Würzburg

Wie Würzburgs Stadtteil Heidingsfeld zu seinem Radlersaal kam

Gauausfahrt des Heidingsfelder Radlerclubs Pfingsten 1911.
Gauausfahrt des Heidingsfelder Radlerclubs Pfingsten 1911. Foto: Archiv Radlerclub Heidingsfeld

Bereits wenige Jahre nach der Vereinsgründung im Juni 1899 wurde deutlich, dass die Mitglieder des Radlerclubs Heidingsfeld zwar auf zwei schmalen Reifen aktiv sind, aber dennoch tiefe Spuren in der Geschichte des Städtles hinterlassen. So waren sie 1904 bei der Einführung des Faschingszuges in Heidingsfeld maßgeblich beteiligt, wie es der aktuelle Vorsitzende Adolf Schöpplein in seinem Rückblick auf 120 Jahre Radlerclub beschreibt, den die Redaktion hier auszugsweise wiedergibt.

Historische Anzeige zum zehnjährigen Bestehen des Radlerclubs 1909.
Historische Anzeige zum zehnjährigen Bestehen des Radlerclubs 1909. Foto: Archiv Radlerclub Heidingsfeld

Den Anfang machten 13 Vereinsmitglieder

Im Gründungsjahr 1899 gab es im Städtle bereits 19 Vereine, darunter so traditionelle wie den Männergesangs-Verein und die Turngemeinde von 1861, aber auch so ungewöhnliche wie den Cigarrenarbeiter-Verein oder einen Verein namens „Namenlos“. 13 Mitglieder schlossen sich am 5. Juni 1899 zum Radfahrverein 1. Radler-Club zusammen und pflegten, wie damals allgemein üblich, das Reigen- und Corsofahren. Anlässlich eines Stiftungsfestes am 26. August 1900 wurde feierlich eine Standarte enthüllt, die Patenschaft übernahm der „Velo-Club Franken“ Würzburg.

Nun konnte der Verein offiziell an den damals üblichen Reigen- und Corsofahrten teilnehmen, und bald war der Radlerclub Heidingsfeld bei vielen radsportlichen Veranstaltungen in nah und fern stets unter den Preisträgern. Auf Grund der Erfolge stießen immer neue Mitglieder dazu.

1904 wurde die Tradition des Heidingsfelder Faschingsumzugs begründet

Eine Kunstvorführung.
Eine Kunstvorführung. Foto: Archiv Radlerclub Heidingsfeld

Auch im gesellschaftlichen Bereich, in einer radio- und fernsehlosen Zeit, ließen sich die Radler etwas einfallen. So genehmigte der Heidingsfelder Magistrat 1904 dem im selben Jahr dem Arbeiter-Radfahrerbund „Solidarität“ beigetretenen Verein, am Faschingsdienstag einen öffentlichen Umzug zu halten. Damit war der heute noch bestehende Faschingszug in Heidingsfeld aus der Taufe gehoben.

Während des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918 blieb das Vereinsleben in bescheidenem Rahmen erhalten, doch die beliebten Radfahrfeste mussten ausfallen. Erst nach der Notzeit der Inflation ging es 1928 wieder aufwärts. Neben dem Reigen- und Corsofahren nahm nun auch das Kunstfahren an Bedeutung zu.

Während der NS-Zeit war der Verein aufgelöst

Mit dem Nationalsozialismus kam für alle Arbeitervereine eine schwere Zeit. Schon 1933 wurde das gesamte Inventar beschlagnahmt und der Verein aufgelöst. Die 192 Mitglieder verloren ihre Standarte, die Älteste ihrer Art in ganz Nordbayern. Für zwölf Jahre musste der  Radsport in Heidingsfeld ruhen. Erst im März 1946 gründete sich der Verein als Solidarität wieder und schloss sich als Abteilung der Turn- und Sportvereinigung von 1861 an. In dieser Vereinigung hatten sich alle Vereine des Städtle – die Vereinsgründungen wurden ja von der amerikanischen Besatzungsmacht reglementiert – zusammengeschlossen.

Allerdings erwies sich dieser Zusammenschluss als ungeeignet, da die Vereine ihre Traditionen und Stammmitglieder hatten, und die sportlichen Interessen zu weit auseinander lagen. So löste sich 1948 die Turn- und Sportvereinigung auf, die einzelnen Vereine wurden wieder selbständig. Die Solidarität trat nun – wie schon 1899 – als eigener Verein an die Öffentlichkeit und dies mit großem Erfolg. Trainiert wurde weiterhin in der von der Zerstörung verschonten Jahnhöhe der Turngemeinde Heidingsfeld.

1958 wurde mit viel Eigenleistung die Sporthalle gebaut

Mit Idealismus und viel Eigenleistung wurde 1958 der Bau der Sporthalle auf dem Grundstück der ehemaligen Klosterbrauerei am Rathaus fertiggestellt. Somit hatte nicht nur der Verein, sondern ganz Heidingsfeld einen Saal im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Der Verein zeichnete sich bald durch zahlreiche sportliche Erfolge auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene aus. Nach dem Beitritt zum Bund Deutscher Radfahrer gewann der Verein dreimal hintereinander den Bayerischen Goldpokal. Die Kunstradfahrer eilten von Sieg zu Sieg. Die Radballer spielten in der höchsten bayerischen Klasse und nahmen an internationalen Turnieren teil. Die Radpolospielerinnen errangen bayerische Meisterschaften und viele Siege.

Unter Leitung des Vorsitzenden Sigmar Stumpf vergrößerte man 1980 die immer noch im Volksmund „Soli“ genannte Sport- und Veranstaltungshalle, 2003 folgte ein Anbau für Sportgeräte, wie immer mit viel Eigenleistung und Motivation.

Aus dem Radlersaal wurde ein Zentrum für gesellschaftliche Veranstaltungen

Der „Radlersaal“ wurde neben seiner sportlichen Aufgabe ein Zentrum für kulturelle Veranstaltungen, und ab den 1980er Jahren trugen sich prominente Künstler wie Dieter Hildebrandt, Willy Michl, Gerhard Polt, Lisa Fitz, die Gruppe PUR, Ottfried Fischer und viele mehr ins Gästebuch des 1. RC Heidingsfeld ein. Dazu kamen die Prunksitzungen der Fasenachtsgilde Giemaul, zahlreiche Konzerte heimischer Musiker oder bereits seit 40 Jahren jeden Montag der Seniorentanz. Aber stets entwickelte sich auch Neues, wie etwa eine große Spinning-Abteilung. 139 Mitglieder zählt der Verein im Jubiläumsjahr, viele davon unermüdlich im Ehrenamt im Einsatz.

Ein Rückblick wäre nicht vollständig ohne eine Würdigung des langjährigen Vorsitzenden Sigmar Stumpf. Er zeichnete sich durch große Erfolge im Radsport aus. So war er Deutscher Meister im Kunstradfahren und noch heute, mit 82 Jahren, ist er beim Sport als Trainer aktiv.

Seine Aufgaben als Bundeskampfrichter – Bundesfachwart – Landesfachwart, sowie Leiter des Seniorentanzkreises I der Stadt Würzburg, nimmt er immer noch wahr. Für sein Engagement erhielt Sigmar Stumpf unter anderem das Bundesverdienstkreuz, eine Auszeichnung des IOC (Internationales Olympisches Komitee), das Goldene Stadtsiegel von Heidingsfeld und 2017 den Ehrenbrief der Stadt Würzburg. Nach 37 Jahren gab Sigmar Stumpf sein Amt 2015 an Adolf Schöpplein ab. Der trat in die großen Fußstapfen und ließ von 2015 bis 2019 große Teile der Halle renovieren und neu gestalten.

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