchelhof fahren müssen, wo WüSL in der Berner Straße 8 zwei Räume übergangsweise angemietet hat. "Wir suchen dringend ein barrierefreies Büro in der Innenstadt, damit uns die Menschen besser erreichen können und wir auch Laufkundschaft haben", sagt Dick. An den Heuchelhof verirrt sich nun mal so schnell niemand, um spontan eine Frage zu den Themen "Teilhabe" oder "Selbstbestimmung" loszuwerden.

Inzwischen konnte WüSL mehrere Büros anschauen. Einige wären auch in Frage gekommen. Doch als die Vermieter hörten, dass die Räume künftig von Menschen mit Behinderung aufgesucht würden, lehnten sie ab. Dick: "Uns wurde einmal direkt gesagt, dass man keine Rollstuhlfahrer haben möchte."

Verein "WüSL - Selbstbestimmt Leben Würzburg"
Zu erreichen ist das Beratungsteam montags bis donnerstags von 10 bis 16 Uhr und freitags von 9 bis 13 Uhr telefonisch unter 0931/50456 oder per E-Mail unter eutb@wuesl.de.

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