WÜRZBURG

Wenn die Weißen fliehen müssten

Mit ausdrucksstarken Bildern vermitteln die vor einem Jahr gegründeten „Teenplayers“ in der Theaterwerkstatt das Thema „Flucht“.
Mit ausdrucksstarken Bildern vermitteln die vor einem Jahr gegründeten „Teenplayers“ in der Theaterwerkstatt das Thema „Flucht“. Foto: Pat Christ

Plastiktüten. Über den ganzen Bühnenboden verstreut liegen Plastiktüten. Tüten von Klamottenbudiken, Discountern, Möbelhäusern. Diese Tüten werden in den nächsten 45 Minuten geknautscht, gerupft, geschultert und verschachert. Wie ein roter Faden ziehen sie sich durch „Fluchtwege“ der Theatergruppe „Teenplayers“. Das erste Stück des vor einem Jahr gegründeten Ensembles feiert am Donnerstag in der Würzburger Theaterwerkstatt Uraufführung.

Seit Herbst wurde „Fluchtwege“ unter Leitung der Theaterpädagoginnen Christina Motsch und Theresa Salfner-Funke von zwölf Jugendlichen aus Würzburger Gymnasien und Realschulen entwickelt. „Am Anfang wussten wir nicht, mit welchem Thema wir uns beschäftigen sollten“, sagt Teenplayerin Alina Göbel. Mehrere Themen standen zur Auswahl. Schließlich entschieden die Teenager, sich mit dem virulenten Thema „Flucht“ auseinanderzusetzen. Dies allerdings sollte auf ganz eigene Weise geschehen.

Die Jugendlichen wollten nicht eines der vielen Schicksale herausgreifen, mit denen die Menschen hierzulande durch die Flüchtlinge direkt oder indirekt konfrontiert werden. Sie drehten den Spieß um und fragten sich: Was wäre, wenn es hier wieder Bomben hageln würde? Was, wenn wir vor Krieg, Kälte, Hunger, Folter und Obdachlosigkeit fliehen müssten?

Das erscheint im Augenblick unmöglich. Aber schließlich ist es noch gar nicht so lange her, dass genau dies in Deutschland passierte. Tausende versuchten, das Land zu verlassen. Nicht zuletzt Künstlerinnen und Künstler flohen aus Deutschland ins Exil nach Finnland oder Amerika. Von einem Würzburger Zeitzeugen erfuhren die Jugendlichen, wie es Anfang der 1940er Jahre in ihrer Heimatstadt zuging. „Außerdem lasen wir Bücher zum Thema ,Krieg?“, so Achtklässlerin Alina Göbel.

Jeder aus dem zwölfköpfigen Ensemble agiert in weißer Kleidung auf der Bühne. So, wie aktuell im Blick der Deutschen „die Schwarzen“ nach Europa kommen, so fliehen sie, die „Weißen“, in der Collage nach Jordanien. Individuelle Rollen gibt es nicht, die Gruppe tritt geschlossen auf, wiewohl sich immer wieder einzelne Stimmen erheben. Licht und Bewegung machen das Stück lebendig. In konzentrierten Miniaturszenen werden die vielfältigen Facetten von „Flucht“ angerissen.

Ohne Schlepper zum Beispiel kommt man nicht weit. Wie aber das Geld auftreiben, um aus Deutschland herausgeschleust zu werden? Dann die Frage, was man mitnimmt. Auf jeden Fall ein Tagebuch! „Darin sind Erinnerungen an schöne Momente festgehalten“, sagt Gymnasiastin Maria Balling. Die werden ins Stück eingespeist: „Denn wir wollten auch Fröhliches hineinbringen.“ Wäre die Thematik doch ansonsten zu beklemmend. Der Schluss wird, wenn es auch kein rosarotes Happy End geben wird, zumindest nicht grausam sein, verrät die Jugendliche: „Das Publikum wird mit gemischten Gefühlen rausgehen.“

Die Idee zu den „Teenplayers“ entwickelte sich aus dem Riemenscheider-Gymnasium heraus, wo Theresa Salfner-Funke Theater unterrichtet. 2012 ging die erste Theaterklasse an den Start. Zwei Jahre lang, nämlich in der 5. und 6. Jahrgangsstufe, haben Kinder dieser Klasse Theater als Unterrichtsfach. Danach können sie zum Wahlfach „Theater“ für Mittelstufenschüler wechseln. Außerhalb der Schule gibt es in Würzburg allerdings kaum Möglichkeiten für Jugendliche, ihr Theaterwissen anzuwenden. Diese Lücke wollten die „Teenplayers“ füllen.

Mit Christina Motsch, ehemalige Schauspielerin des Mainfranken Theaters, fand Salfner-Funke eine freischaffende Theaterpädagogin als zweite Leiterin. Die Theaterwerkstatt gab der Gruppe eine Heimat. Das gesamte Equipment der Profibühne von der Lichtanlage bis zur Tontechnik stand den „Teenplayers“ während der Entwicklung des Stücks zur Verfügung. Bei „Fluchtwege“ wird davon auch reichlich Gebrauch gemacht. Weshalb sich die Collage von herkömmlichen Schultheateraufführungen deutlich unterscheidet.

Für Josefa Funke von den „Teenplayers“ war es eine bereichernde Erfahrung, sich mit den Mitteln des Theaters dem bedrückenden Thema „Flucht“ anzunähern. Mit ihrem Stück, so die Matthias-Grünewald-Gymnasiastin, appellieren die Jugendlichen, Flüchtlingen mit Respekt zu begegnen. Was sie mitmachen mussten und hinter sich haben, sei unvorstellbar: „Ich selbst möchte niemals in die Lage kommen, fliehen zu müssen.“

Aufführungen Das Stück „Fluchtwege“ ist am Donnerstag, Freitag und Samstag 21., 22. und 23. Juli jeweils um 20 Uhr in der Theaterwerkstatt (Rüdigerstraße 4) zu sehen.

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