WÜRZBURG

Wer Musik zur Ware machte

Aufklärung ist heuer ein Schwerpunkt des Würzburger Mozartfestes. Ulrich Konrad, Professor für historische Musikwissenschaft an der Universität, ging dem Thema in der Vinothek des Staatlichen Hofkellers nach. Mit 60 Plätzen bestuhlt, war der Abend restlos ausverkauft. Nicht schlecht für einen Vortrag, der so ganz gegen den Zeitgeist argumentierte, nach dem möglichst simple Lösungen den meisten Beifall bekommen.

Es gab nicht eine Aufklärung in Europa, so Konrads grundlegender Hinweis, sondern verschiedene Strömungen zwischen den materialistischen Voltaire-Anhängern in Frankreich und dem frommen Kaiser Joseph II. in Wien, der sein Verständnis von Aufklärung auch gegen den Willen seiner Untertanen dekretierte. Und jetzt die Mitglieder der Familie Mozart, die sich zweifellos zu neuen Gedanken bekannten. Nur eben: Sie ernährten sich von ihren Einkommen als Kirchenmusiker. Ja, wenn Vater Leopold seinen Amadé als Wunderkind präsentierte, dann wollte er damit den wundertätigen Christengott preisen, führte Ulrich Konrad aus.

Für den Musikwissenschaftler war Mozarts Streit mit dem Salzburger Fürstbischof auch wohl kein „Ausbruch bürgerlichen Selbstbewusstseins“. Wie Mozart mit den Folgen seiner Kündigung umging, das hält Konrad allerdings für eine „aufgeklärte Strategie“. Nur betrachtet der Forscher diese nicht als Genietat, sondern als „vernünftigen und planvollen Umgang Mozarts mit seiner neuen Existenzform“ als freiberuflicher Musiker: Der machte die Musik zur Ware.

Einfach und komplex zugleich

Der Professor entzauberte die Klänge nicht. Davon konnten die Vinothekbesucher sich zwischen den Redebeiträgen durch das Duo Pasculli überzeugen. Oboistin Silke Augustinski und Harfenistin Bettina Linck arbeiteten die geniale Einfachheit und die gleichzeitige Komplexität dreier Mozartscher Musiksätze heraus. Und Konrad brachte seine enorm detaillierte Quellenkenntnis bei den konzentriert lauschenden Hörern an, als habe er derlei alles gerade eben am Küchentisch der Komponistenfamilie aufgeschnappt.

Nach der ökonomisch unterfütterten Geistesgeschichte kam er direkt auf die Musik zu sprechen, ja takteweise zu singen. Konrad skizzierte Grundzüge einer Ästhetik der Aufklärung und fügte Wolfgang Amadeus Mozarts Schaffen hie und da passgenau in dieses Raster ein: Musik sollte Empfindungen nachahmen, die Hörer anrühren, und musste von daher verständlich sein. Konrad: „Die Kleine Nachtmusik ist ein aufgeklärtes Experiment, wie weit man Einfachheit in der Musik treiben kann.“

Natürlich kamen auch die Freimaurer zur Sprache. Aber Freimaurer zu sein, war in den „tragenden gesellschaftlichen Schichten“ der 1780er-Jahre „die Regel“, so der Wissenschaftler, der mahnte, sich vor weitergehenden Spekulationen zu hüten.

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