Würzburg

Wenn Pflege in die Armut stürzt

Der neue VdK-Kreisvorstand mit der Kreisgeschäftsführung. (von links) Kreisgeschäftsführerin Christiane Straub, Paul Löhlein, Volker Stawski, Margarete Amthor, Horst Röder, Bezirksgeschäftsführer Carsten Vetter, Helmuth Gerbig, Dr. Christiane Scheller, Lilo Noell, Sonja Buchberger, Rita Mocker, Irmgard Lorenz, Siegbert Schneider und Stellvertretender Landesgeschäftsführer VdK Bayern Herbert Lochbrunner Foto: VdK Würzburg

Der Sozialverband VdK ist für immer mehr Menschen in der Region Würzburg eine unersetzbare Anlaufstelle zur Durchsetzung ihrer sozialen Rechte. Mehr als 13800 Bürger gehören ihm inzwischen in 45 Ortsverbänden an. Allein in den letzten vier Jahren stiegen die Mitgliederzahlen um über fünf Prozent, hieß es laut einer Pressemitteilung bei der 15. Kreisverbandstagung. Für die Interessen dieser Mitglieder setzt sich ein neu gewählter, zwölfköpfiger Vorstand ein.

Helmuth Gerbig, der am Samstag in seinem Amt als Kreisvorsitzender bestätigt wurde, engagiert sich schon seit vielen Jahren beim VdK. Er bemüht sich vor allem darum, Mitglieder in den Ortsverbänden in Stadt und Kreis Würzburg zu motivieren, einen Vorstandsposten zu übernehmen: „Das wird immer schwieriger und gelingt nur mit direkter Ansprache.“ Auch das Thema „Pflege“ treibt den ehemaligen Mitarbeiter der Regierung von Unterfranken um. Viele Senioren, sagt er, haben Angst vor dem Besuch, wenn eine Einstufung in einen Pflegegrad ansteht.

In Sachen Pflege, unterstreicht die ebenfalls in ihrem Amt bestätigte Schriftführerin Lilo Noell, spielen sich auch in der Region Würzburg teilweise regelrechte Dramen an. Noell kümmert sich gerade um eine Frau, die ihre Mutter aus dem Altenheim holte, weil sie sah, dass es ihr dort nicht gut ging. Sie gab ihren Job als Verkäuferin auf und versorgte die Mutter vier Jahre bis zu ihrem Tod. Aus Altersgründen schaffte sie es danach nicht mehr, wieder in den Beruf einzusteigen: „Sie rutschte deshalb in Hartz IV ab.“ Dass häusliche Pflege nicht selten in die Armut führt, ist für Noell skandalös. Der VdK kämpft dafür, dass sich hier etwas ändert.

Auch VdK-Vorstandsmitglied Volker Stawski setzt sich dafür ein, dass Pflegebedürftige das erhalten, was sie benötigen, um trotz teilweise massiver Einschränkungen würdig leben zu können. Immer wieder prüft der Würzburger VdK-Kreisverband nach Aussage des 63-Jährigen Einstufungen oder Zurückstufungen. Erscheint der zugestandene Grad zu niedrig, geht der VdK rechtlich dagegen vor – meist mit Erfolg.

Stawski begleitet gerade eine Frau, die sich nach einer schweren Operation nur noch mit Mühe selbst versorgen konnte. Der medizinische Dienst der Krankenverischerung (MDK) stufte sie in Pflegegrad zwei ein. Sie erhielt dadurch nicht nur das Pflegegeld für diesen Pflegegrad, sondern auch das Landespflegegeld. Also noch mal tausend Euro im Jahr. Der Frau, der es finanziell nicht allzu gut geht, half das sehr.

Eines Tages klopfte der MDK wieder an. Er wollte nachschauen, wie es der Frau inzwischen geht. Die MDK-Mitarbeiter stellten fest, dass sich ihr Zustand gebessert hat und stuften sie in Pflegegrad 1 zurück. Nun brach das ganze Finanzsystem der Patientin zusammen. „Sie hatte für ihre Beine nach der Operation Massagen bekommen, die ihr sehr gut getan haben“, erläutert Stawski. Diese Leistung war nun gestrichen. Auch das Landespflegegeld war weg. „Die Dame ist im Augenblick ganz depressiv und bräuchte im Grunde dringend psychotherapeutische Hilfe“, sagt Stawski.

Nicht nur ältere Menschen engagieren sich im VdK. Sonja Buchberger, 37 Jahre alte Apothekerin, bringt sich im Ortsverband Zellerau sowie im Vorstand des Kreisverbands ein. Dies deshalb, weil sie sieht, in welche Not ältere Patienten gestürzt werden, weil ihre Rente um ein paar Euro höher liegt als jener Betrag, der von der Zuzahlung befreit. Sie müssen oft kräftig zuzahlen. Und zwar nicht nur fünf Euro pro Medikament. Manchmal sei es auch mehr: „Da kommen mitunter 50, teilweise 100 Euro im Monat zusammen.“

Besonders schwierig sei die Versorgungssituation bei Inkontinenzprodukten. Buchberger hat pro Patient ein Budget von 29 Euro im Monat zur Verfügung. Egal, wie schwer der Mensch von Harninkontinenz betroffen ist. Ob er also zwei oder vier Einlagen pro Tag braucht. „Diese Budgetierung ist absolut unsinnig“, sagt sie. Und sie führt dazu, dass Betroffene mit wenig Geld monatlich teilweise mehr als 100 Euro draufzahlen müssen. Im VdK kämpft sie dafür, dass solche Vorgaben revidiert werden.

Helmuth Gerbig wird in den kommenden vier Jahren an der Spitze des VdK-Kreisverbands Würzburg stehen. Als stellvertretende Vorsitzende wurden Horst Röder, Volker Stawski und Sonja Buchberger gewählt. Lilo Noell ist Schriftführerin, Rita Mocker setzt sich für die Frauen im VdK ein, Dr. Christiane Scheller wurde als Vertreterin der jüngeren Generation in ihrem Amt bestätigt. Der Vorstand wird von den Beisitzern Margarete Amthor (Schatzmeisterin), Werner Hufnagl (Ehrenamtskoordinator), Paul Löhlein, Irmgard Lorenz und Siegbert Schneider ergänzt.

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