Würzburg

Wenn Tischgebet auf Tee trifft

Christliche, jüdische und muslimische Familien kommen auf einer Podiumsdiskussion in Shalom Europa ins Gespräch. Die anfänglich harmonische Stimmung hielt nicht lange an.
Über Gemeinsamkeiten, Unterschiede aber auch Vorurteile tauchten sich jüdische, muslimische und christliche Familien bei einem offenen Trialog im Rahmen des Projekts 'Shalom Aleikum - Jüdisch-muslimischer Dialog' aus.
Über Gemeinsamkeiten, Unterschiede aber auch Vorurteile tauchten sich jüdische, muslimische und christliche Familien bei einem offenen Trialog im Rahmen des Projekts "Shalom Aleikum - Jüdisch-muslimischer Dialog" aus. Foto: Kathrin Königl

Integrationsministerin Annette Widmann-Mauz rief Anfang des Jahres in Berlin zum Dialog zwischen jüdischen und muslimischen Mitbürgern auf. Da brauchte es nur ein Ortsgespräch zum Zentralrat der Juden, deren Präsident bekanntlich der Würzburger Arzt Josef Schuster ist. Bald bezog das Planungskomitee auch Christen in die angedachten Meetings ein. Und kurz nachdem in der Hauptstadt erstmals gläubige Familien aller drei monotheistischen Religionen auf einem Podium beisammen saßen, beraumte man die zweite Veranstaltung dieser Reihe namens "Shalom-Aleikum" in Würzburg an.

Der Zentralrat mit Sitz in Berlin hatte sich dazu an die hiesige Jüdische Kultusgemeinde gewandt mit der Bitte, sich nach Podiumsteilnehmern umzusehen. Fündig wurde die in der jüdischen Familie Grinbuch, der muslimischen Sem und der deutschen Tissen, von denen sich die Kinder teils kannten, in dieselbe Schule gehen oder sich den Instrumentalunterricht teilen. Die Frage, ob sie nach der Veranstaltung im jüdischen Kulturzentrum Shalom-Europa an der Valentin-Becker-Straße weiter etwas zusammen machen, erübrigt sich also: Man kannte sich schon vorher.

Harmonische Atmosphäre der Talk-Runde fiel in sich zusammen

Es gab also keine heftigen Konflikte zu befürchten, zumal mit Ilanit Spinner eine erfahrene ARD-Reporterin die Begegnung moderierte. Sie konnte es sich sogar erlauben, Christen, Juden und Muslime in der Runde nach den typischen Eigenschaften von Vertretern der je anderen Religionen zu fragen. Das Ergebnis: Die einen machen gute Musik, sind tolerant und lieben Bildung. Einer zweiten Gruppe wurden Herzlichkeit, Respekt der Kinder vor den Eltern, Religiosität und Tee zugeschrieben. Und die dritte feiere schöne Feste für alle, freue sich über Besuche von Vertretern anderer Religionen, singe viel und spreche Tischgebete.

Die nächste Talk-Runde fiel härter aus – und die harmonische Atmosphäre in sich zusammen, als Spinner schriftliche Sätze auf die Wand des David-Schuster-Saals projizieren ließ. Es handelte sich um automatische Ergänzungen, die Suchmaschinen einblenden, wenn man "Juden sind" oder "Muslime sind" in den Computer eingibt. Christen kamen bei diesem Test glimpflich davon. Ilanit Spinner fragte, wie man auf solche Aussagen reagieren solle. Die drei Familien zeigten sich besonnen, engagiert, differenziert.

Pfarrerin Angelika Wagner bedauert fehlende interreligiöse Begegnungsmöglichkeiten

Aber die Wohlfühl-Stimmung war dahin. Die evangelische Dekanin Dr. Edda Weise meldete sich aus dem Publikum, lobte den "wertschätzenden Umgang" der Mütter mit ihren Kindern auf der Bühne und hätte statt der eingeblendeten provokanten Vorurteile lieber weiterhin erlebt, dass die Beteiligten "das Miteinander-Leben stark machten".

"Erst wenn Freundschaften entstehen, haben wir einen wirklichen Dialog."
Michel Schnabel

Vor der Drei-Mütter-und-Kinder-Konstellation waren zwei Religionslehrer und der Zentralrats-Präsident Josef Schuster in das Thema eingestiegen. Auch hier beleuchtete man das Verhältnis der Religiösen untereinander im Licht möglicher Befriedung. So bedauerte Michel Schnabel, dass beispielsweise Fernsehredakteure ausschließlich extreme Muslime in ihre Talk-Shows einlüden, wie wenn sie als Repräsentanten christlicher Bevölkerungsteile stets Zeugen Jehovas oder Scientology-Anhänger vor die Kameras setzten. Speziell in Würzburg fehlt dem Konvertiten und Vereinssprecher von Selam-Mainfranken e.V im interreligiösen Bezug, "dass wirkliche Beziehungen zwischen den Menschen aufgebaut werden". Da seien Muslime und Juden in Nürnberg schon erheblich weiter, wie auf gemeinsamen Exkursionen nach Israel: "Erst wenn Freundschaften entstehen, haben wir einen wirklichen Dialog."

Pfarrerin Angelika Wagner von der David-Schuster-Realschule bedauerte fehlende interreligiöse Begegnungsmöglichkeiten, denn: "Gegenseitige Vorurteile nehmen zu." Hier hakte Josef Schuster ein: "In ihrer Ausbildung lernen Lehrer leider nicht, wie man interveniert, wenn es zu antijüdischen oder antimuslimischen Übergriffen an ihren Schulen kommt."

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