Glosse

Wenn im Mittelalter das Ketzer-Knie und der Lanzen-Arm plagten

Was heute der Tennisarm ist, könnte früher der Lanzen-Arm gewesen sein. Das Foto entstand bei den Kaltenberger Ritterspielen. Foto: Peter Ernszt, DPA

Sprachforscher aufgemerkt: Das Wort "Mausarm" ist nicht mit der Redewendung "arm wie eine Kirchenmaus" verwandt. Beim Mausarm handelt es sich vielmehr um ein orthopädisches Phänomen, das eine Vielzahl von Beschwerden im Arm bezeichnet, hervorgerufen durch chronische Fehl- oder Überbelastung der betreffenden Extremität. Unter anderem kann der exzessive Gebrauch der Computer-Maus an so etwas schuld sein.

Wir kennen etwas Ähnliches unter der Bezeichnung "Tennisarm". Auch hier leidet der Arm unter einer immer wiederkehrenden Belastung und reagiert mit Schmerzen (laienhaft ausgedrückt). Interessant daran ist nicht nur das Krankheitsbild an sich, sondern seine Bezeichnung, die ja mehr oder minder im historischen Kontext fußt. Der Tennisarm heißt erst Tennisarm, seit man die Sportart Tennis kennt. Und vor der massenhaften Verbreitung des PCs dürfte auch der Mausarm noch weithin unbekannt gewesen sein.

Schmerzen nach dem Ritterturnier

Fehlbelastungen des Bewegungsapparates hat es jedoch mit Sicherheit schon früher gegeben. Leider haben aber die orthopädischen Facharztpraxen des Mittelalters nur wenige schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen, so dass über die damals verwendeten Begrifflichkeiten nur spekuliert werden kann.

"Seine Gnaden haben leider einen Lanzen-Arm", mag wohl der fürstliche Leibarzt seinem hochwohlgeborenen Patienten eröffnet haben, den immer nach der Ritterturnier-Saison so arge Schmerzen plagten. Ganz ähnlich wird auch die Diagnose des Feldschers geklungen haben, dem der Landsknecht in der Gefechtspause sein malträtiertes Gelenk vorstellte. "Hellebarden-Ellbogen, da könnt Ihr nichts machen, außer Euch zu den Bogenschützen versetzen lassen. Oder ich amputiere."

Gesundheitsrisiko Häresie

Besonders in Klöstern anzutreffen war sicher der Kopisten-Daumen, der vom andauernden Festhalten der Gänsefeder herrührte, die die Mönche im Skriptorium von morgens bis abends schwangen. So eine Bibel kopiert sich schließlich nicht in einem Monat. Das Ketzer-Knie wurde wahrscheinlich durch intensives Abbitteleisten hervorgerufen, wenn der inflagranti erwischte Häretiker kniend seine Verfehlungen eingestehen musste, um dem Scheiterhaufen zu entgehen. Fleißige Bäuerinnen zogen sich, wenn ich mal wild spekulieren darf, gerne den Spindel-Finger zu, Müller litten unter dem Mehlsack-Buckel und zänkische Frauen unter dem Halsgeigen-Syndrom.

Wie schön, dass es diese Beschwerden in der Form heute nicht mehr gibt. Überhaupt sind etliche sehr hässliche Erkrankungen zumindest hierzulande mittlerweile so gut wie ausgestorben. Die Blattern, die Pest oder die Schwindsucht, die braucht ja wohl kein Mensch. Dann doch lieber einen Mausarm.

Rückblick

  1. Glosse: Essen lernen für Fortgeschrittene
  2. Glosse: Wie werde ich meinen Leih-Weihnachtsbaum wieder los?
  3. Glosse: Wenn Erwachsene kraulen lernen . .
  4. 's Käuzle: Wie man zum idealen Weihnachtsgeschenk kommt
  5. Alarmstufe Rot: Die Mode der 80er kehrt zurück
  6. Pilzzeit: Warum Unkundige nur im Supermarkt sammeln sollten
  7. Glosse: Wie die Bierflasche zum Nussknacker mutiert
  8. 's Käuzle: Vollfressen bis Oberkante Unterkiefer
  9. Wenn im Mittelalter das Ketzer-Knie und der Lanzen-Arm plagten
  10. Wie man das Ochsenfurter Festwochenende strategisch plant
  11. Wie Bienen bei der Polizei Karriere machen können
  12. Im Reich des Schimmels: der Bürokühlschrank
  13. Erfahrungsaustausch: Stammtisch für Ochsenfurter Putzroboter
  14. Maskottchen: Der Kauz kehrt heim nach Ochsenfurt
  15. Kellner-Alltag: Tatar bitte, aber richtig schön durch
  16. Wenn die Tour de France schon in Rittershausen endet
  17. Brauchtumspflege mal anders: Was die Saufmaschine alles kann
  18. Freuden des Landlebens: Wenn das Alpaka leise summt
  19. 's Käuzle: Keine Ahnung vom Küssen
  20. 's Käuzle: In der Schule schläft es sich am besten
  21. Kolumne: Peinliche Plastiktüten für Ochsenfurt
  22. 's Käuzle: Von Eulen um den Schlaf gebracht
  23. 's Käuzle: Wie man mit einem Teenager überlebt
  24. Warum das Mathe-Abi ein Alptraum ist - und lange bleibt
  25. 's Käuzle: Kaffee kochen mit 180 Sachen
  26. 's Käuzle: Warum Eulen gute Beifahrer abgeben
  27. 's Käuzle: Der Nackige und die Brennnessel
  28. 's Käuzle: Wachskerze gegen Datenklau
  29. 's Käuzle: Russische Philosophen der Yuan-Dynastie
  30. 's Käuzle: Neuer Wein in alten Schläuchen
  31. 's Käuzle: Suboptimale Wortwahl
  32. 's Käuzle: Als Baustellenampel zum Faschingszug
  33. 's Käuzle: Vom Segen des Bargelds
  34. 's Käuzle: Friedhof der Kuscheltiere
  35. 's Käuzle: Macht doch alles keine Freude mehr
  36. 's Käuzle: Der einsame Frosch soll sich verlieben
  37. 's Käuzle: Katze auf Jobsuche
  38. 's Käuzle: Das Passwort des Grauens
  39. 's Käuzle: Sitzheizung statt Kerzenschein
  40. 's Käuzle: Zum Glück gibt's die Glückskatze
  41. 's Käuzle: Weihnachten auf der einsamen Insel
  42. 's Käuzle: Adventlicher Kerzen-Streit
  43. 's Käuzle: Bierverbot für frisch Operierte
  44. 's Käuzle: Schenk doch mal wieder Socken!
  45. 's Käuzle: Hilfreiche Tattoos für Polizisten
  46. 's Käuzle: Rathaussturm per Formular
  47. Gegen den Plastikkotbeutel
  48. 's Käuzle: Schmatzen in der Nacht
  49. 's Käuzle: Fahrrad first
  50. 's Käuzle: Stehpinkeln für Frauen

Schlagworte

  • Claudia Schuhmann
  • Klöster
  • Kolumne s Käuzle
  • Krankheitssymptome
  • Mausarm
  • Mönche
  • Orthopädie
  • Pest
  • Pocken
  • Schmerzen und Schmerzmedizin
  • Schwindsucht
  • Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!