WÜRZBURG

Wenn ausländische Senioren Pflege brauchen

Betreuung im Alter: Das Archivbild zeigt die in Deutschland geborene türkische Sozialwissenschaftlerin Insaf Bengi Azcan (links) mit einer Bewohnerin des ersten deutschen multikulturellen Seniorenzentrums in Duisburg („Haus am Sandberg"). In Würzburg gibt es noch keine Einrichtung speziell für pflegebedürftige Senioren mit Migrationshintergrund. Foto: dpa

Das Berliner Altenheim „Pflegehaus Kreuzberg“ bietet alles, was das Seniorenherz begehrt: Gut ausgebildetes Pflegepersonal, behindertengerechte Zimmer, altersgerechte Ernährung, Musiknachmittage – und einen Gebetsraum. Letzteres Angebot existiert aus einem ganz bestimmten Grund: 2007 wurde die Einrichtung unter dem Namen „Türk Bakim Evi“ als Seniorenheim ausschließlich für Türken gegründet. In Würzburg gibt es eine solche Einrichtung nicht.

Doch auch hier werden sich die Heime in den kommenden Jahren auf mehr pflegebedürftige Senioren mit Migrationshintergrund einstellen müssen. Einige Träger beschäftigen sich schon jetzt mit dem Problem einer „kultursensiblen Altenpflege“.

Am 31. Dezember 2010 lebten laut Ausländerzentralregister über 11 000 Ausländer in Würzburg. 1075 davon waren zu dem Zeitpunkt 65 Jahre oder älter. Da in der Statistik nur sogenannte „Passausländer“ gelistet sind – also keine Migranten, die eine deutsche Staatsbürgerschaft haben – dürfte die Zahl noch weitaus höher liegen.

Doch Ausländer in Altenheimen? Noch keine akute Herausforderung, aber „es fängt langsam an, ein Thema zu werden“, sagt Thomas Kipple, Fachbereichsleiter für Migration beim Caritas Diözesanverband Unterfranken. „Wir haben auch schon eine Fortbildung dazu angeboten, wie man mit Migranten in Pflegeheimen umgeht“, erzählt er. Doch die Resonanz aus den Einrichtungen sei „gleich null“ gewesen.

Anders als in größeren bayerischen Städten wie Nürnberg oder München sei der Personenkreis in den Würzburger Altenheimen noch nicht angekommen. Viele ausländische Senioren seien entweder in ihre Heimat zurückgekehrt oder würden von ihrer Verwandtschaft gepflegt, sagt Natalia Soldo-Rico Gonzalez vom Ausländer- und Integrationsbeirat der Stadt. „Ausländer die in Würzburg im Heim landen, haben oft keine Verwandtschaft mehr“ – aktuell seien das etwa fünf bis zehn pro Jahr, die Gonzalez bekannt werden.

Vor allem wegen mangelnder Deutschkenntnisse fänden diese sich im Heim oft in einer Außenseiterrolle wieder, so Gonzalez. Gespräche oder die Teilnahme an Unterhaltungsprogrammen – kaum möglich. „Ältere Menschen neigen vermehrt dazu, in ihre Muttersprache oder besser gesagt in ihre emotionale Sprache zu verfallen. So werden selbst vorhandene Deutschkenntnisse immer schwächer“, erklärt sie. Und das Sprachproblem ist nicht das einzige, mit dem sich die Heime künftig verstärkt auseinandersetzen müssen.

„Ganz klar haben Senioren besonders mit islamischem Hintergrund andere Bedürfnisse und Lebensgewohnheiten“, sagt Sema Kuzucu von der Kontakt- und Informationszentrale für Muslime (KIMUS): Beispielsweise die Möglichkeit, bestimmte Waschrituale einzuhalten und sich dem Glauben entsprechend zu ernähren. Aber auch die Pflege durch gleichgeschlechtliches Personal.

Um sich auf den Personenkreis vorzubereiten, sei es sinnvoll, „muslimisches Personal, das mit Sprache, Kultur und Religion dieser Menschen vertraut ist, einzustellen“, sagt Kuzucu. Außerdem müssten die Altenheime ihr Personal besser schulen, fordert Gonzalez.

Auch Luise Piening-Geißler, Leiterin des BRK-Seniorenheims „Dr. Dahl“ in der Sanderau, rechnet damit, dass in den nächsten zehn Jahren „deutlich mehr“ Senioren mit Migrationshintergrund auf die Altenheime zukommen. Aktuell sei das jedoch noch „Zukunftsmusik“: Zwar setze man sich bereits mit dem Thema auseinander, aber im Moment „haben die Heime so viele andere Probleme, dass dieses Thema noch hinten ansteht.“

Außerdem seien zehn Prozent des Personals in den BRK-Heimen im Landkreis Würzburg russischstämmig, hinzu kämen einige Türken und eine Mitarbeiterin aus Afrika. Für schweinefleischfreie Kost sei in den Einrichtungen ebenso gesorgt wie für vegetarische Speisen.

Auch wenn das ehemalige „Türk Bakim Evi“ in Berlin inzwischen in „Pflegehaus Kreuzberg“ umbenannt und für ältere Menschen aller Nationalitäten geöffnet wurde, liegt dessen Schwerpunkt weiterhin auf der Pflege von Muslimen. Ein spezielles Altenheim für Muslime – ein begrüßenswertes Modell? Ja, findet Gonzalez. „Es gibt ja auch katholische Einrichtungen“, argumentiert sie und betont, dass Migranten vor den gleichen moralischen Fragen stünden, wenn es um die Unterbringung ihrer Angehörigen geht, wie Deutsche auch. „Man möchte für sie das Beste. Und dazu zählt auch eine Umgebung, in der ein respektvoller Umgang mit kulturellen und religiösen Hintergründen gewährleistet ist.“

„Ausländer die in Würzburg im Heim landen, haben oft keine Verwandtschaft mehr.“

Natalia Soldo-Rico Gonzalez vom Ausländer- und Integrationsbeirat

„Die Einrichtungen müssen die Pluralität der Gesellschaft widerspiegeln“, findet auch Volker Stawski von der Seniorenberatungsstelle der Stadt. Doch ein eigenes Heim für bestimmte Bevölkerungsgruppen sei bei der geringen Nachfrage in Würzburg „nur schwer finanzierbar“, glaubt er. „Denkbar wären aber kleine Abteilungen in großen Einrichtungen, in denen auf bestimmte kulturelle Bedürfnisse eingegangen werden kann.“

Die Kritik, eine solche Einrichtung widerspreche dem Integrationsgedanken, hält Gonzalez für unangebracht. Es sei einfach eine Möglichkeit für ältere Menschen, ihren Lebensabend so zu verbringen, wie sie in Deutschland alt geworden sind.

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