WÜRZBURG

Wenn der Koch das Gemüse fühlt

Ronny Schumann arbeitet mit einer Kollegin an seinem neuen Arbeitsplatz in der Küche der Montessori-Kindertagesstätte in Würzburg. Foto: Thomas Obermeier

Bedächtig unterschreibt Ronny Schumann seinen Arbeitsvertrag. Tief über das Papier gebeugt, setzt er seine Unterschrift. Schumann ist auf dem linken Auge blind, auf dem rechten hat er einen Sehrest von 25 Prozent. Das heißt: Er nimmt die Welt in Umrissen wahr.

Trotzdem hat Schumann es geschafft: Er wird als Hauswirtschaftshelfer in der Montessori-Kindertagesstätte in Würzburg arbeiten und ist damit der erste Mitarbeiter der Werkstatt für Sehgeschädigte des Blindeninstituts, der in einen inklusiven Außenarbeitsplatz vermittelt wurde.

Dass sich Ronny Schumann in der Küche wohlfühlt, sieht man schnell. Der 37-Jährige weiß genau, wo alles steht, bewegt sich sicher zwischen den Arbeitsflächen und eckt nirgendwo an. Er hat in der Kita eine Art Kooperationsvertrag bekommen, ähnlich wie ein Leiharbeitsverhältnis. Der Vertrag wird zwischen der Werkstatt und der Kita geschlossen. Für den 37-Jährigen funktioniert das wie ein Sicherheitsnetz: Wenn es bei seiner neuen Arbeit doch nicht klappen sollte, kann er jederzeit zurück zu seinem Job in der Werkstatt.

Schumann gelang der Sprung in den ersten Arbeitsmarkt

Chefin an seinem neuen Arbeitsplatz ist Silvia Popp, Schumann nennt sie „Küchenfee“. Ihr fehlte einer, der körperlich mitanpacken konnte. Deshalb fragte Popp bei der Werkstatt für Sehgeschädigte an. Für deren Integrationsbeauftragten Thomas Aurich war klar, dass Schumann der beste Mann für den Job wäre.

Im November 2015 begann Schumann dann zunächst mit einem Praktikum in der Kindertagesstätte. Außenpraktikum wird es in der Werkstatt genannt. Denn nur ein Prozent der Menschen mit Behinderung werden in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Ronny Schumann hat es geschafft und nun seinen ersten Arbeitsvertrag unterschrieben.

Der Weg zu seinem neuen Job war allerdings nicht immer einfach, „ich hatte richtig Bammel“, sagt Schumann. Vor allem davor, wie er sich in einem fremden Umfeld zurechtfinden würde, dass er seine alten Kollegen vermissen könnte und ob er rauchen dürfe. Die neue Stelle war anfangs einfach schwer vorstellbar. Erst als er in der Küche mit der breiten Durchreiche zum Essbereich stand, den Thermomix und den Backofen berührte, Geschirr in die Spülmaschine einräumte und Gemüse schälte, wurde die neue Arbeit für ihn greifbar.

Thomas Aurich half Schumann, sich in seiner Arbeit zurechtzufinden: Sie übten den Weg von Schumanns Zuhause zur Kindertagesstätte ein, der 37-Jährige lernte, die Gerichte zu kochen. Alles wurde so strukturiert, dass Schumann problemlos arbeiten kann. Es gibt einfach zu bedienende Geräte, möglichst nichts steht im Weg rum und die Rezepte sind extra doppelt vergrößert ausgedruckt, so dass Schumann sie trotz seiner Sehbeeinträchtigung lesen kann.

Schumann ist für die Lagerung der Lebensmittel und den Zustand der Küche verantwortlich, er bäckt Brot und kocht für die Kinder und Mitarbeiter der Kita einfache Gerichte.

In der Kita ist der 37-Jährige der Liebling der Kinder

„Viele Rezepte kann Ronny Schumann alleine kochen“, sagt Silvia Popp, „da muss ich gar nicht mehr hinterhergucken.“ Sie und ihre Mitarbeiterinnen sind froh, dass Schumann da ist. Er schaue über den Tellerrand hinaus, erledige auch mal Aufgaben am Feierabend oder helfe seinen Kolleginnen.

Schumann mag es, wenn freitags die Gemüselieferung kommt. „Dann prüfe ich, ob alles da ist, und zur Not muss das, was fehlt, noch am Wochenende zu mir nach Hause geliefert werden“, erzählt er. Und die Kinder sieht Schumann, wenn er ihnen das Essen gibt. Manchmal geht er auch an die Tische und wünscht einen guten Appetit. „Er liebt die Kinder – und die Kinder lieben ihn“, sagt Popp. Mit Informationen von epd

Ronny Schumann hat gerade seinen Arbeitsvertrag unterzeichnet. Neben ihm: Silvia Popp, Leiterin der Küche der Kindertagesstätte. Foto: Thomas Obermeier

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