WÜRZBURG

Wenn Unsicherheit zu Missbrauch führt

„Sie gelten häufig als ungeschützt, als rechtlos und zur Verfügung stehend“: Elisabeth Kirchner über den gefährlichen Status allein reisender Flüchtlingsfrauen. Foto: thomas obermeier

Kaum einer spricht darüber und doch ist es ein akutes Problem: sexuelle Gewalt in Flüchtlingsunterkünften. Die psychologische Psychotherapeutin Elisabeth Kirchner arbeitet seit 24 Jahren in der Fachberatungsstelle von Wildwasser in Würzburg und weiß, warum es gerade in Asylbewerberheimen leicht zu Übergriffen kommt. Im Interview spricht die 50-Jährige über unbewussten Missbrauch, Machtgefälle, Kulturschocks und die Rolle der ehrenamtlichen Helfer.

Frage: Frau Kirchner, wie wahrscheinlich ist es, dass es in Flüchtlingsunterkünften zu sexuellem Missbrauch kommt?

Elisabeth Kirchner: Wenn wir über Institutionen sprechen, haben wir immer einen Blick auf sexualisierte Gewalt. Wie in anderen Einrichtungen kommt es auch in Flüchtlingsunterkünften zu Übergriffen. Das ist leider sicher.

Was verstehen Sie unter sexualisierter Gewalt?

Kirchner: Im schwersten Fall die Vergewaltigung, die auch als Kriegsmethode und zur Demütigung eingesetzt wird. Außerdem sexueller Missbrauch, sexuelle Nötigung oder die Herabwürdigung durch Entrechtung.

Gerade, wenn wir über unterschiedliche Kulturen sprechen, ist der Begriff „Entrechtung“ nicht so leicht zu definieren.

Kirchner: Ja, das stimmt. Uns geht es auch nicht darum, andere Kulturen zu verurteilen, sondern darum sich klarzumachen, dass die Menschen, die hierherkommen, andere Werte mitbringen. Es ist wichtig, dass wir nicht unsere Maßstäbe überstülpen, sondern eine Schnittmenge finden. Das bedarf sehr vieler Sensibilität und Reflexion.

Welche Form der sexualisierten Gewalt findet man in Flüchtlingsunterkünften am häufigsten vor?

Kirchner: Das sind vermutlich die Übergriffe gegenüber allein reisenden Frauen. Diese gelten häufig als ungeschützt, als rechtlos und zur Verfügung stehend. Dieser Status ist gefährlich, sie brauchen viel Schutz, viele haben ja schon vor ihrer Ankunft Gewalt erlebt.

Von anderen Flüchtlingen?

Kirchner: Ja, einmal das. Aber auch von deutschen Männern, die denken, dass man diese Frauen leichter „rumkriegen“ kann. Tatsächlich sind die Frauen oft verunsichert, kennen die Gepflogenheiten hier nicht und wissen nicht, ob und wann sie auch Nein sagen dürfen. Viele denken, sie müssen dankbar sein und dürfen nichts Schlechtes über die Deutschen sagen. Auch nicht, wenn sie ihnen wehtun. Die Zahl derer, die Hilfe suchen, ist sehr, sehr gering.

In Würzburg suchen auch immer mehr Familien Asyl. Wie gefährdet sind die Kinder?

Kirchner: Die Kinder haben auf der Flucht und in ihrem Heimatland bereits sehr Schlimmes erlebt. Hier in Deutschland suchen sie daher nach Zuwendung und Aufmerksamkeit. Hinzu kommt, dass sie aus Kulturen kommen, in denen das Thema Sexualität tabu ist. Manche haben nicht einmal in ihrer eigenen Sprache Worte für ihre Geschlechtsteile oder auch sexuelle Handlungen. Das heißt, wenn sie Übergriffe erleben, können sie das gar nicht einordnen und wissen nicht, was es bedeutet. Auch ihnen wird vermittelt, dass sie den Deutschen dankbar sein müssen und wenn jetzt jemand kommt und sagt „Zeig mal deinen Penis“, dann denken sie, dass sie das machen müssen.

Bezieht sich jetzt auf deutsche Helfer?

Kirchner: Ja, zum Beispiel. Die Kinder wissen doch nicht, was hier üblich ist. Es gibt etwa gesundheitliche Untersuchungen, bei denen sie sich ausziehen sollen. Auch wenn sie Angst haben, müssen sie machen, was die Deutschen verlangen. Man weiß ja gar nicht, was man tun und lassen darf. Da gibt es eine große Verunsicherung – bei den Eltern wie bei den Kindern.

Wir haben über Frauen und Kinder gesprochen. Können auch Männer in den Flüchtlingsunterkünften Opfer sexueller Gewalt werden?

Kirchner: Auch jugendliche unbegleitete Flüchtlinge und Männer sind gefährdet, weil ein Machtgefälle zwischen ihnen und den deutschen Frauen besteht. Es gibt viele junge Frauen, die als Helferinnen tätig und sich nicht im Klaren sind, mit welcher Vorstellung von Sexualität die Männer hierherkommen.

Und die die Männer dann überrumpeln?

Kirchner: Ja, die Männer sind abhängig von der Hilfe, die sie hier bekommen. Da kann es passieren, dass deutsche Frauen das Machtverhältnis ausnutzen, um sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen. Sie laden Männer ein, mit ihnen nach Hause zu kommen. Weil diese sich in der deutschen Kultur nicht auskennen, wissen sie nicht, wie sie sich verhalten dürfen und was sie ablehnen dürfen. Ähnlich wie bei Kindern und Frauen kann es so auch hier zu sexueller Gewalt oder Demütigung kommen.

Manchmal ohne dass der oder die Deutsche das so bewusst wahrnimmt?

Kirchner: Genau. Es ist für viele sehr schwierig zu unterscheiden, ob das Gegenüber etwas aus Höflichkeit, Unsicherheit oder freiem Willen tut.

Wie kann man das herausfinden?

Kirchner: Sicherlich ist es gut, sich klarzumachen, dass die Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Gepflogenheiten kommen. Man muss sich da nicht im Speziellen auskennen, aber sollte eine Sensibilität für andere Werte haben.

Um dann das eigene Verhalten zu reflektieren?

Kirchner: Ja, man sollte sich klar machen, dass man als Helfer oder Helferin eine Machtposition hat. Einige denken, sie seien nur ein kleines Rädchen, aber als hier lebende Menschen haben wir per se einen höheren Status. Wir können hier bleiben, verfügen über die Mittel, sprechen die Sprache und kennen die Regeln. Das macht uns mächtig. Gleichzeitig muss man damit beschäftigen, dass eine Gefährdung besteht. In Einrichtungen gibt es leider sexuelle Übergriffe – das zeigt die Erfahrung. Sich darauf gedanklich einzulassen, ist schon unheimlich viel wert.

Aber es wird zu selten getan?

Kirchner: Natürlich möchte man so etwas nicht sehen, das ist ganz klar. Man will als Helfer etwas Gutes tun und sich nicht unterstellen lassen, dass man in eine Flüchtlingsunterkunft geht, um ein Kind zu missbrauchen. Das möchte ich persönlich auch niemandem unterstellen, aber die Erfahrung zeigt, dass es vielfach vorkommt. Zumal es hier einen sehr leichten Zugriff gibt.

Könnten strengere Kontrollen bei der Einstellung von Helfern dies verhindern?

Kirchner: Das Führungszeugnis wird nur wenige aussortieren. Sinnvoll sind in meinen Augen präventive Schulungen. Die Menschen zu zeigen, worauf sie im Umgang mit den Flüchtlingen achten können. Helfer sollten zum Beispiel zu Beginn ihrer Arbeit lernen, wie man den Körperkontakt mit Asylbewerbern am besten gestaltet.

Geht dann nicht auch ein Stück Menschlichkeit verloren?

Kirchner: Das darf nicht passieren. Es ist sehr wichtig zu sagen, wie großartig es ist, was unsere Gesellschaft leistet und dass so viele Leute hilfsbereit sind. Das ist super. Trotzdem gibt es negative Aspekte und für die sollte man nicht blind sein.

Spielt dabei auch die Form der Unterbringung eine Rolle?

Kirchner: Auf jeden Fall. Das sieht auch die Bundesregierung so. Johannes-Wilhelm Röhrig, der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, hat ein Papier in Würzburg veröffentlicht, das bestimmte Standards in Flüchtlingsunterkünften fordert.

Welche zum Beispiel?

Kirchner: Allein reisende Frauen mit Kindern sollen etwa separat untergebracht werden. Außerdem werden abschließbare und getrennte Duschen gefordert. Kinder sollen über ihre Rechte informiert werden.

Die Flüchtlinge kommen ja nicht erst seit gestern zu uns. Ist das Thema sexueller Missbrauch in solchen Unterkünften bislang verschlafen wollen?

Kirchner: Nein, denn erst einmal ist es natürlich wichtig, dass die Menschen ein Dach über den Kopf haben und etwas zu essen bekommen. Erst dann kann man sich anderer Themen annehmen.

Wie ist die Lage in Würzburg?

Kirchner: Ich habe gehört, dass es Übergriffe gab, aber nicht aus erster Hand. Ab und an haben sich Ehrenamtliche an uns gewandt, die sich unsicher waren. Ganz wichtig: Es geht dabei nie darum jemanden anzuschwärzen. Sondern, wenn jemand in Sorge ist, zu schauen, was es braucht.

Im besten Fall hatten die Wenigsten bislang etwas mit dem Thema zu tun. Wie erkenne ich, ob jemand Opfer sexueller Gewalt geworden ist, wenn er sowieso von der Flucht traumatisiert ist?

Kirchner: Auch für eine Fachfrau ist es extrem schwierig zu unterscheiden, was die Folge eines alten Traumas ist und was auf aktuelle Gewalt hindeutet. Wenn jemand ein komisches Gefühl im Bauch hat, sollte er oder sie das einfach ernst nehmen.

Was möchten Sie den Würzburger Helfern mit auf den Weg geben?

Kirchner: Ich habe großen Respekt vor ihrem Einsatz. Vielleicht ist deutlich geworden, dass die Gefahr sexueller Gewalt besteht. Man sollte da einfach ein offenes Auge und Ohr für haben. Ich lade ein, wenn etwas auffällt, damit zu uns oder zu den hauptamtlichen Ansprechpartnern zu kommen, sich so Hilfe zu holen und zu entlasten.

Ansprechpartner in Würzburg Wildwasser: Kaiserstraße 31, Tel. (09 31) 1 32 87; pro familia: Semmelstraße 6, Tel. (09 31) 46 06 50.

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